Wir haben "Game of Thrones", Staffel 8, Episode 3 gesehen: "The Long Night"

    Blog29. April 2019, 14:17
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    Gemetzel, Drachenfeuer, Dunkelheit – und eine sehr lange Schlacht. Es geht um alles

    ACHTUNG: Im folgenden Text geht es um die dritte Folge der achten "Game of Thrones"-Staffel. OFFENSICHTLICH wimmelt es hier nur von Spoilern. Sie wurden gewarnt.

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    "The Long Night" hieß die Folge, und lang war sie tatsächlich. Für eine Stunde und 22 Minuten tobte die Schlacht über den dunklen Bildschirm, der nur von Drachenfeuer und brennenden Gräben erhellt wurde. Am Schluss kündigte sich doch noch der Sonnenaufgang an, davor ging es um nicht weniger als das Überleben der Menschheit.

    Geredet wird in dieser Folge kaum, dazu bleibt keine Zeit. Die ersten Minuten ist die Anspannung vor dem, was kommt, deutlich zu spüren, es ist unheimlich ruhig. Sam zittern die Hände – dem Zuschauer auch ein bisschen. Alle sind auf Position, oben fliegen die Drachen, unten formiert sich das Heer der Lebenden. Da naht schon die erste Überraschung des Abends – Melisandre kommt angeritten, wie sie bereits in der letzten Staffel angekündigt hat. Ser Davos müsse sie nicht hinrichten, sagt sie zu ihm, sie werde den Morgen ohnehin nicht erleben. Sie verschafft dem Dothraki-Heer noch brennende Schwerter, bevor es in die Nacht galoppiert, dem unsichtbaren Feind entgegen. Wir sehen gemeinsam mit Daenerys und Jon, wie hunderte kleine Lichter davonziehen – und jäh verglühen. Kurz hört man in der Ferne noch Kampfgeräusche, dann ist es still.

    Spätestens da wird allen Beteiligten klar, dass der Armee des Night King auf normalem Weg kaum beizukommen ist. Der Wind wird immer lauter, das Donnern der herannahenden Armee kommt immer näher, bis schließlich die Schlacht endgültig angekommen ist und allgemeines Chaos ausbricht. Drachenfeuer von oben, Schwerthiebe und Schreie unten, Sansa und Arya sehen von der Burgmauer aus fassungslos zu. Arya schickt Sansa schließlich in die Gruft, sie könne oben nichts mehr ausrichten. Die Schwestern trennen sich, man fragt sich bang, ob sie einander jemals wiedersehen.

    A burning ring of fire

    In der Zwischenzeit zieht ein massiver Eissturm auf, die Drachenflugsichtweite ist gleich null, Jon und Daenerys auf ihren Drachen stoßen fast zusammen, und das Drachenfeuer will in diesen Bedingungen auch nicht so recht brennen. Winter ist nun wirklich hier. Die kämpfenden Westerosi müssen schließlich einsehen, dass der Feind übermächtig ist und ihm auf freiem Feld nicht beizukommen ist. Es wird zum Rückzug gerufen, alle Überlebenden versuchen in die vermeintliche Sicherheit der Burg zu kommen. Die Gräben sollen angezündet werden, um das Heer der Toten aufzuhalten, doch weder Jon noch Daenerys sehen im dichten Winternebel das Zeichen. Melisandre ist es wieder, die das Holz mit Beschwörungen in letzter Sekunde zum Brennen bringt und so einen Feuerring rund um die Burg zieht.

    Unten in der Gruft ist Tyrion mit seinem Los unzufrieden, er will oben seinen Part leisten, so wie bei der Schlacht am Blackwater, doch Realistin Sansa holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Keiner in der Krypta könne oben etwas ausrichten, man müsse der Wahrheit ins Gesicht sehen. Theon und Bran warten im Godswood auf den Night King, Bran nimmt Theons Entschuldigung für seine vergangenen Taten an. Er sei nun daheim, alle seinen Taten führten ihn hierher zurück. Spricht es und verabschiedet sich in seine Raben. Und so sehen wir den Night King zum ersten Mal aus der Rabenperspektive, wie er auf Viserion durch die Nacht fliegt.

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    Wird Jon alle retten? Oder doch jemand ganz anderer?

