Lea Satzinger: "In Wien kleiden sich viele beige"

6. Mai 2019, 14:06
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Die eine betreibt ein Restaurant, die andere ist Floristin, der dritte entwirft Häuser. Wir haben acht Menschen, die in Amsterdam leben, in aktueller Frühjahrsmode fotografiert und sie gefragt, was den Stil der niederländischen Hauptstadt und ihrer Bewohner ausmacht

Lia Satzinger: "Amsterdam hat mir Lust auf Blumenkleider gemacht"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Lia Satzinger posiert in ihrer Wohnung in Amsterdam in einer Bluse von Tommy x Zendaya.

STANDARD: Wie hat Amsterdam Sie modisch beeinflusst?

Lia Satzinger: Eigentlich trage ich hauptsächlich Schwarz und Weiß und dazu neutrale Farben, aber Amsterdam hat mir unerwarteterweise Lust auf Blumenkleider gemacht. Irgendwie fährt es sich in der Sonne auf dem Fahrrad besser in einem bunten Sommerkleid.

STANDARD: Was zeichnet den Stil der Niederländer aus?

Satzinger: Man zieht sich hier modisch, bequem, bunt und gemustert an. Und: Viele tragen bunte Socken zu ihren Anzügen.

STANDARD: Auf welches Kleidungsstück sollte man in Amsterdam nicht verzichten?

Satzinger: Ohne Sneaker geht hier gar nichts. Ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass man überall mit dem Fahrrad hinfährt. Da die Holländer sehr unkompliziert sind, macht es gar nichts, wenn man zu Business-Meetings in Sneakern auftaucht.

STANDARD: Wie unterscheidet sich Amsterdam modisch von Wien?

Satzinger: Nach Wien brauchen Modetrends doch immer ein paar Jährchen länger als bis nach London, New York oder Amsterdam. Weil die Holländer Farben und Muster mögen, fällt mir bei jedem Wien-Besuch auf, wie beige sich alle kleiden.

STANDARD: Sie betreiben in Amsterdam ein Restaurant. Wo kann man in der Stadt außerdem noch gut essen?

Satzinger: Von der hiesigen Küche bin ich nicht der größte Fan, aber es gibt eine tolle internationale Auswahl. Man spürt in der Stadt, dass die Niederländer wahnsinnig experimentierfreudig sind, was das Essen angeht. Man bekommt alles von überall. Außerdem gibt es viele Foodtruck-Markets, auf denen man sich durchprobieren kann. So hat auch unser Restaurant begonnen.

Die gebürtige Wienerin Lia Satzinger (30) hat in Amsterdam ihr Restaurant The Lebanese Sajeria gegründet.

www.thesajeria.com


Lotte Zuidema: "Das Design hier ist innovativ"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Das Model Lotte Zuidema trägt eine Hose und einen Blazer von Tommy x Zendaya und eine Bluse von Isabel Marant.

STANDARD: Sie studieren Produktdesign in Amsterdam. Wodurch zeichnet sich Design aus den Niederlanden aus?

Lotte Zuidema: Das ist schwer zu verallgemeinern. Gerade im Bereich Produktdesign fallen die Zugänge der Designer sehr individuell aus. Was man aber sagen kann: Design aus den Niederlanden ist sehr experimentell, innovativ und testet Grenzen aus.

STANDARD: Sie modeln nebenher. Was bedeutet Mode für Sie?

Zuidema: An der Uni trage ich meist bequeme Kleidung. Ich finde Mode spannend, wenn sie künstlerisch gedacht wird.

STANDARD: Welche lokalen Modedesigner mögen Sie?

Zuidema: Am allerliebsten ist mir die Designerin Iris Van Herpen. Ihre Couture-Entwürfe sind fantastisch und in technischer Hinsicht extrem innovativ.

STANDARD: Was macht Amsterdam lebenswert?

Zuidema: Die vielen alten Gebäude! Man kann, selbst wenn man zum wiederholten Mal durch eine Straße geht, Neues entdecken.

STANDARD: Welche Plätze empfehlen Sie Besuchern?

Zuidema: Die Gegend um die NDSM-Werft eignet sich perfekt, um einen Kaffee zu trinken. Dann wäre da das Westerparkviertel mit seinen vielen Lokalen. Außerdem mag ich den TonTon-Club mit seinen Flippern und den Hortus Botanicus – hier lasse ich mich von den vielen Pflanzen für mein Studium inspirieren!

