Antonio Fian: Die Aufmerksamen

4. Mai 2019, 10:00
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Von Ratten, Wölfen und Lämmern

(Kaffeehaus. Zwei Frauen mittleren Alters bei Caffè Latte. Gespräch im Gange.)

DIE ERSTE (außer sich): – also gestern, die Sarah, ehrlich, ich kann's noch immer nicht fassen, kommt von der Schul' nach Haus' und fragt mich allen Ernstes, warum ich mich so aufreg' wegen diesem Rattengedicht, weißt eh, von diesem Drecksack aus Braunau, was dann hat müssen zurücktreten, es is' zwar ein mieses Gedicht, sagt s', aber das is' ja gar nicht wahr, dass da nur die Migranten als Ratten bezeichnet werden, in dem Gedicht sind alle Ratten, auch der Schreiber selber, das is' eine Metapher, sagt s', und die Meinung, die er hat über die Ausländer, is' ihr zwar auch unsympathisch, aber das is' halt seine Meinung und sowieso die Meinung von ganz vielen, wenn die strafbar is', sagt s', muss man die ganze FPÖ verbieten und die SPÖ gleich mit und die ÖVP und am besten überhaupt ganz Österreich, is' das zu fassen?

DIE ZWEITE: Na ja, die Pubertät ... Sie will dich provozieren.

DIE ERSTE: Hab' ich mir zuerst auch g'sagt, aber denn hab' ich 'dacht, jetz' schau ich mir doch an, was s' in der Schul' so lernen, dass sie auf eine solche Idee kommt, und schlag' das Deutschbuch auf, und weißt du, was ich find'? Ein Gedicht, da reden die Wölfe gegen die Lämmer, und da sagt der Wolf, dass die Lämmer ja gradezu einladen zur Vergewaltigung und dass sie zerrissen werden wollen und so weiter. Kannst du dir das vorstellen?

DIE ZWEITE: Nicht dein Ernst!

DIE ERSTE: Voller Ernst. Morgen bin ich beim Stadtschulrat.

(Vorhang)

Antonio Fian (4.5.2019)

Material: Christian Schilchers "Die Stadtratte (Nagetier mit Kanalisationshintergrund)"; Hans Magnus Enzensbergers "Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer".

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