Militäranalyst Gady: "Jon Snow wäre ein schrecklicher Kommandant"

    5. Mai 2019, 08:00
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    Die Schlacht um Winterfell ist geschlagen. Franz-Stefan Gady erklärt, was an den Kriegsszenen in "Game of Thrones" realistisch ist und was nicht

    Achtung, Spoiler!

    Die Blockbuster-Serie Game of Thrones spielt in einem weitgehend mittelalterlichen Setting. Das gilt auch für die zahlreichen Schlachten, die im Laufe der acht Staffeln ausgefochten werden. Der renommierte Militäranalyst Franz-Stefan Gady über den Realitätsgehalt der Kriegs- und Militärszenen.

    STANDARD: Wie realitätsnah ist die Darstellung mittelalterlicher Kriegsführung in "Game of Thrones?"

    Franz-Stefan Gady: Im Allgemeinen weder besser noch schlechter als in anderen Filmen oder Serien. Es ist unterhaltsam, aber nicht besonders realistisch.

    foto: helen sloane / hbo

    STANDARD: Was stört einen Militäranalyst da besonders?

    Gady: Im TV sind antike und mittelalterliche Schlachten im Grunde Massenschlägereien: Große Mobs stürmen aufeinander zu, und alles löst sich schnell in viele Einzelkämpfe auf. Wir wissen aber, dass es das so nicht oder nur sehr selten gegeben hat. Schlachten wurden in Massenformationen geführt, wo die eine Seite versucht hat, die andere vom Schlachtfeld zu schieben und die Formation zu brechen. Da wurden kaum Schwerter geschwungen. Es sind Schildwälle aufeinandergeprallt, man hat nach dem Gegner gestochen. Deshalb ist die Game of Thrones-Schlacht, in der Daenerys Targaryen und die Dothraki den Konvoi der Lannisters angreifen, auch ein positives Beispiel für Realismus.

    STANDARD: Bis auf den Drachen vielleicht.

    Gady: Na ja, die gehören dazu. Militärisch gesehen ist das Close-Air-Support. Aber in der besagten Schlacht stellt Jamie Lannister seine Soldaten sofort zu einem Schildwall auf. Jamie ist der beste Kommandant der Serie, weil er in Formationen denkt.

    STANDARD: Welche Schlacht in der Serie gefällt ihnen noch?

    Gady: Die Battle of the Bastards stellt sehr anschaulich dar, was eine Umfassungsschlacht ist. Das historisch bedeutsamste Beispiel ist Cannae. Da haben die Karthager die Römer umzingelt und regelrecht abgeschlachtet. Es gibt furchtbare Schilderungen von Zeitgenossen, was in dem Kessel passiert ist, als die römischen Soldaten keine Luft mehr bekamen, ihren Arm nicht mehr heben konnten. Das kommt in der Folge gut raus.

    foto: helen sloane / hbo

    STANDARD: Was gibt es noch für Beispiele für Ungenauigkeiten, die sich durch Filme und Serien ziehen?

    Gady: Große Verluste während der Schlacht selbst waren eher selten. Das Gemetzel begann, wenn eine Seite nachgegeben hat und sich die Formation aufgelöst hat. Auch die Darstellung von leichter Kavallerie ist oft unrealistisch. Kavallerie hatte in der Schlacht selbst kaum Wirkung, diente zur Aufklärung, Verfolgung und vielleicht zum Schock in entscheidenden Momenten. Gegen gut gestaffelte Infanterie kann leichte, aber auch gepanzerte Kavallerie wenig ausrichten.

    STANDARD: Womit wir zur Schlacht um Winterfell kommen. Kann es für die Frontalattacke der Dothraki einen sinnvollen Grund geben oder ist das nur Dummheit?

    Gady: Das ist nur Dummheit. Ungepanzerte Kavallerie wird grundsätzlich nur an den Flanken eingesetzt, nie im Zentrum. Und man reitet keine Kavallerieattacke ohne Unterstützung der Infanterie. In der Schlacht machen die Kommandanten der "Army of the Living" eine ganze Reihe von Fehlern. Die Katapulte würde man zum Beispiel hinter seinen Truppen positionieren. Das Schlimmste ist aber die mangelnde Aufklärung. Die leichte Kavallerie müsste 20 Kilometer vor der eigentlichen Armee positioniert sein, das sind ihre Augen und Ohren. In Game of Thrones sind immer alle überrascht, wenn plötzlich tausende Gegner auftauchen.

    STANDARD: Wie schlecht ist der Schlachtplan der Lebenden?