Das Model Lotte Zuidema (22) studiert Produktdesign in Amsterdam. Fotografiert wurde sie im frühlingshaften Rembrandtpark.

www.instagram.com/lottezuidema


Marc Koehler: "In Farben und Mustern fühle ich mich frei"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Marc Koehler in einem Mantel und einer Hose von Dries Van Noten, einem eigenen Pullover und Schuhen von Prada.

STANDARD: Warum tragen so viele Architekten vor allem Schwarz?

Marc Koehler: Vielleicht weil sie langweilig sind oder weil sie glauben, die Farbe lasse sie wichtiger erscheinen. Oder weil sie Angst davor haben, ihre Persönlichkeit zu offenbaren.

STANDARD: Was tragen Sie gerne?

Koehler: Ich mag den Mantel von Dries Van Noten aus dem Shooting. (siehe Foto) In den Farben und Mustern fühle ich mich frei und bekomme gute Laune.

STANDARD: Gibt es Kleidungsstücke, die Sie niemals anziehen würden?

Koehler: Ich versuche Anzüge zu vermeiden, weil sie einfach nicht mit meinem Freiheitswillen zusammengehen. Manchmal aber muss es sein, um mögliche Investoren nicht zu verprellen. (lacht)

STANDARD: Wer ist der lässigste Typ der Stadt?

Koehler: Der Designer Ralph Nauta vom Amsterdamer Studio Drift kommt da schon sehr nahe dran. Er ist direkt, offen, lustig, ungezogen und charmant – so zieht er sich auch an.

STANDARD: Drei Orte, die Architekturliebhaber in Amsterdam unbedingt besucht haben sollten?

Koehler: Ich empfehle zum einen, sich die neuen Apartmentblocks am Ridderspoorweg in Buiksloterham, einem ehemaligen Industrieviertel, dem zukünftigen Brooklyn von Amsterdam, anzuschauen. Außerdem ist toll: die Westergasfabriek und der Westerpark, wo bei sonnigem Wetter die unterschiedlichsten Leute entspannen, grillen oder Sport treiben. Nicht zuletzt sollte man die Gratisfähre vom NDSM zum Hotel Pontsteiger nehmen und die neue, spektakuläre Architektur am IJmeer genießen.

Der in Naarden in der Nähe von Amsterdam geborene Architekt Marc Koehler (42) wurde bei sich zu Hause fotografiert.

www.marckoehler.com


Maria Busygina: "Die Niederländer lieben getrocknete Blumen"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Die Floristin Maria Busygina trägt eine Jacke aus Lammleder von Hermès.

STANDARD: Sie sind Floristin, haben Sie eine Lieblingsblume?

Maria Busygina: Die exotische Anthurie, die auch Flamingoblume genannt wird.

STANDARD: Der beste Blumenladen Amsterdams?

Busygina: Ganz klar Flowers & Powers im Westen der Stadt.

STANDARD: Holland ist berühmt für seine Tulpen. Welche Blumen laufen ihnen derzeit den Rang ab?

Busygina: Getrocknete Blumen, weil sie so lange haltbar sind. Ein besonders schönes Beispiel ist das Pampasgras.

STANDARD: Ihr Lieblingsplatz in Amsterdam?

Busygina: Der Museumplein, wegen der relaxten Atmosphäre dort. Der Platz erinnert mich an Paris.

STANDARD: Welche Bedeutung hat Mode für Sie?

Busygina: Mode interessiert mich schon seit meiner frühesten Kindheit. Ich hab in meiner Heimat in Jekaterinburg als eine der Ersten Modestyling studiert.

STANDARD: Dann können Sie uns sicherlich ein paar niederländische Modelabels empfehlen!

Busygina: Unbedingt: Ich schätze die Marke Sissy-Boy für ihre Qualität und Yaya für die tollen Farbkombinationen. Genauso mag ich aber auch Newcomer wie das Label The Girl and the Machine, ein nachhaltiges Start-up, das sich auf personalisierte und maßgefertigte Mode spezialisiert hat.

Die gebürtige Russin Maria Busygina (32) lebt seit zehn Jahren in Amsterdam. Für das Shooting hat sie mit ihrer Lieblingsblume, der Anthurie, posiert.


