Durchatmen: Laufen bei schlechter Luft

    11. Mai 2019, 11:00
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    Vom Laufen entlang stark befahrener Straßen ist abzuraten, in den meisten Fällen überwiegt der gesundheitliche Vorteil beim Laufen aber klar

    Ob in der Großstadt, im Wald – oder irgendwo dazwischen: Laufen kann man überall. Die Laufroute will trotzdem gut überlegt sein: Vom regelmäßigen Sporteln entlang stark befahrener Straßen raten Umweltmediziner ab. Denn wer sich körperlich verausgabt, holt tiefer Luft – und atmet damit mehr Schadstoffe ein.

    In der Luft liegt ein bunter Mix an Schadstoffen. Dazu gehören Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxide und Feinstaub. Der Körper kann auf sehr schlechte Luft beispielsweise mit Reizungen der Atemwege reagieren. "Die Bronchien machen zu", erklärt der Wiener Umweltmediziner Hanns Moshammer. "Das ist eine Schutzfunktion des Körpers." Mit der Zeit können sich entzündliche Reaktionen im Körper entwickeln, die Langzeitfolgen können Erkrankungen der Atemwege oder des Herz-Kreislauf-Systems sein.

    Londoner Stadtluft

    Panik ist dennoch nicht angebracht, sind sich Mediziner einig. Denn auch in den den mit Luftschadstoffen höher belasteten Städten überwiegen die gesundheitlichen Vorteile von Sport. "Physisch aktiv zu sein ist immer gut", sagt der Epidemiologe Joachim Heinrich von der Universität München, "egal ob man alt oder jung, gesund oder krank ist."

    Experimentelle Studien haben beispielsweise gezeigt, dass es bei moderater Bewegung in schadstoffbelasteter Luft keine gesundheitlichen Einschränkungen gibt, so Heinrich. Etwa was die Entzündungsparameter oder die Herzratenvariabilität angeht. Auch bei Langzeitstudien würden physisch Aktive besser wegkommen als physisch Inaktive – auch bei schlechterer Luftqualität.

    Anders sieht das bei Menschen mit Vorerkrankungen der Atemwege oder des Herz-Kreislauf-Systems aus: Eine Studie aus dem Vorjahr zeigte beispielsweise, dass die Londoner Stadtluft für ältere Menschen mit Vorerkrankungen die positive Wirkung einer physischen Aktivität auf die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System zunichtemacht. Aber auch ihnen schadet die physische Belastung nicht, betont Epidemiologe Heinrich, der in diesem Fall von einem "Nullsummenspiel" spricht.

    Beste und schlechteste Luftqualität

    Für eine im Vorjahr im "International Journal of Environmental Research and Public Health" veröffentlichte Studie wurden 30-minütige Trainingssessions in Städten simuliert, die laut Weltgesundheitsorganisation die beste und die schlechteste Luftqualität haben. Das wenig überraschende Ergebnis: In den Städten mit besonders schlechter Luftqualität werden im inaktiven, ganz besonders aber im aktiven Zustand viel mehr Schadstoffe eingeatmet.

    Während in Städten mit guter Luftqualität die gesundheitlichen Vorteile beim Workout überwiegen, gibt es in den Städten mit schlechterer Luftqualität schon ab 15 Minuten keine gesundheitlichen Vorteile mehr. Wohlgemerkt: Die Städte mit besonders schlechter Luftqualität, auf die das zutrifft, liegen in Ländern wie China, Pakistan und Indien.

    Keine Panik

    Der Luft in Wien stellt Umweltmediziner Moshammer aber ein grundsätzlich gutes Zeugnis aus. Der gesundheitliche Vorteil des Laufens überwiege daher ganz klar. Experten raten dazu, sich eine Laufstrecke abseits stark befahrener Straßen zu suchen. Am höchsten ist die Schadstoffkonzentration in Straßenschluchten, bei Kreuzungen oder dort, wo viele Busse unterwegs sind.

    Dafür hat schon ein Park neben der Straße eine viel bessere Luftqualität: Die Schadstoffe in der Luft nehmen bereits 50 bis 100 Meter von der Quelle stark ab. Wer auf dem Weg zur Laufstrecke im Park erst über stark befahrene Straßen muss, sollte die Trainingsintensität erst danach steigern. Bei hoher Ozonkonzentration in der Luft rät Joachim Heinrich Empfindlichen dazu, den Ratschlägen der Wetterdienste zu folgen – und auf Sport gegebenenfalls zu verzichten.

    Keine Angst

    Dieselfahrverbote, wie es sie in einigen Städten bereits gibt, werden das Problem hoher Schadstoffbelastung in den Innenstädten wahrscheinlich nicht lösen, sagt Heinrich: "Es braucht ein anderes Mobilitätskonzept in den Städten," etwa indem der öffentliche Verkehr besser ausgebaut und attraktiver gemacht und das Verkehrsaufkommen in den Städten reduziert wird. Mehr Läufer und weniger Autos in die Innenstädte also. (Franziska Zoidl, 12.5.2019)

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