Harmonie oder wilder Sex?

    Kolumne6. Mai 2019, 16:00
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    Beide Geschmacksrichtungen in einem Riegel gibt es leider nicht, weiß Ela Angerer

    Mein Freund Paul ist frisch verliebt. Seit Wochen trifft er sich zu den unmöglichsten Tageszeiten auf Parkplätzen, tauscht heimliche Küsse in schummrigen Bars aus. Über sein romantisches Bewegungsprofil informiert er mich durch ständige telefonische Updates. Denn sein Gefühlstornado, jene bittersüße Mischung aus Sehnsucht und Unvernunft, hat leider einen Haken: Die Angebetete, eine Gehirnchirurgin mit seidigem blondem Haar und Kleinkind, kann sich nicht entscheiden, ob und wann sie für "die Affäre" ihre Kleinfamilie sprengt.

    Da wird man zur Cheerleaderin und leistet Beistand, das versteht sich von selbst. Denn Paul ist das, was man im Love-Interest-Jargon mit schreckgeweitetem Blick "schwer vermittelbar" nennt: sehr anspruchsvolle 40 plus. Rund um die Uhr fiebere ich mit dem Guten mit. Und immer öfter drängt sich dabei die Frage auf: Was soll man so jemandem überhaupt wünschen? Auf der einen Seite steht dieser Mensch, von Amors Liebestrank besinnungslos berauscht. Auf der anderen Seite die Erfahrung, die als vielstimmiger Gospelchor singt: "Take it easy, Baby. Es wird nie so heiß gegessen, wie gekocht."

    foto: getty images/istockphoto
    Im Spiel um Lust und Leidenschaft kann es nur kurzfristig Gewinner geben.

    "Liebe ist ein privates Weltereignis", notierte Alfred Polgar. Die Glücklichen unter uns durften diesen Ausnahmezustand schon zwei- oder dreimal erleben. Am allerglücklichsten jedoch ist, wer vergisst, dass auf brennende Cocktails zwingend die heilsame Basensuppe folgt. Dass man, rein sexuell gesehen, zuerst den Abenteuertrip nach Rio de Janeiro bekommt, und danach – im besten aller Fälle – jahrzehntelang ein- und denselben Kreisverkehr in Linz.

    Rausch ohne Blues

    "Die Liebe währt drei Jahre" nannte sich ein Roman des französischen Skandalautors Frédéric Beigbeder, der ihm viel Ärger einbrachte. "Die Leute fühlten sich von meiner Aussage bis auf die Knochen provoziert", so der Autor. Das war noch lange vor Facebook und Tinder. Heute gelten drei Jahre Liebesrausch – ohne den Blues von Socken an der Wäscheleine und vergessenem Katzenstreu – schon als beachtliche Leistung.

    Das alles soll niemandem die Hoffnung auf tiefe, langanhaltende Beziehungen nehmen. Aber das Feuerwerk, machen wir uns nichts vor, bleibt bei diesem Modell irgendwann außen vor. Es kann im Spiel um Lust und Leidenschaft nur kurzfristig Gewinner geben. Wer das im Auge behält, bleibt offen für die Widersprüche des Lebens. Oder, wie es eine lebenslustige Tante von mir auf den Punkt brachte: "Es ist das ewige Lied: Die, die draußen sind, wollen rein. Und die, die drinnen sind, wollen raus." (Ela Angerer, RONDO, 6.5.2019)

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