Wie Youtube-Entwickler den Internet Explorer 6 umgebracht haben

    3. Mai 2019, 18:17
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    "Verschwörung" einzelne Entwickler warnte ohne Absegnung durch Management vor dem IE6 – Nutzung halbierte sich in einem Monat

    Aus heutiger Sicht ist es kaum mehr vorstellbar: Aber es gab eine Zeit, da dominierte Microsoft das Web praktisch im Alleingang. Und zwar mit äußerst unerfreulichen Konsequenzen: Die starke Verbreitung des Internet Explorer 6 (IE6) behinderte die Weiterentwicklung des Webs massiv. Die 2001 veröffentlichte Browserversion war selbst acht Jahre später noch so viel genutzt, dass es kaum eine Webseite wagte, auf deren Support zu verzichten. Daraus ergab sich nicht nur ein erheblicher Mehraufwand für die Entwickler, es führte auch dazu, dass viele notwendige Modernisierungen aufgeschoben wurden.

    Eine "Verschwörung"

    In dieser Situation passiert etwas, dass es in großen Softwarekonzernen nur selten gibt: Eine Gruppe von Youtube-Entwicklern heckte einen Plan aus, um den IE6 endgültig loszuwerden. Und zwar im Alleingang, wie der ehemalige Youtube-Entwickler Chris Zacharias in einem Blogeintrag ausplaudert. Ohne irgendeine Abklärung mit dem Management, setzten sie sich in der Cafeteria des Unternehmens zusammen, um eine Lösung für das "IE6-Problem" zu finden.

    Das Ergebnis: Bereits kurz danach wurde IE6-Nutzern beim Besuch von Youtube ein prominent platzierter Banner angezeigt. Dessen Inhalt: Youtube werde in Kürze den Support für die alte Browserversion von Microsoft abdrehen. Entsprechend sollten die Nutzer so bald wie möglich auf eine modernere Alternative umsteigen. Exemplarisch wurden dabei Firefox, Chrome und der Internet Explorer 8 genannt.

    screenshot: chris zacharias
    Der Banner mit dem vor dem IE6 gewarnt wurde.

    Google war überrascht

    Die Maßnahme wurde sofort von der Techpresse aufgegriffen, und führte Google-intern für einige Aufregung. Da all das nicht abgesprochen war, wurde auch die PR-Abteilung von der Ankündigung überrascht, und wusste nicht, wie man reagieren sollte. Erst nachdem der IE6-Bann zu sehr positiven Rückmeldungen führte, entschloss man sich, der Steilvorlage der Entwickler zu folgen. Die Rechtsabteilung des Unternehmens hatte dabei vor allem eine Sorge: Dass Chrome in der Liste zu prominent platziert ist, womit man den Eindruck einer gezielten Bevorzugung des eigenen Browsers vermitteln könnte. Die Entwickler hatten aber auch daran gedacht, und für eine zufällige Reihung der Vorschläge gesorgt.

    OldTuber

    Wer die Abläufe in großen Unternehmen kennt, weiß, dass es eigentlich unmöglich sein sollte, dass einfach so eine Gruppe von Entwicklern solch eine tiefgreifende Änderung vornimmt. In diesem Fall hat dies aber historische Gründe. Die betreffenden Entwickler waren allesamt "OldTuber", die bereits vor dem Kauf durch Google bei Youtube arbeiteten. Und diesen hatte der Softwarehersteller besondere Rechte eingeräumt.

    Voller Erfolg

    Der Plan ging jedenfalls voll und ganz auf. Wie ein Blick auf historische Daten des W3Counter zeigen, ist zu diesem Zeitpunkt der weltweite Anteil des IE6 innerhalb kurzer Zeit von 25 auf 15 Prozent gefallen. Die Zahl der IE6-Nutzer auf Youtube wurde nach nur einem Monat halbiert – auf unter 10 Prozent.

    screenshot: chris zachariasa
    Der Abfall in der IE6-Kurve ist unübersehbar.

    So positiv diese Episode schlussendlich für die Weiterentwicklung des Webs war, so hat sie auch einen bitteren Beigeschmack. Zeigt sie doch eindrücklich, wie groß die Macht großer Plattformen wie Youtube oder Facebook schon 2009 war – und seitdem ist sie sicher nicht kleiner geworden. (apo, 3.5.2019)

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