30 Jahre Intersektionalität: Gegenrede als Strategie

    30. April 2019, 13:59
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    Die US-Juristin Kimberlé Crenshaw prägte den Begriff "Intersektionalität" und wurde dafür in Berlin gefeiert

    Der Andrang ist groß. In der langen Schlange, die mittlerweile fast bis auf die Straße reicht, diskutieren weiße Menschen darüber, ob sie ihren Platz nicht lieber räumen, damit schwarze Frauen noch in den Saal hineinkommen, in dem heute ihr großes Idol auftreten wird. Kimberlé Crenshaw spricht an diesem Abend bei einer Gala zu ihren Ehren in Berlin. "Es ist wie beim Beyoncé-Konzert", sagt eine Teilnehmerin, als die Menschen in den Saal der Heinrich-Böll-Stiftung eingelassen werden.

    Als die Türen aufgehen, ist Beverly Mtui schon fast zwei Stunden vor Ort – zu groß war die Angst, womöglich keinen Platz zu bekommen. Die 22-jährige Studentin ist extra aus Wien angereist, um ihre "feministische Heldin" zu sehen.

    foto: heinrich-böll-stiftung/mohamed badarne
    Der Andrang war am Sonntagabend groß: Die vom Center for Intersectional Justice und dem Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie veranstaltete Gala wurde parallel auf drei Livestreams übertragen.

    Vor 30 Jahren prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff "Intersektionalität", um das Zusammenwirken unterschiedlicher Formen und Dimensionen von Ungleichheit und Diskriminierung zu beschreiben. Diskriminierung funktioniere wie eine Verkehrskreuzung, schrieb sie 1989 in einem Artikel für das "Legal Forum" der University of Chicago. Aus allen vier Richtungen kommt Verkehr, der einmal in die eine, dann wieder in die andere Richtung fließt. Ein Unfall kann von Autos aus verschiedenen Richtungen verursacht werden, manchmal auch aus allen Richtungen. Ähnlich sei es mit der Diskriminierung einer schwarzen Frau. Sie kann sexistisch als Frau diskriminiert werden oder rassistisch als Schwarze – oder beides.

    Durch die Hintertür

    30 Jahre später veranschaulicht Crenshaw das Konzept bei der Gala "Happy Birthday, Intersectionality" in Berlin anhand eines Erlebnisses während ihres Jusstudiums: Sie sei mit zwei schwarzen Studienkollegen eingeladen worden, in einer Studentenverbindung zu feiern, dass nun auch schwarze Mitglieder aufgenommen werden. Jedoch war die Teilnahme von Frauen – sowie ihr Zutritt durch die Eingangstür – weiterhin untersagt, Crenshaw musste die Veranstaltung durch die Hintertür betreten.

    Crenshaw spricht in diesem Zusammenhang von "asymmetrischer Solidarität": Bestimmte Gruppen, etwa schwarze Männer im Kampf gegen Rassismus oder weiße Frauen im Kampf gegen Sexismus, würden bedingungslose Solidarität von schwarzen Frauen erwarten, ohne sie zu unterstützen oder sie überhaupt als diskriminierte Gruppe wahrzunehmen. Von ihr sei damals erwartet worden, sich anzupassen als "Bürgerin zweiter Klasse innerhalb des Patriarchats von Harvard". Vermittelt wurde dadurch der Eindruck, dass einige auf Gleichberechtigung und Respekt warten können, während andere – laut Crenshaw "die dominanteste Gruppe, deren Unterdrückung am meisten zu zählen scheint" – zuerst an die Reihe kommen.

    foto: heinrich-böll-stiftung/mohamed badarne
    Kimberlé Crenshaw kritisierte die Erwartung der "asymmetrischen Solidarität".

    Heute reagiert sie mit "Backtalk", also Gegenrede: etwa feministischer Gegenrede in antirassistischen Räumen und antirassistischer Gegenrede in feministischen Räumen.