    Gady: Bevor wir zum Schlachtplan kommen, müssen wir über das fehlende Kommando reden. Bei der Schlacht um Winterfell ist völlig unklar, wer das Oberkommando und die Übersicht hat. Jon Snow ist überhaupt ein schrecklicher Kommandant, Daenerys auch. Sie sind in Schlachten immer irgendwo unterwegs und adaptieren die Pläne nie. Es gibt da ein berühmtes Eisenhower-Zitat: Plans are worthless, planning is everything."

    STANDARD: Und trotzdem gewinnen die Lebenden die Schlacht.

    Gady: Aber nur, weil es die Möglichkeit gab, den Night King zu töten. Konventionell war die Schlacht verloren, bevor sie begonnen hat. Letztendlich ist es vor allem Glück, das die Schlacht für die Lebenden entscheidet. Aber auch das ist in der Kriegsgeschichte normal.

    STANDARD: War es dumm, sich vor der Burg aufzustellen?

    Gady: Im Mittelalter hat es solche Schlachten oft gegeben, aber selten direkt vor der Burg. Man hat immer versucht, ein Einkesseln zu verhindern. Der Fehler ist weniger, dass die Verteidiger vor Winterfell stehen, sondern wie. Sie stehen viel zu tief gestaffelt, direkt vor den Mauern, und sind auf beiden Flanken verwundbar.

    STANDARD: Was hätten die Verteidiger besser machen sollen?

    Gady: Das Stichwort ist Tiefenverteidigung. Man beginnt die Verteidigung direkt, nachdem der Feind das eigene Terrain betritt, greift immer wieder mit leichten Truppen an und stört den Vormarsch. Man zwingt ihn zu Gefechten an neuralgischen Punkten, wo er seine Übermacht nicht ausspielen kann. Die Schlacht bei den Thermopylen, wo die Spartaner die Perser aufgehalten haben, ist ein gutes Beispiel dafür.

    STANDARD: Und vor Winterfell selbst?

    Gady: Die Armee muss nicht frontal, sondern links oder rechts der Burg platziert werden, damit der Gegner eine seiner Flanken exponieren muss. Ich hätte leichte Elemente, also Bogenschützen und Ballisten, auf den Anhöhen platziert und überhaupt mehr mit Feuer und Distanzwaffen gearbeitet. Das Gefechtsfeld muss viel besser aufbereitet werden. Warum man da nur einen Graben gräbt, ist unverständlich, es war ja genug Zeit. Das Wichtigste wäre aber wahrscheinlich gewesen, früh für Luftüberlegenheit zu sorgen, indem man den gegnerischen Drachen in einer Kommandoaktion im Vorfeld oder zu Beginn der Schlacht ausschaltet.

    foto: helen sloane / hbo

    STANDARD: Numerische Unterlegenheit zieht sich durch viele Schlachten der Serie. Was kann ich da tun?

    Gady: In solchen Fällen sind drei Dinge wichtig: Distanzwaffen, ausgebaute Verteidigungsstellungen und den Gegner angreifen lassen. In der Battle of the Bastards hat Jon Snow in allen drei Aspekten versagt. Aber auch da frage ich mich vor allem: Wo ist die Gefechtsaufklärung von Ramsay Bolton? Der muss doch wissen, dass da hunderte Ritter um die Ecke bereitstehen.

    STANDARD: Daenerys Targaryen landet mit knapp 100.000 Reitern, 7000 Infanteristen und drei Drachen in Westeros. Reicht das, um einen Kontinent zu erobern?

    Gady: Militärisch auf jeden Fall, man denke nur an den Mongolensturm. Ich sehe eher zwei andere Probleme. Erstens: Wie beherrsche ich das eroberte Terrain? Dafür sind Reiterheere ungeeignet. Und zweitens die Logistik. In unsere Branche heißt es oft: Amateure reden über Strategie, Profis über Logistik. Ich frage mich zum Beispiel, ob es überhaupt genug Gras für 100.000 Pferde gibt.

    STANDARD: Wer sitzt am Ende auf dem Iron Throne?

    Gady: Ich bin Militäranalyst, kein Hellseher. Die Koalition aus Jon und Daenerys hat nach der Schlacht um Winterfell eine hohe Moral und mit den Drachen eine Waffe, die die andere Seite nicht hat. Dafür hat Cersei die Iron Bank. Winston Churchill hat einmal gesagt, dass es drei Dinge braucht, um einen Krieg zu gewinnen: Geld, Geld und Geld. (Jonas Vogt, 4.5.2019)

    Wie geht "Game of Thrones" aus? Wir spekulieren im STANDARD-Podcast Serienreif:

    Zur Person:

    Franz-Stefan Gady ist Militäranalyst, sicherheitspolitischer Berater am EastWest Institute und Redakteur des auf Außen- und Sicherheitspolitik spezialisierten Magazins "The Diplomat".

    Mehr:

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