    Am Boden wird die Lage zunehmend aussichtsloser. Der Feuerring hält die Untoten nicht länger ab, sie brechen durch und klettern die Burgmauern hinauf. Weder Jaime noch Brienne noch einer der anderen Kämpfer können etwas dagegen machen – die Armee der Finsternis ist nun auch in der Burg. Unter ihnen auch ein untoter Riese – bist du es, Wun-Wun? –, der Lyanna Mormont zur Seite wirft. Die kleinste Soldatin der Schlacht rennt noch einmal todesmutig auf den Größten zu und tötet ihn mit letzter Kraft mit einem Schwertstich ins eisblaue Auge. Ihr lebloser Körper fällt neben dem Riesen zu Boden, und das Fanherz blutet.

    The Walking Dead

    Währenddessen erleidet Sandor Clegane angesichts des allgegenwärtigen Feuers eine Panikattacke, aus der ihn nur die Tatsache zurückholt, dass Arya ernsthaft in Bedrängnis ist und seine Hilfe braucht. Hoch über den Wolken treffen Jon und Daenerys auf das tödliche blaue Feuer Viserions, und der Drachenkampf beginnt. Arya schleicht einstweilen durch die beklemmende Stille der Bibliothek, in der auch Zombies herumwanken. Zwar schafft sie es hinaus, doch dann kommen die Untoten hordenweise angerannt, und man ist bei der Szene aus dem Trailer angelangt, in der Arya durch Winterfells Gänge um ihr Leben läuft. Clegane und Dondarrion mit dem Feuerschwert kommen zu Hilfe, doch um sie zu retten, muss sich Dondarrion ähnlich wie einst Hodor opfern und stirbt zum achten und letzten Mal. Melisandre und Arya treffen in einer kurzen ruhigen Minute erneut aufeinander und erfüllen so Melisandres Prophezeiung aus der dritten Staffel. Arya würde braune Augen für immer schließen, grüne – und blaue, so Melisandre.

    Was sagen wir dem Gott des Todes?

    Der Drachenkampf über den Wolken geht weiter, der Night King lässt blaues Drachenfeuer auf Winterfell niederprasseln und lässt sich zu Boden fallen. Daenerys wittert eine Chance und gibt ihrem Drachen das Kommando. "Dracarys!" Doch nichts geschieht, dem Night King kann ihr Feuer nichts anhaben. Er stapft unbeirrt von dannen, und auch Jons Kamikaze-Angriff kostet ihn kaum ein müdes Lächeln. Mit derselben lässigen Handbewegung wie in der Schlacht von Hardhome erweckt er alle Gefallenen wieder zum Leben. Jon ist nun von Zombies umzingelt, der Night King marschiert weiter. Überall in und um Winterfell öffnen sich blaue Augen, auch in bekannten Gesichtern wie Edds oder Lyannas. Diese kämpfen nun für die andere Seite. Und auch die Gruft ist nicht mehr sicher. Wie schon lange von Fans vermutet, erwachen auch hier die Toten zum Leben, brechen aus ihren Särgen aus und machen den Raum für alle darin zur Falle. Zumindest der Anblick eines kopflosen Ned Stark bleibt uns erspart.

    Daenerys rettet mit Drogons Hilfe den eingekesselten Jon, wird aber selbst abgeworfen und steht nun alleine mit Jorah quasi schutzlos auf dem Schlachtfeld. Nun greift auch sie zum Schwert, wohl zum ersten Mal in ihrem Leben. In der Burg spielen sich letzte verzweifelte Szenen der Schlacht ab, alle kämpfen nun auf mehr oder weniger verlorenem Posten gegen den übermächtigen Feind. Auch im Godswood wird die Lage ernst, Theon ist neben Bran als einziger Kämpfer übergeblieben, und die Pfeile sind ausgegangen. Sansa und Tyrion verstecken sich in der Gruft hinter einem Sarg und ergeben sich ihrem scheinbar unvermeidlichen Schicksal.

    Nicht heute!

    Viserion wütet in der Burg, Dialoge gibt es schon lange keine mehr, dramatische Klaviermusik untermalt den Einmarsch des Night King und seiner White Walker in den Godswood, wo Theon es bisher geschafft hat, Bran am Leben zu halten. Dieser kehrt in seinen Körper zurück und erteilt Theon in einem letzten bewegenden Moment zwischen den beiden die Absolution. Er sei ein guter Mensch. Theon rennt in einer letzten Attacke auf den Night King zu und wird von diesem mit Leichtigkeit gestoppt und getötet. So opfert sich Theon in seiner letzten Tat für die gute Sache und die Familie, die er einst verraten hat.

