Haarsträhne entdeckt: Forscher wollen Leonardo da Vincis DNA-Code knacken

    30. April 2019, 13:38
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    Haare aus einer US-Sammlung werden im Heimatort des Renaissance-Genies erstmals der Öffentlichkeit präsentiert

    foto: apa/afp/marco bertorello
    Die Rötelzeichnung (um 1512) wird gemeinhin als Selbstbildnis des italienischen Renaissancekünstlers bezeichnet. Ob sie tatsächlich Leonardo da Vinci darstellt, ist jedoch umstritten.

    Rom/Vinci – Italienische Wissenschafter wollen an einer mutmaßlichen Haarsträhne von Leonardo da Vinci eine DNA-Untersuchung vornehmen. Das Haarbüschel soll bisher Teil einer privaten Sammlung in den USA gewesen sein und wird nun erstmals in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert, wie italienische Medien am Montag berichteten.

    Die Schau "Leonardo lebt", mit der des Todes des Universalgelehrten vor 500 Jahren gedacht wird, findet in Leonardos Heimatort Vinci in der Toskana statt. Die Haarsträhne kommt nach Angaben der Organisatoren aus Frankreich. Leonardo da Vinci war am 2. Mai 1519 in der französischen Loire-Stadt Ambroise gestorben, wo er auf Einladung des französischen Königs Franz I. lebte.

    Dokumente sollen Echtheit belegen

    "Wir entdeckten diese Haarlocke, die mit der historischen Beschriftung 'Les Cheveux de Leonardo da Vinci' versehen war, jenseits des Atlantiks", erklärten Alessandro Vezzosi, Direktor des Museo Ideale Leonardo da Vinci, und Agnese Sabato, Präsidentin der Leonardo da Vinci Heritage Foundation. "Dieses geschichtsträchtige Fundstück war lange Zeit in einer amerikanischen Sammlung versteckt gewesen", meinte Vezzosi weiter. "Nun wird es erstmals gemeinsam mit Dokumenten präsentiert, die seine Echtheit und französische Herkunft belegen."

    foto: apa/afp/filippo monteforte
    Vinci liegt wenige Kilometer westlich von Florenz. Hier wurde der Meister am 15. April 1452 geboren.

    Laut Sabato sollen bald genetische Untersuchungen an den Haaren durchgeführt werden. Die Ergebnisse werden zum einen mit DNA-Analysen von möglichen Nachkommen des Meisters verglichen. Zum anderen sollen sie auch mit mutmaßlichen Überresten aus einem Grab in der Hubertuskapelle auf dem Schlossparkgelände von Amboise abgeglichen werden.

    Verschollene Überreste

    Ursprünglich war Leonardo da Vincis Leichnam nach seinem letzten Willen auf dem Friedhof der Klosterkirche Notre-Dame-Saint-Florentin in Amboise beigesetzt worden. 1807 wurde die Kirche jedoch abgerissen, Leonardos Gebeine gelten seither als verschollen. Zwar wurden 1863 bei Ausgrabungen auf dem Areal der früheren Klosterkirche Knochen gefunden, die man für jene des Universalgenies hielt. Ob die Überreste, die 1874 in ein neues Grab in der Hubertuskapelle von Amboise umbettet wurden, tatsächlich authentisch sind, ist freilich unklar. Die angekündigte DNA-Analyse der Haarsträhnen könnten eine Antwort liefern.

    Bewegtes Leben

    Leonardo kam am 15. April 1452 in einem Steinhaus bei Vinci als uneheliches Kind des Notars Ser Piero und der Magd Caterina zur Welt. Heute kann man das Haus umringt von Olivenbäumen und Rosmarinsträuchern besichtigen, eine kleine Ausstellung gibt es hier auch. Seine Kindheit verbrachte Leonardo mit seinem Großvater Antonio in Vinci, bevor er zu seinem Vater nach Florenz zog – die Stadt der Dynastie der Medici. Der Aufenthalt sollte wegweisend sein. In Florenz arbeitete er in der Werkstatt bei einem der wichtigsten Renaissance-Künstler, Andrea del Verrocchio. Weil aber Mailand noch mehr Einfluss hatte, ging er 1481 dort an den Hof. Gemälde wie "Das Abendmahl" oder die "Felsgrottenmadonna" entstanden in der Mailänder Zeit.

    Doch Leonardo war weit mehr als nur Maler. Er war schier unersättlich, er wollte alles wissen. Er entwarf Kriegsmaschinen genauso wie Wasserkanäle, er studierte den Tier- und Menschenkörper in unzähligen Studien. Er wollte Flugmaschinen, Schiffe und Gebäude bauen. Er kannte keine Grenzen, daher der Name Universalgenie. Er arbeitete für Päpste, Könige und Herzöge. Er war Bildhauer, Tüftler, Architekt, Ingenieur, Designer und Maler in einem. Vieles blieb unvollendet, trotz – oder gerade deshalb? – wird er fast wie ein Heiliger verehrt. Leonardo fasziniert, weil sein Blick stets in die Zukunft gerichtet war.

    foto: apa/afp/giuseppe cacace
    Der Homo vitruvianus, der vitruvianischer Mensch, gilt als eine der bekanntesten Zeichnungen von Leonardo da Vinci. Sie stellt den Menschen mit nach dem antiken Architekten und Ingenieur Vitruv(ius) formulierten idealisierten Proportionen dar.

    Unermessliche Neugier

    Leonardo habe eine unermessliche Neugier gehabt, "um Grenzen zu überwinden", sagt Vincis Bürgermeister Giuseppe Torchia. "Leonardo gehört nicht Vinci, er ist Kulturerbe für die ganze Menschheit. Leonardo gehört allen." Sein Leben und seine letzte Reise nach Frankreich hätten eine europäische Dimension gehabt.

    Leonardo war 64 Jahre alt, als er mit seinen Schülern Francesco Melzi und Salai sowie seinem treuen Diener Batista de Vilanis in Amboise ankam. In seinem Gepäck hatte er neben zahlreichen Dokumenten und Zeichnungen die Bilder "Johannes der Täufer", "Anna selbdritt" – und die um 1503 entstandene "Mona Lisa", die von König Franz I. erworben wurde und heute der Star im Pariser Louvre ist.

    Der junge Regent überließ seinem Gast als Domizil das Schloss Clos Lucé, ein herrliches Herrenhaus mit Wehrmauer aus roten Ziegeln und grauen Tuffsteinen unweit des Königsschlosses Amboise. In Clos Lucé ist Leonardo da Vinci am 2. Mai 1519 in seinem reich verzierten Himmelbett mit roten schweren Veloursvorhängen gestorben. Heute ist aus der letzten Verweilstätte ein Pilgerort geworden, in den jedes Jahr mehr Besucher strömen. Rund 400.000 Menschen besuchten 2018 in Amboise den Alterssitz des Genies. (red, 30.4.2019)

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