Rundschau: Neues vom besten Science-Fiction-Autor der Welt

    Ansichtssache1. Juni 2019, 10:00
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    Eine Huldigung an Ted Chiang und der voraussichtlich letzte Versuch mit Cixin Liu

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    foto: knopf

    Ted Chiang: "Exhalation"

    Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, Knopf 2019, Sprache: Englisch

    Meine Damen und Herren: Im – es ist atemberaubend! – langsamsten Kopf-an-Kopf-Rennen der Science-Fiction-Geschichte schiebt sich die englischsprachige Lesergemeinde soeben wieder an der deutschsprachigen vorbei. Vorgegeben wird das Tempo vom begnadeten Ted Chiang, der seine Erzählungen so gründlich durchdenkt, dass in der Regel Jahre zwischen zwei Veröffentlichungen vergehen. Seine Sammelbände wachsen daher so langsam wie Stalagmiten: Mit "Exhalation" ist geschlagene 17 Jahre nach "Stories of Your Life and Others" erst der zweite voll geworden. Jedenfalls auf Englisch.

    Deutschsprachige Leser waren da bis jetzt im Vorteil: Der Golkonda-Verlag hatte zwischen 2011 und 2014 mit "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes" und "Das wahre Wesen der Dinge" einen Doppelpack herausgebracht, der nicht nur alle Geschichten aus "Stories of Your Life and Others" enthielt, sondern auch einige später veröffentlichte, die man sich im Original in diversen Magazinen zusammensuchen musste. Die werden nun in "Exhalation" nachgereicht – und dazu vier, die es auf Deutsch noch nicht gibt. Zwei davon wurden sogar erst heuer, extra für diesen Band vollendet; Chiang hatte also geradezu einen Schreibschub. Und wie immer sind sie großartig geworden.

    Gott gab es, aber ...

    Besieht man sich Chiangs fast schon 30 Jahre zurückreichendes Schaffen, kann man es in thematische Gruppen gliedern. Ein häufig wiederkehrendes Thema (siehe etwa "Tower of Babylon" oder "Hell is the Absence of God") ist zum Beispiel die Frage: Was wäre, wenn religiöse oder mythologische Welterklärungen auf Tatsachen beruhen würden? So auch in der brandneuen Geschichte "Omphalos" (griechisch für "Nabel"), die Kreationismus mit einem Twist zum Inhalt hat.

    In dieser Version der Welt gibt es eindeutige Beweise für einen göttlichen Schöpfungsakt, der vor knapp 9.000 Jahren stattgefunden hat. Baumfossilien aus dieser Zeit haben unter ihren äußeren Ringen eine homogene Holzschicht, weil die Bäume bei ihrer Erschaffung schon eine stattliche Größe aufwiesen. Aus dem gleichen Grund haben die mumifizierten Menschen der allerersten Generation keinen Nabel, sie wurden ja nie geboren. All diese Beweise für Gott kann man im Museum jederzeit begutachten. Und darum ist es für Wissenschafter wie die Archäologin Dorothea Morrell auch völlig normal, an Gott zu glauben. Woran allerdings niemand je gedacht hätte, dafür liefert nun ein Astronom Indizien: Nur weil Gott die Erde erschaffen hat, heißt das noch lange nicht, dass sie auch der Nabel des Universums sein muss ...

    Das Für und das Wider

    Ein anderes Muster, das sich bei Chiang öfter wiederfindet, ist die als Geschichte getarnte Diskussion über die Folgen einer neuen Technologie. In "Liking What You See" ging es seinerzeit um eine Software, die es uns unmöglich macht, Menschen als "schön" oder "hässlich" zu bewerten. Im hier enthaltenen "The Truth of Fact, the Truth of Feeling" geht es um Technologien, die unser Erinnerungsvermögen verändern. In der nahen Zukunft wird eine implantierbare Software auf den Markt gebracht, die beim Gedanken an zurückliegende Ereignisse sofort entsprechende Video-Dokumente abruft. Mit der Folge, dass Erinnerungen, die durch die Zeit verklärt werden, passé sind – von nun an gibt es nur noch nachprüfbare Fakten.

    Parallel dazu beschreibt Chiang, wie Missionare ein zuvor schriftloses Volk in Westafrika alphabetisierten. Beide Prozesse sind letztlich derselbe, wie Chiang darlegt. Sowohl die Software Remem als auch die Schrift sind Technologien, die die Gedächtnisbildung des Menschen grundlegend verändern, ihn zu einem cognitive cyborg machen. Es ist aber keine "Cautionary tale", die einseitig vor den negativen Folgen der Veränderung warnt. Für und Wider werden von Chiang respektive seinem Remem-skeptischen Erzähler sorgfältig gegeneinander abgewogen – mit einem Ergebnis, wie es sich für einen SF-Autor geziemt.

    Zwischen Wissenschaft und Kunst

    Zum Themenfeld Erziehung, in das "The Truth of Fact, the Truth of Feeling" auch hineinspielt, gehören weiters Chiangs bislang längste Erzählung, die Novelle "The Lifecycle of Software Objects", die sich um die kognitive Entwicklung künstlicher Intelligenzen dreht, und die Steampunk-Geschichte "Dacey's Patent Automatic Nanny" um eine Maschine zur Kindererziehung. Beide Erzählungen, ebenso wie die Titelgeschichte "Exhalation" mit ihrem grandios fremdartigen Setting, sind bereits auf Deutsch in "Das wahre Wesen der Dinge" zu finden. Und sie alle beruhen auf Aufsätzen oder Vorträgen von Wissenschaftern, die Chiang als Inspiration gedient haben. Im Anhang des Bands schildert der Autor zu allen die jeweilige Entstehungsgeschichte.