    Der Night King geht auf Bran zu, steht vor ihm, greift schon zu seinem Schwert. Es gilt, das Gedächtnis der Menschheit auszulöschen. Da – ein Luftzug. Und schon fliegt Arya mit ihrem Dolch in der Hand durch die Luft. Einen kurzen Moment scheint es, als würde der Night King ihr Genick einfach in der Hand zermalmen, doch dann rammt sie ihm das Messer in den Bauch, und er und seine Walker zerspringen in tausende Eissplitter. Alle Untoten fallen endgültig zu Boden, die Armee der Finsternis ist besiegt. Der Dolch, mit dem für die Starks und viele andere das Unheil begann, wendet die lange Nacht ab.

    Wer jetzt noch lebt, kann es kaum glauben. Daenerys weint auf dem Schlachtfeld um den gefallenen Jorah. Melisandre geht hinaus ins freie Feld, über dem sich schon der beginnende Morgen ankündigt, nimmt ihre Kette ab und fällt tot zu Boden – sie hat ihre Aufgabe erfüllt.

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    Und so geht es weiter ...

    Die Schlacht der Schlachten

    Das war sie also, die längste Schlacht der Filmgeschichte. Praktisch seit der ersten Szene der Serie führte alles zu diesem Moment, in dem endlich die Lebenden gegen den gemeinsamen Feind aus dem Norden kämpfen. Wurden die hohen Erwartungen erfüllt? Schließlich legte Regisseur Miguel Sapochnik mit "Hardhome" und der "Battle of Bastards" schon zwei wahrlich epische Schlachten vor. Diese Frage kann man zunächst mit einem klaren Ja beantworten. Die Schlacht war visuell unglaublich gut aufbereitet, und manche Bilder und Szenen werden unvergesslich bleiben – das verlöschende Flammenmeer der Dothraki, der Drachenkampf vor Mondlicht und Wolkenbergen, die klaustrophobischen Kampfszenen innerhalb der Burg und die heroischen Momente zwischendrin. Auf Momente des komplett entfesselten Chaos, in denen man dem Verlauf des Kampfes vor lauter Eindrücken, Dunkelheit und Feuer kaum folgen konnte, folgten Momente der Stille, in denen die Bedrohung um nichts weniger deutlich spürbar war. Dem schieren Umfang des Kampfgeschehens standen Szenen gegenüber, in denen man den einzelnen Personen durch die Nacht folgte, als Zuschauer war man immer mittendrin im Geschehen.

    Who lives, who dies, who tells your story

    Und doch fühlt sich die Episode auch ein wenig unfertig an. Jahrelang wurde sie angeteasert, und über die letzten Folgen nahm man innerlich schon Abschied von liebgewonnen Helden – Ser Brienne! Ser Jaime! Mindestens ein Stark! Noch ein Drache! Endlos wurde über das mögliche Motiv und die Mythologie des Night King und seiner Walker diskutiert, Brans Rolle in dieser Geschichte wurde bis ins Kleinste seziert. Dass es nun auf die relativ simple Auflösung hinausläuft, dass der Night King "nur" die Menschheit und ihr Gedächtnis auslöschen wollte, ist da fast ein wenig unbefriedigend – obwohl natürlich die Szene, in der Arya mit einem Streich das gesamte Heer der Finsternis auslöschte, großartig war.

    Und nicht, dass man Fanlieblingen den Tod wünscht, doch es ist einigermaßen überraschend, dass es in den Ereignissen der Nacht kaum jemanden aus der ersten und zweiten Riege der Darsteller erwischt hat. Auf Dauer ist die dauernde Rettung aus scheinbar ausweglosen Situationen wenig zufriedenstellend – auch wenn es um Fanlieblinge geht. Früher hatte die Serie auch kein Problem damit, sich ihrer Figuren zu entledigen, selbst wenn sie für die Handlung unentbehrlich schienen. Es nimmt einer Folge wie "The Long Night" ein bisschen die Bedeutungsschwere, wenn man sich als Zuseher von niemandem verabschieden muss, der eine halbwegs große Rolle spielt. Und doch erfüllten diejenigen, die in dieser Folge der Tod ereilte, und die, die ihm noch einmal entkamen, ihr Schicksal auf die bestmögliche Weise. Die Frage, zu welchem Zweck Berric Dondarrion so oft ins Leben zurückgeholt wurde, warum Melisandre noch einmal nach Westeros zurückkehren musste und warum Aryas lange Ausbildung zur Killerin so viel Platz in der Geschichte bekam, wurde endlich beantwortet. Es ging immer schon um das Abwehren der langen Nacht. (Anya Antonius, 29.4.2019)

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