Warum Menschen aus dem Westen Buddhas Mönche werden

    2. Mai 2019, 14:00
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    Sie steigen aus der Konsumkultur aus, sehen Einschränkungen als Befreiung und haben es zuweilen mit fliegenden Bierflaschen zu tun

    "Wow, er hat es tatsächlich gemacht!" Seine alten Freunde in Memphis, Tennessee, reagierten etwas konsterniert auf das neue Outfit von Kaleb Yaniger. Der 28-jährige Amerikaner trägt seit einigen Monaten die roten Roben eines buddhistischen Mönchs. Skeptische Blicke erntet er auch in Nepal, wo er gerade sein Masterstudium in Buddhismus und Tibetologie abschließt. "Als weißer Mann in einer roten Robe steht man ständig unter Beobachtung. Nicht zuletzt die einheimischen Mönche fragen sich insgeheim: Wie lange hält er das durch?"

    Lobsang Tenpa wiederum trägt bereits seit sechs Jahren Dunkelrot – aus Sicherheitsgründen allerdings oft einen Trainingsanzug. In Frankfurt wurde er schon mit Bierflaschen beworfen, Jugendliche dachten, er sei Muslim. "Im Westen ist man nicht sehr tolerant gegenüber Menschen mit ungewöhnlicher Kleidung", sagt der 30-jährige Russe, der einen tibetischen Namen angenommen hat.

    Sowohl Kaleb als auch Lobsang sind Novizen in einem buddhistischen Mönchsorden. "In den 1970er- und 1980er-Jahren wollten viele Hippies buddhistische Mönche oder Nonnen werden", sagt Philippe Turenne, Direktor des Rangjung-Yeshe-Instituts in Kathmandu. "Damals waren viele vom Buddhismus fasziniert, aber wussten relativ wenig darüber." Die meisten hängten ihre Mönchsroben recht bald wieder an den Nagel. "Heute gibt es weniger, die ins Kloster wollen", so Turenne. "Dafür sind sie ernsthafter."

    Extreme Veränderung

    Im Mai wechselt Kaleb in eine klösterliche Hochschule in Kathmandu, in der Mönche ausgebildet werden – und das ausschließlich in tibetischer Sprache. Der Tagesablauf ist streng: Um fünf Uhr gibt es das Morgenritual, bei dem alle Mönche eine Stunde lang heilige tibetische Texte rezitieren. Dann folgen Unterricht und individuelles Lernen, am Nachmittag eine weitere Stunde gemeinsames Rezitieren, dazwischen ist Zeit für Meditation. Gewohnt wird im Kloster, die Zelle wird sich Kaleb mit einem weiteren Mönch teilen. "Das wird eine extreme Veränderung für mich bedeuten", meint er nüchtern. Neun bis zehn Jahre soll es in dieser Art weitergehen. Am Ende kann sich Kaleb dann mit dem Titel Lopon schmücken, einer Art buddhistischer Juniorprofessor.

    "Diese Form der Lebensführung ist sehr weit entfernt von allem, was man als typisch westlich bezeichnen könnte", sagt der Buddhismusforscher Turenne. Entsprechend wenige Menschen schlagen diesen Weg ein. Laut Österreichischer Buddhistischer Religionsgesellschaft gibt es hierzulande gerade drei Mönche und drei Nonnen, die in Österreich geboren sind. Im Vergleich dazu scheinen die katholischen Ordensgemeinschaften recht attraktiv zu sein: Immerhin 68 Österreicherinnen und Österreicher leben derzeit im Noviziat, der ein- bis dreijährigen Vorstufe zum dauerhaften Eintritt ins Kloster. Die Zahl der Mönche und Nonnen liegt bei über 5.000.

    "Ich werde in den nächsten Jahren extrem fokussiert leben, de facto nur studieren, rezitieren und meditieren", sagt Kaleb. Fühlt er sich da nicht eingeschränkt? "Als Laie sieht man vor allem das, was man nicht tun kann", meint er. "Aber es befreit mich auch von vielen Aufgaben. Ich brauche nicht zu arbeiten, ich muss mich nicht um eine Familie kümmern. Das erlaubt es mir, nur Dinge zu tun, die mich in einer sehr grundlegenden Weise glücklich machen."

    Leben von Spenden

    Das Leben von Lobsang sieht ganz anders aus. Er ist meist auf Reisen, arbeitet als Übersetzer, unterrichtet Meditation, organisiert Veranstaltungen, dazwischen zieht er sich mehrmals im Jahr für ein Retreat in ein Kloster zurück. Er lebt von freiwilligen Spenden. "Als reisender Mönch muss man mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen, da man nicht einem fixen Plan in einer Gruppe folgt", sagt er. Zusätzlich zu seinen anderen Verpflichtungen meditiert und betet er jeden Tag zwei bis drei Stunden lang. "Ich merke, dass sich durch diese Praxis langsam meine Gewohnheiten ändern, dass ich achtsamer und freundlicher werde. Ich hoffe, dass ich bis zu meinem Lebensende ein noch viel netterer Mensch werde. Das ist wahrscheinlich das wichtigste Ziel."

    Sein Leben sieht er auch als einen Gegenentwurf zur materialistischen Konsumkultur. "Unsere moderne Welt braucht mehr Menschen, die ihr Leben der Aufgabe widmen, freundlicher und weiser zu werden." Aber was heißt schon weise? Lobsang: "Weise zu sein bedeutet, dass man über einen außergewöhnlich ausgeprägten Hausverstand verfügt." (Gerhard Meszaros, 2.5.2019)

    • Kaleb Yaniger ist vom Mönchtum fasziniert, seitdem er zehn Jahre alt war: "Ich habe Mönche als sehr weise, liebenswürdige Menschen kennengelernt. So wollte ich auch sein."
      foto: meszaros

      Kaleb Yaniger ist vom Mönchtum fasziniert, seitdem er zehn Jahre alt war: "Ich habe Mönche als sehr weise, liebenswürdige Menschen kennengelernt. So wollte ich auch sein."

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