    Eine der neuen Geschichten, "The Great Silence", weist eine strukturelle Gemeinsamkeit mit "Dacey's Patent Automatic Nanny" auf. Beide Geschichten waren eigentlich Teil eines Kunstprojekts – bei der "Nanny" war es ein illustrierter Steampunk-Band, bei "Silence" eine Installation, zu der Chiang nur den Text beisteuerte. Ohne den Kontext sind diese Geschichten daher nicht ganz vollständig, bleiben aber interessant. "The Great Silence" dreht sich um den Widerspruch, dass der Mensch mit Hightechanlagen ins All horcht, um Anzeichen für intelligentes Leben zu finden – während im Dschungel rund um diese Anlagen durchaus intelligente und kommunikationsfähige Papageien vergeblich darauf warten, dass der Mensch mit ihnen Kontakt aufnimmt.

    "Past and future are the same, and we cannot change either, only know them more fully"

    Chiangs wohl wichtigstes Thema ist aber der Gegensatz von Determinismus und freiem Willen – und sein ganz persönlicher Ansatz, dass das eine das andere nicht unbedingt ausschließen muss. In "What's Expected of Us" treibt eine simple kleine Maschine ihre Benutzer langsam zur Verzweiflung, indem sie ein Glühlämpchen aufleuchten lässt – stets eine Sekunde, bevor sie eingeschaltet wird. Und sie lässt sich nicht austricksen. Dieser Predictor löst nach und nach eine Massendepression aus, da er nahelegt, dass der freie Wille nur eine Illusion ist.

    Quasi als Gegengift zu diesem düsteren Gedankengang hat Chiang aber nur wenig später "The Merchant and the Alchemist's Gate" veröffentlicht. In einem Bagdad wie aus "1001 Nacht" kann die Kundschaft eines Alchemisten durch ein Portal in Vergangenheit und Zukunft reisen. Weder das eine noch das andere ist veränderbar, aber – so die tröstliche Botschaft – vollständiger verstehbar. Kurz gesagt: Es bleibt immer Platz für Überraschungen. Wie Chiang in dieser Geschichte den vermeintlichen Widerspruch von individueller Entscheidung und Schicksal auflöst, ist eine Meistertat.

    Was wirklich zählt

    Die letzte neue Geschichte im Band, "Anxiety Is the Dizziness of Freedom", fällt ebenfalls in diese Kategorie. Sie geht von der Viele-Welten-Theorie aus, aber mit einem ganz neuen Zugang. Nicht persönliche Entscheidungen spalten hier den Zeitverlauf in Parallelwelten auf, sondern ausschließlich Quantenereignisse. Doch gibt es mit dem Prism eine in Massenproduktion herstellbare Maschine, die solche Quantenereignisse erzeugen und anschließend als Interface zwischen den alternativen Welten fungieren kann. Unmittelbar nach dem Einschalten der Maschine sind sie noch identisch, doch ab dann häufen sich sehr schnell die Unterschiede. In beeindruckenden Passagen legt Chiang dar, wie schon die abweichende Bewegung eines einzelnen Atoms eine unvermeidliche Kettenreaktion auslöst, an deren Ende in keinen zwei Welten mehr dieselben Menschen geboren werden.

    Doch die schon vor dem Einschalten Geborenen sind natürlich in beiden Welten vorhanden, und durch ein Prism kann nun jeder mit seinem "Paraselbst" kommunizieren. Und damit nachschauen, wie es ihm unter anderen Umständen erginge. Chiang führt in seiner Geschichte so unfassbar viele Konsequenzen an, die sich aus dieser Möglichkeit ergeben würden, wie es nur jemand vermag, der alles von Ursache bis Folge(n) genauestens durchdenkt. Jede einzelne davon würde einem anderen Autor den Stoff für eine Kurzgeschichte oder gar einen ganzen Roman liefern. Chiang hingegen lässt sie nur beiläufig Revue passieren. Denn ihm geht es um die menschliche Seite: Anhand seiner zwei Hauptfiguren, der Gaunerin Nat und der Therapeutin Dana, demonstriert er, wie wichtig es ist, wofür sich ein Mensch entscheidet; selbst im Angesicht scheinbar unendlicher Möglichkeiten. Am Schluss hatte ich – verflixt! – tatsächlich Tränen in den Augen.

    Und das ist es, was die eigentliche Magie von Ted Chiang ausmacht: Seinen Ideenreichtum betrachtet man mit Entzücken, sein Verständnis der Naturwissenschaften mit Respekt, die Konsequenz des Zu-Ende-Denkens mit Ehrfurcht – vor allem anderen aber ist er ein überzeugter Humanist. Bei ihm läuft alles auf die Frage hinaus: Haben meine Entscheidungen – und damit letztlich ich selbst – irgendeine Bedeutung? Und zu unserem Glück findet er selbst im unwahrscheinlichsten Szenario immer die Möglichkeit eines Jas.

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