Die japanische Monarchie ist aus der Zeit gefallen

    29. April 2019, 17:26
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    Der Legende nach stammt der Tenno von der Sonnengöttin Amaterasu ab, doch heute hat die Kaiserfamilie weltliche Interessen

    Der japanische Kaiser eröffnet das Parlament, ernennt den Regierungschef, empfängt Staatsgäste, besucht andere Länder und hält Reden. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von konstitutionellen Monarchen wie der britischen Königin Elisabeth. Aber die Gemeinsamkeiten führen in die Irre. Japans Kaiser hatten vor allem religiöse und zeremonielle Aufgaben und blieben meist unsichtbar hinter dem "Bambusvorhang" um ihren Palast in Kyoto. Die wahren Machthaber waren Fürsten und Militärs, die den Kaiser für ihre Legitimation benutzten.

    Die japanische Bezeichnung Tenno bedeutet "Himmlischer Herrscher" und verrät den ursprünglichen Bezug zu den Kaisern von China. Der Legende nach stammt der erste Tenno Jimmu, der angeblich ab 660 v. Chr. regierte, von der Sonnengöttin Amaterasu ab, der wichtigsten Göttin in Japans Naturreligion Shinto. Zwar fehlen für die ersten 25 Tenno bis zum Anfang des sechsten Jahrhunderts historische Belege. Aber als Folge der 1500 Jahre alten Erblinie – die längste der Welt – wirkt die Kaiserfamilie heutzutage wie "aus der Zeit gefallen", so ein Buchtitel über den Tenno.

    Schwert, Juwelen, Spiegel

    Naruhito erbt zum Auftakt der Inthronisierung am Mittwoch die drei Insignien Schwert, Krummjuwelen und Spiegel. Doch niemand, nicht einmal ein Kaiser selbst, hat die Insignien jemals aus ihren Schutzhüllen geholt und angeschaut. "Dazu ist der Inhalt zu heilig", erläutert Shinto-Kenner Ernst Lokowandt.

    Das Schwert ist die Nachbildung einer Nachbildung, die Tenno Antoku 1185 mit ins Meer nahm. Der Spiegel, wohl auch nicht das Original, verlässt seinen Platz im Shinto-Schrein des Kaiserhauses nie, er geht durch das rituelle Gebet eines Gesandten in den Besitz von Naruhito über. Zu der zehnminütigen Zeremonie sind Frauen nicht zugelassen, auch nicht die alte und neue Kaiserin. Wegen ihrer Monatsblutung gelten Frauen im Shinto ("Weg der Götter") als "schmutzig" – eine ebenso aus der Zeit gefallene Denkweise.

    Nach dem Weltkrieg verboten die US-Besatzer Shinto als Staatsreligion. Doch die Verfassung von 1947 erkannte den Tenno als Staatssymbol an, obwohl er der oberste Shinto-Priester blieb. Die Inthronisierung besteht aus vielen tiefreligiösen Zeremonien, die Gesamtkosten von 133 Millionen Euro zahlt der Staat – einer von vielen Widersprüchen in Japan.

    Die heutige Kaiserfamilie ist weit von ihren Ahnen entfernt: Wegen der Abschaffung des Adels nach dem Krieg mussten Akihito und seine Söhne Naruhito und Fumihito unter großen Mühen bürgerliche Frauen finden. Akihito verfasst in seiner Freizeit wissenschaftliche Artikel über Grundeln. Eine Art dieser Süßwasserfische, Exyrias akihito, wurde 2005 sogar nach ihm benannt. Kaiserin Michiko dichtet mittelalterliche Waka-Verse wie "Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer". Kronprinz Naruhito spielt Bratsche in einem Orchester, sein Bruder Fumihito widmet sich der Vogelkunde.

    Das Volk achtet die Angehörigen der Kaiserfamilie für ihre große Bescheidenheit und ihren unermüdlichen Einsatz. Doch den Preis zahlen die Frauen: Sowohl Kaiserin Michiko als auch Kronprinzessin Masako zerbrachen beinahe psychisch am Eintritt in diese Welt uralter Werte. (Martin Fritz, 30.4.2019)

    • Die Schriftzeichen für die neue Ära Reiwa ("gute Harmonie").
      foto: imago

      Die Schriftzeichen für die neue Ära Reiwa ("gute Harmonie").


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