Wundertütentheater "Zelt" von Herbert Fritsch am Burgtheater

    28. April 2019, 17:19
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    Schön seltsam, aber mit Längen: Herbert Fritsch veranstaltet mit dem physisch geforderten Burgensemble ein "Zelt"-Fest

    Bei Herbert Fritsch hat der Begriff Sprechtheater bekanntlich ausgedient. Theater sei keine Dichterverehrung, es entstehe nicht am Schreibtisch, sondern – eben – im Theater. Und so ertüftelt Fritsch, der ehemalige Volksbühnenschauspieler und nun gefeierte Regisseur, mit jeweils neuen, artistisch begabten Schauspielerinnen und Schauspielern seinen berühmten Edelslapstick. Die Segnungen durch zig Einladungen zum Berliner Theatertreffen bestätigen ihn. Ja, Fritsch ist es gelungen, eine neue, ganz eigene Form des Theaters auf die Beine zu stellen, eines nach eigener Façon: bad acting, aber das präzise, Theater mit Nummerncharakter, immer schön knallbunt und gern mit musikalischem Pfiff abgesichert. Fritsch ist der ernst zu nehmende Harlekin des deutschsprachigen Theaters.

    Es wird "gewienert"

    Seine Ästhetik wirkt am besten dann, wenn Fritsch frei entwickeln kann, also nicht einer Textvorlage zu entsprechen habe, heißt es oft. So eindeutig ist die Sache aber nicht. Ergab doch die wahnvolle Körperakrobatik beim Eingebildeten Kranken einen höllisch guten Abend in prächtigen Speibe- und Dünnschissfarben (Burgtheater 2015). Hingegen ist seine allerneueste, frei entworfene Arbeit Zelt ebenda eine seiner schwächeren Inszenierungen.

    Zelt ist ein Nummernabend auf freier Fläche, dessen größte innere Logik es bleibt, mittels jeweils neu hinzukommender Objekte ein Spiel in Gang zu setzen. Ein teuflisches Spiel, das sich trickreich entfaltet, immer gekonnt am Misslingen vorbeischrammt, also den Abgrund spüren lässt, und das Poesie und Blödheit gleichermaßen huldigt. Zunächst wird der Boden gewienert – ein Wortspiel, das an diesem textlosen Abend in das mit Zeichnungen von Evy Schubert versehene Programmheft verbannt bleibt. 17 Figuren in giftgrünem und blutrotem Putzoutfit machen sich zu Beginn mit Besen, Kübel und Lappen am Bühnenboden zu schaffen.

    Slapstick und Müllstick

    Dann kommt der Meisterputzer (Hermann Scheidleder), der von seiner Machtstellung nichts weiß und die ihm pantomimisch huldigende Kolonne ratlos verlässt. In dieser Szene steckt dank der chorisch akkurat geäußerten Gefühlslaute und ebensolcher Grimassen einige Wucht: blinder Gehorsam und Gleichförmigkeit im bunten Kleid. Im Angesicht der aufgehenden Sonne "ohmen" dann alle sicherheitshalber in den Putzkübel.

    Aus der Tasche eines Spaziergängers (Scheidleder) fällt wenig später ein anderer Fetzen: eine Plane, die dieser Schritt für Schritt zum Zelt aufbaut. Da machen sich schon erste Längen bemerkbar, die den Abend immer wieder drücken. Zehn Minuten lang auf offener Bühne spannungsgeladen ein Zelt aufzubauen – dafür braucht es mehr als einen Müllstick und den Slapstick-Sound von Komponist und Sturmfrisur-Performer Matthias Jakisic.

    Strenger Rhythmus

    Wie durch ein Wunder – man will ja nicht spoilern – landen viele weitere Taschen mit Zeltplanen auf der Bühne. Sie üben den größten Reiz auf das in bunt-verbrämte Trachtenkleider (den Deutschen ihren Spaß!) gehüllte Ensemble aus, das sofort damit beginnt, mit der gefundenen Beute herumzuspielen. Licht und Musik begleiten die Zelterforschung im strengen Rhythmus.

    Zelttaschen, so lernt man hier, können, sofern richtig drapiert, im Gesicht Elefantenrüsseln gleichen. Das ganze Ding erweckt, um den Körper gestülpt – und das ist die allereinzigste und winzigste konkrete politische Komponente dieser Inszenierung -, den Eindruck einer Burka mit Sichtgitter. Rasch ist sie abgelegt, weiter im Spaß. Fritsch hat also wieder ein Ding gefunden, das er auf seine Formbarkeit und die schillerndsten Benützungstechniken überprüfen kann.

    Konzert des Wahns

    Sein bisheriger Werkkanon umfasst rollende Röhren und Schwimmbecken (Pfusch, 2016), Riesenperserteppiche (Grimmige Märchen, 2017), Halfpipes (Champignol wider Willen, 2018) und vieles mehr. Nun also das Zelt, und man muss zugeben, dass man selten so viel Zeit hatte, um über die praktische Erfindung und ihr Sosein in der Welt nachzudenken. Der nächste Campingurlaub kommt bestimmt!

    Es gelingen kontemplative Bilder bis hin zum Tanz der aus dem Schnürboden schwebenden Plastikiglus, die in ihren langsamen Auf- und Abbewegungen die Burgtheaterbühne in einen riesigen Bildschirmschoner verwandeln. Den eigentlichen Höhepunkt aber bildet ein Konzert, welches die Zeltlagerer mit Instrumenten anstimmen. Weder eine Zirbenstube noch ein Lagerfeuerkreis haben derlei satanisches Tastenrubbeln und Saitenkratzen je gehört. Die exquisiten Varianten dieser Kakofonie genießt man aber nur, wenn man durchhängende Passagen dieses Abends ebenso in Kauf nimmt. (28.4.2019, Margarete Affenzeller=

    • Kein Lagerfeuer und keine Zirbenstube haben so etwas je gehört: Gitarren- und Ziehharmonikamusik, wie sie Burgtheaterschauspieler rubbelnd und kratzend erzeugen.
      apa/klaus techt

      Kein Lagerfeuer und keine Zirbenstube haben so etwas je gehört: Gitarren- und Ziehharmonikamusik, wie sie Burgtheaterschauspieler rubbelnd und kratzend erzeugen.

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