Einwanderungsland Österreich: Gegen die Endzeitstimmung und Wunsch nach Heimeligkeit

Kommentar28. April 2019, 18:51
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Gegen die Endzeitstimmung

Der Zeitpunkt für Vizebürgermeister Nepps Posting gegen kopftuchtragende Mütter im Wiener Türkenschanzpark erscheint nicht zufällig gewählt. Auch Vizekanzler Straches Verteidigung des identitären Begriffs "Bevölkerungsaustausch" in einem Krone-Interview passt ins Bild: In der FPÖ will man die unter Druck getätigten Distanzierungen von rechtsextremer Gesinnung wettmachen. So will man die Kernwählerschaft bei der Stange halten.

Damit jedoch wird dem Publikum weit über diese Kreise hinaus Sand in die Augen gestreut. Denn Strache und Nepp sind nicht irgendwer. Als Verantwortung tragende Politiker reden sie hier vielmehr der Vorstellung das Wort, die heimische Bevölkerung unterliege einem fatalen Schrumpfungsprozess und in den städtischen Grünräumen manifestiere sich eine hinterrücks eingeschlichene Türkenbelagerung. Der republikanische Gedanke, dass viele Einwanderer inzwischen Österreicher und damit den "Heimischen" zuzuzählen sind, geht so völlig verloren.

Stattdessen werden eine Endzeitstimmung und die Grundlage für Überfremdungsängste transportiert – sowie, daran anschließend, eine falsche Nostalgie: Als Alternative zur Gesellschaft, wie sie heute ist, wird vielfach ein Österreich wie "vor 30" oder "vor 50 Jahren" imaginiert. Da ist die Erinnerungsspanne offenbar zu kurz: Vor 30 Jahren waren die Gastarbeiter, vor 50 Jahren Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei in aller Munde. (Irene Brickner, 28.4.2019

Wunsch nach Heimeligkeit

Es ist natürlich politisch völlig unkorrekt, hellhäutige, blonde, blauäugige Kinder sympathisch und das Sprachengewirr in der Straßenbahnlinie 6 als unsympathisch zu empfinden. Ganz unkorrekt ist der Wunsch, dass die eigenen Kinder Schulen besuchen, in denen vor allem Kinder mit demselben sprachlichen, ökonomischen und sozialen Hintergrund unterrichtet werden.

Aber niemand will sich deswegen als rassistisch, fremdenfeindlich oder elitär beschimpfen lassen. Menschen haben eben ihre Lebensvorstellungen – und jeder hat seine eigenen Vorurteile. Rechte Bewegungen wie die FPÖ unterstützen die Pflege dieser Vorurteile gerne. Aber es sind deren linke Gegner, die ihr mit ihren Rassismus- und Fremdenfeindlichkeitsvorwürfen die Sache verschlimmern.

Es gibt nun einmal Menschen, die sich eine Welt nach traditionellen Bildern wünschen – selten nach einem Schwarz-Weiß-Schema ("ohne Fremde"), aber eben mit einer Präferenz dafür, in einer Umgebung zu leben, die sie als heimelig empfinden. Diejenigen, die es sich leisten können, ziehen in eine noblere Gegend um – und schicken ihre Kinder auf entsprechende Nobelschulen. Auch diese Binnenmigration gehört zu dem, was Heinz-Christian Strache "Bevölkerungsaustausch" nennt. Solcher Austausch passiert auch von Natur aus: Angesichts einer Lebenserwartung von 80 Jahren sorgt schon die Demografie dafür, dass danach ganz andere Menschen (welcher Hautfarbe, Sprache oder Religion auch immer) "bei uns" leben werden. (Conrad Seidl, 28.4.2019)

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