Lobke Leijser: "Die Szene ist lebendig und offen"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Lobke Leijser in einem Blazer von Escada und einer Hose von Giorgio Armani.

STANDARD: Was bedeutet Ihnen Mode?

Lobke Leijser: Ich arbeite mit den unterschiedlichsten Kreativteams zusammen, dabei ist Mode ein unabdingbarer Bestandteil. Sie ermöglicht mir zu experimentieren.

STANDARD: Wie würden Sie Ihren persönlichen Stil beschreiben?

Leijser: Modern, zeitlos und funktional. Am liebsten trage ich lange Kleider. Mir geht es um interessante Silhouetten und Farbe, wohingegen meine Bilder weniger minimalistisch gestylt sind.

STANDARD: Welche holländischen Modelabels können Sie empfehlen?

Leijser: Daily Paper schätze ich für seine tollen Designs, das Label wächst gerade enorm. Dann wäre da noch die nachhaltige Marke Rhumaa: Für jede Kollektion wird mit talentierten Nachwuchskünstlern zum Beispiel aus Afrika kooperiert. Die Kollektionen des Modelabels Maison the Faux darf man als Kommentar auf die Modeindustrie lesen.

STANDARD: Die lokale Modeszene ist ...

Leijser: ... lebendig, konzeptuell arbeitend und offen. Ich ziehe aus dem Miteinander viel Energie!

STANDARD: Welche niederländischen Lifestyle-Magazine können Sie empfehlen? Welche Modepersönlichkeiten sind besonders interessant?

Leijser: Das Magazin Glamcult ist definitiv mein Favorit. Und Sie sollten unbedingt Rushemy Botter (Kreativchef beim Unternehmen Nina Ricci, Anm.) folgen!

Die Niederländerin Lobke Leijser (23) ist schon seit fünf Jahren im Geschäft. Sie hat mit 18 begonnen, Modefotos zu machen.

www.lobkeleijser.com


Hoshyar Rasheed: "Die Stadt hat einen sehr eigenständigen Charakter"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Der Künstler Hoshyar Rasheed wurde in seinem Atelier fotografiert. Er trägt einen Mantel von Hilfiger Collection Men, T-Shirt privat.

STANDARD: Beschreiben Sie doch einmal Ihren Modestil!

Hoshyar Rasheed: Sportlich und modern, würde ich sagen. Gleichzeitig mag ich bequeme Kleidung, in der man sich bewegen kann.

STANDARD: Und der Stil der Amsterdamer?

Rasheed: Jung, verrückt und unkompliziert. Das ist insofern interessant, als sich am Stil der Stadt und ihrer Bewohner ablesen lässt, wie sich ihr Charakter verändert.

STANDARD: Was bedeutet Mode für Sie?

Rasheed: Ich vergleiche die Mode gern mit blühenden Blumen am Straßenrand. Sie strahlen, sehen schön aus und sind gleichzeitig fragil. Sie blühen mal länger, mal kürzer. Sie verändern und bewegen sich in jede Richtung.

STANDARD: Wer ist der lässigste Typ der Stadt?

Rasheed: Was für eine Frage, das ist ganz schwierig zu beantworten. Ich bewundere Menschen, die etwas verändert haben und die mit ungewöhnlichen Ideen um die Ecke kommen. Wenn ich mich festlegen muss, dann würde ich Wim Kok nennen (der verstorbene frühere niederländische Ministerpräsident, Anm.).

STANDARD: Kann Amsterdam anstrengend sein?

Rasheed: Die Stadt atmet und hat einen sehr eigenständigen Charakter, da kann's schnell stressig werden. Doch die Magie der Stadt macht die historische Architektur aus. Sie verströmt Ruhe.

Der Künstler Hoshyar Rasheed wurde 1971 geboren, vor 20 Jahren kam er in die Niederlande.

www.hoshyarr.com


Bo Reudler: "Wir ziehen uns praktisch an"

foto: brick & mortar/anastasia ekhlakova und sweta brik-jones
Bo Reudler trägt einen Pulli von Louis Vuitton sowie Hose und Schuhe on Dries Van Noten.
Jeanne Tan trägt ein Kleid von Jil Sander, Schuhe von Louis Vuitton und Ohrringe von Eva M. Schuster.