    Umrahmt wird die Gala am Sonntagabend mit Livemusik, Comedy-Einlagen und "Speedtalks", etwa von Shermin Langhoff, der Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters. Bei Intersektionalität gehe es um miteinander verwobene Herrschaftssysteme, um Ressourcen, Zugänge und Rechte. "Wir brauchen kein Mitleid, sondern Allianzen und Solidarität", sagt Langhoff. Dabei gelte es auch, sich gegen Angriffe von rechts und aus der Mitte zu wehren, die sich von "hypersensiblen Minderheiten" in ihrer "künstlerischen Freiheit" bedroht fühlen.

    foto: heinrich-böll-stiftung/mohamed badarne
    "Wir brauchen kein Mitleid, sondern Allianzen und Solidarität", sagt Shermin Langhoff.

    Crenshaw selbst thematisiert die zahlreichen Vorwürfe, die ihr beziehungsweise dem Konzept der Intersektionalität gemacht werden. Etwa dass sie mit ihrer Arbeit eine Spaltung der Gesellschaft befeuere. Was sie versuche, sei "sicherzustellen, dass die bereits vorhandenen Spaltungen in unserer Gesellschaft nicht weitergehen", sagt Crenshaw, "und uns nicht davon abhalten, eine bessere Welt zu erschaffen". Auch den Vorwurf, dass es sich um eine rein akademische Diskussion handle, mit der man Nichtstudierte nicht erreiche, lässt sie nicht gelten. Das seien Unterstellungen jener, die sich nicht damit auseinandergesetzt hätten, wie intersektionale Arbeit aussehe. Crenshaw nennt etwa die "#SayHerName"-Kampagne als Beispiel, die auf Polizeigewalt gegen schwarze Frauen aufmerksam machen will. Dabei handle es sich um eine Basisbewegung.

    Intersektionalität und Diversity

    Die Popularität von Intersektionalität sieht Crenshaw nicht nur positiv. "Wie bei jedem anderen Raum, den People of Colour geschaffen haben: Wenn er populär wird, wird er gentrifiziert", gibt Crenshaw zu bedenken. "Und wir werden ausgeschlossen."

    Intersektionalität sei zudem keineswegs mit einem oberflächlichen Verständnis von Diversity, wie es derzeit populär ist, gleichzusetzen. Eine Institution, die sich mit intersektionalen Formen der Ausgrenzung auseinandersetzt, könne letztlich zwar divers sein, umgekehrt funktioniere das allerdings nicht. Bei Intersektionalität gehe es nicht um ein abstraktes Konzept oder eine bloße Aufzählung der Schnittpunkte wie race, class oder gender, sondern um "eine Art, zu sehen, zu denken und zu handeln". "Wer schreibt Geschichte, aus welcher Perspektive?", fragt Crenshaw und fordert: "Wir müssen andere Geschichten erzählen. Unsere Geschichten."

    foto: heinrich-böll-stiftung/mohamed badarne
    Kimberlé Crenshaw fordert einen anderen Blickwinkel: "Wir müssen andere Geschichten erzählen. Unsere Geschichten."

    Immer wieder bricht spontaner Applaus im Publikum aus – sowohl im Hauptraum als auch in einem der drei kleineren Säle, in denen die Veranstaltung parallel per Livestream übertragen wird, weil der Andrang so groß ist. Viele Anwesende sind von Mehrfachdiskriminierung betroffen und fühlen sich hier gesehen, gehört, verstanden. Auch für Beverly hat es einen besonderen Wert, als schwarze junge Frau "in einem Raum zu sitzen, in dem nicht nur ein Bewusstsein für, sondern auch ein tatsächliches Sichtbarmachen von marginalisierten Gruppen geschieht". Sie fühlt sich bestärkt und hofft, dass solche Räume auch in Wien geschaffen werden können.

    Die Gruppe weißer TeilnehmerInnen hat sich schlussendlich entschieden, zu bleiben und ganz hinten im Raum am Boden Platz zu nehmen. Weil es wichtig sei, "dass gerade weiße Menschen hören, was Kimberlé Crenshaw zu sagen hat". (Noura Maan aus Berlin, 30.4.2019)

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