Was hinter der Theorie des "Großen Austauschs" steckt

    30. April 2019, 06:00
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    Vizekanzler Strache will "Politiker austauschen, bevor sie die Bevölkerung austauschen"

    Die weißen, christlichen Europäer sollten gezielt mit muslimischen Zuwanderern "ausgetauscht" werden – so lautet die Verschwörungstheorie des "Großen Austauschs", dem momentan wohl wichtigsten Propaganda-Element rechtsextremer Kreise. Gewalttätige Attentäter wie der mutmaßliche Terrorist von Christchurch berufen sich genauso auf sie wie die rechtsextreme Identitäre Bewegung und FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Doch die These ist keineswegs neu, sondern mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Schon in den 1950er-Jahren florierte unter Neonazis wie dem ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen René Binet die Idee, dass die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs Schwarze und "Mongolen" nach Europa schickten, um die autochthone Bevölkerung zu ersetzen.

    Wahnvorstellung Umvolkung

    Ihre Wurzeln hat selbst diese Theorie des "Austauschs" im Nationalsozialismus. Der Bevölkerungswissenschafter Friedrich Burgdörfer sprach schon 1929 von der "Umvolkung" der Deutschen, deren Überleben durch den "Geburtenrückgang" bedroht sei.

    Von einer "Umvolkung", später einer "Ethnomorphose", sprach in den 1990er-Jahren schon der freiheitliche Vordenker Andreas Mölzer. Auch Jörg Haider nahm diese Gedanken auf. Strache brauchte auch keine Identitären, um vom Bevölkerungsaustausch zu sprechen. Bereits 2006 plädierte er dafür, die "Politiker auszutauschen, bevor diese die Bevölkerung austauschen". Diese Wortwahl zeigt auch, dass Strache schon vor 13 Jahren – ebenso wie dieses Wochenende in der "Krone" und auf Facebook – davon spricht, dass Politiker aktiv "die Bevölkerung austauschen".

    Während eine demografische Veränderung in Europa nicht von der Hand zu weisen ist – immerhin "vermischen" sich vermeintliche Völker schon seit tausenden Jahren –, stellt diese Unterstellung einer Verschwörung den Kern der Theorie dar. Spätestens ab 2001 konzentrierten sich Agitatoren auf Muslime als vermeintliche Objekte des Austauschs, großen Einfluss hatten hier Schriften des rechten französischen Philosophen Renaud Camus. Durch die Flüchtlingskrise nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien ab 2011 wurde die Theorie wieder verstärkt ventiliert.

    FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus sprach etwa davon, dass der jüdische Spekulant und Philanthrop George Soros durch die Unterstützung von NGOs "für die Massenmigration nach Europa mitverantwortlich" sei. Schon im "Handbuch freiheitlicher Politik" aus dem Jahr 2013, in dem – unter anderen – der jetzige Verkehrsminister Norbert Hofer die inhaltlichen Positionen der FPÖ "für deren "Führungskräfte und Mandatsträger" zusammengestellt hat, ist von einem Einwanderungs-"Plan" der EU die Rede. Die Länder, aus denen die "neuen Europäer" angeworben werden sollten, seien "fast ausschließlich islamische Staaten", was "zu einem deutlichen Anstieg des kulturfremden, ausländischen Bevölkerungsanteils führen" könnte.

    Die Realität

    Und was ist die Realität? Nach einer Studie des Vienna Institute for Demographics an der Akademie der Wissenschaften wird es laut einem plausiblen Szenario im Jahr 2046 in Österreich rund 17 Prozent Muslime geben (derzeit acht Prozent). Die Katholiken werden auf 45 Prozent (von derzeit 64) sinken, die zweitgrößte "Religionsgruppe" sind dann die Konfessionslosen mit 24 Prozent (heute: 17). Die Zahl aus Osteuropa zugewanderter Orthodoxe steigt von fünf auf neun Prozent. In Wien sind die Zahlen höher: Muslime machen voraussichtlich statt derzeit 14 Prozent 2046 rund 23 Prozent aus, die Katholiken gehen auf 24 Prozent zurück, die Konfessionslosen steigen auf 28 Prozent. Die Orthodoxen nehmen auf 15 Prozent zu.

    Es gibt noch drei andere Szenarien in der Studie, aber sie gehen von unrealistischen Annahmen (etwa ganz starke oder gar keine Zuwanderung aus muslimischen Ländern) aus.

    Keine Prognose ist in Stein gemeißelt, weil sich äußere Umstände laufend ändern. So fällt etwa die Geburtenrate bei Migrantinnen stark, die Zuwachsraten flachen ab und können nicht einfach in die Zukunft verlängert werden. Die Studienleiterin Anne Goujon resümiert: "Die Verhältnisse der 70er-Jahre werden nicht wiederkommen." Neun Prozent mehr Muslime in 30 Jahren ist ein beträchtlicher Zuwachs, aber kein "Bevölkerungsaustausch". (Fabian Schmid, Colette M. Schmidt, Irene Brickner, Hans Rauscher, 29.4.2019)

    • Gegendemo zur Antimigrationspakt-Kundgebung der Identitären, die vom "Austausch" fantasieren.
      foto: standard/fischer

      Gegendemo zur Antimigrationspakt-Kundgebung der Identitären, die vom "Austausch" fantasieren.

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