STANDARD: Beschreiben Sie doch einmal den typischen "Amsterdamer"! Was zieht er an?

Bo Reudler: Schwierige Sache. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen und fühlt sich an wie ein kosmopolitisches Dorf. Einerseits wirkt Amsterdam wie eine Großstadt, gleichzeitig ist so gut wie alles mit dem Fahrrad erreichbar. Gemein ist uns Amsterdamern, dass wir uns praktisch anziehen, weil wir viel mit dem Fahrrad unterwegs sind und es oft regnet.

STANDARD: Wie sieht die typische Amsterdamer Wohnung aus?

Reudler: Im Zentrum sind die Häuser meist schmal, hoch und tief geschnitten und haben unzählige schmale Treppen und Stufen. Ein bisschen spiegelt die Architektur die Physiognomie der Niederländer wider: Sie sind auch oft schmal und schlank. Außerhalb des Kerns sieht es anders aus. Die Stadtteile sind zu großen Teilen in den 1930er-Jahren entstanden, deshalb gibt es da tolle Wohnungen mit Buntglasfenstern.

STANDARD: Ist das Leben in Amsterdam stressig?

Reudler: Das Tempo hier fühlt sich genau richtig an. Die Leute sind ehrgeizig, nehmen sich aber auch Zeit für sich selbst. Eine gute Balance, finde ich.

STANDARD: Ihre liebsten Plätze in Amsterdam?

Reudler: Wir halten uns gern in Parks wie dem Vondelpark auf. Gleich um die Ecke von hier, wo wir fotografiert wurden, gibt es einen wunderschönen geheimen Garten, den kennen sogar die wenigsten Leute aus der Nachbarschaft.

STANDARD: Drei Gründe, in Amsterdam zu leben?

Reudler: Das Tempo ist angenehm, alles ist mit dem Rad erreichbar, und auch wenn in anderen niederländischen Städten viel passiert, ist Amsterdam nach wie vor das kreative Zentrum des Landes, das finde ich aufregend.

Der Produkt- und Innendesigner Bo Reudler (39) wurde gemeinsam mit seiner Frau Jeanne Tan fotografiert.

www.boreudler.com

Jeanne Tan: "Mit unseren Kindern habe ich die vielen Parks entdeckt"

STANDARD: Welche Modestücke finden Sie toll?

Jeanne Tan: Am ehesten die Chanel 2.55, eine Handtasche, die nie aus der Mode kommen wird. Sie steht auf meiner Wunschliste, seit ich klein bin. Vielleicht wird's ja noch was in diesem Leben!

STANDARD: Welche niederländischen Designer mögen Sie?

Tan: Ich liebe die traumhaften Couture-Kleider von Jan Taminiau. Sie sehen aus, als kämen sie aus einer anderen Zeit, und sind besonders exquisit verarbeitet.

STANDARD: Was würden Sie niemals anziehen?

Tan: Ich versuche grundsätzlich nichts zu tragen, was mit Kindern kompliziert werden könnte.

STANDARD: Welche Viertel von Amsterdam finden Sie gerade interessant?

Tan: Im Moment finde ich De Baarsjes im Westen der Stadt, wo wir auch das Fotoshooting gemacht haben, am spannendesten. Das ist unsere Hood, hier gibt es viele Parks, tolle Restaurants und Cafés, Gemeinschaftseinrichtungen und einen Mix an Leuten von überall her. Ich schätze an der Gegend hier, dass sie grüner ist und man mehr Platz als im Stadtzentrum hat.

STANDARD: Ihre liebsten "Geheimplätze" in der Stadt?

Tan: Ach, es gibt so viele kleine Parks und Spielplätze, die sich oft abseits der Hauptstraßen verstecken. Diese Seite von Amsterdam habe ich völlig neu entdeckt, seit ich Kinder habe. Es gibt immer eine kleine Bank, auf der man sich hinsetzen und den Kleinen beim Spielen zuschauen kann. Manchmal bekommt man auch ein paar Sonnenstrahlen ab – wunderbar! (Anne Feldkamp, RONDO, 6.5.2019)

Die Architektur-Journalistin Jeanne Tan (49) und Bo Reudler posieren auf einem Spielplatz hinter der Maarten Harpertszoon Trompstraat im Westen der Stadt, wo sie mit ihren Kindern wohnen.

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