Xiaomi Mi 9 im Test: Smartphone-Schnäppchen mit Schwächen

    12. Mai 2019, 09:45
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    Vor allem zwei Probleme trüben den Eindruck des Highend-Handys für 450 Euro

    Wer nicht beinahe vierstellige Beträge für die Flaggschiffe von Samsung und Co. ausgeben möchte, hat dieser Tage wieder mehr Optionen. Da wäre etwa OnePlus, das seine Geräte mittlerweile aber auch weit über seinem einstmaligen Preisniveau verkauft. Oder Honor, das im Grunde leicht abgespeckte Versionen der Premiumgeräte von Mutterfirma Huawei zu niedrigeren Preisen auf den Markt bringt. Und seit vergangenem Jahr auch Xiaomi, dessen Geräte schon als Importware recht beliebt waren und nunmehr offiziell auch in Österreich zu haben sind.

    Folgerichtig war das Interesse an der Vorstellung des Frühjahrs-Spitzengeräts Mi 9 recht groß. Zu einem Preis von ab 449 Euro ist es das bisher wohl günstigste Highend-Handy des Frühjahrs, dennoch soll es sich mit den etablierten Playern messen können. DER STANDARD hat überprüft, was das mutmaßliche Schnäppchen taugt.

    foto: standard/pichler

    Basics

    Zum Mindestpreis bekommt man das Handy mit sechs GB RAM und 64 GB Onboardspeicher. Für 499 Euro wird auch noch die Variante mit 128 GB Onboardspeicher angeboten (jeweils nicht erweiterbar). Beide Versionen bringen unter der Haube sonst die selbe Hardware mit. Allen voran den Snapdragon 855 von Qualcomm, der auch in allerlei anderen Spitzenhandys dieser Saison seinen Dienst verrichtet.

    Verpackt ist das ganze in ein Gehäuse, das dem Vorjahresmodell Mi 8 im Grunde sehr ähnlich sieht. Drei Sachen sind aber dennoch auf Anhieb zu erkennen: Das Kameramodul wurde etwas umgestaltet, auch weil es jetzt einen Fotosensor mehr beherbergt, der Fingerabdruckscanner auf der Rückseite wurde mit einem unter dem Display ersetzt und der "Notch" am oberen Bildschirmrand fällt nun deutlich kleiner aus.

    foto: standard/pichler

    Starkes Display

    Das Gesamtkonstrukt aus Metall und Glas misst 157,5 x 74,7 x 7,6 Millimeter bei einem Gewicht von 173 Gramm. Wie praktisch alle Smartphones dieser Tage ist das Mi 9 mit einer Hand nur eingeschränkt bedienbar, selbst wenn man das System in den eingebauten Einhandmodus schaltet. An der Verarbeitung gibt es nichts auszusetzen. Allerdings kämpft auch dieses Handy mit dem Phänomen, dass die Rückseite derart glatt ist, dass sich das Gerät gerne auf Wanderschaft begibt, wenn es auf einem Untergrund liegt, der nicht völlig plan ist. Abhilfe kann eine Hülle schaffen, die von Xiaomi auch beigelegt wird. Allerdings relativiert sie den "edlen" Look der Rückseite.

    Das Display erstreckt sich über eine Diagonale von knapp 6,4 Zoll im Formfaktor 19,5:9. Es handelt sich um ein AMOLED-Panel mit einer Auflösung von 2.340 x 1.080 Pixel. Es zeichnet sich durch für diese Technologie übliche starke Farbdarstellung und hohe Helligkeit aus, die auch das Ablesen im Sonnenlicht problemlos ermöglicht. Filmfreunde wird der Support für HDR10 erfreuen.

    foto: standard/pichler

    Störrischer Fingerabdruckscanner

    Hebt man das Handy an, so markiert ein Symbol das Scanareal des darunter liegenden Fingerabdruckscanners. Der wird zwar als neues Feature angepreist, das noch in der letzten Generation den teureren "Pro" und "Explorer"-Varianten des Mi 9 vorbehalten war, im Test hielt sich die Freude über die Implementation aber in Grenzen. Denn von zwei angelegten Abdrücken wurde nur einer zuverlässig erkannt. Dem anderen Finger verweigerte das Handy regelmäßig den Login, auch ein neues Einspeichern des Abdrucks half nicht.

    Ein Problem, das beispielsweise beim Huawei P30 Pro nicht aufgetreten war. Es besteht freilich Hoffnung, dass ein Softwareupdate dem Scanner etwas auf die Sprünge hilft, aber das Mi 9 ist nicht das erste Handy, auf dem die neuen Fingerabdruckleser sich noch als etwas störrisch präsentieren.

    Fehlt noch die Checkliste der anderen Basiszutaten: Das Mi 9 beherrscht LTE, ac-WLAN, Bluetooth 5.0 und NFC. Es können zwei nanoSIM-Karten genutzt werden. Kabelbasierter Datentransfer und die Stromversorgung des 3.300-mAh-Akkus laufen über einen USB-C-Port (USB 2.0). Ein Dual-GPS-System erlaubt schnelle und genaue Selbstortung.

    foto: standard/pichler

    Flott unterwegs

    Was die Leistung betrifft, so ist Xiaomis neues Spitzenhandy für alle Anforderungen gerüstet. Auch Benchmarks liefern entsprechende Werte. Mit etwas mehr als 370.000 Zählern im Allroundtest von Antutu übertrumpft man auch Samsungs Galaxy S10 in der Variante mit dem gleichen Chip deutlich. Im Grafikbenchmark 3DMark liegt man mit dem Konkurrenten gleichauf.

    Synthetische Tests sind bekanntlich nur die halbe Wahrheit, doch auch in der Praxis der alltäglichen Verwendung lässt sich das Handy problemlos mit Apps und Games aller Art quälen, ohne Schluckauf zu bekommen. Wenngleich die vorinstallierte Android-Variante MIUI 10.2 (basierend auf Android 9 "Pie") sich in einigen Dingen deutlich von Googles Vorlage unterscheidet, ist sie unter der Haube gut optimiert.

    Puristen werden sich freilich weiterhin an der Oberfläche des Systems stören. Nach wie vor gibt es keinen zuschaltbaren Appdrawer, sodass man zur Behebung des Mankos einen alternativen Launcher installieren muss. Der ändert allerdings nichts am Einstellungsmenü, dessen Aufbau stark an Apples iOS erinnert, einigermaßen ungewohnt bis verwirrend ist, aber zumindest eine Suchfunktion bietet.

    foto: standard/pichler

    Mit dabei sind aber auch einige nette Sonderfunktionen, die Standard-Android nicht bietet. Beispielsweise "Dualapps", das effektiv zwei Instanzen einer App anlegen kann, etwa um über das Handy auf zwei Facebook-Konten zuzugreifen. Dazu lässt sich das System optisch vielfältig anpassen. Eine Neuerung sind "24-Stunden-Wallpaper", die sich mit der Tageszeit verändern. Voreingestellt ist eine Wüste, die am Morgen im Sonnelicht glüht und des Abends im Blau des Nachthimmels badet – ein Schelm, wer denkt, man hätte sich hier bei Apple inspirieren lassen.

    Nachsatz: Wer ein Xiaomi-Handy mit "original" Android haben will, muss zu den Modellen Mi A2 und A2 lite greifen, die spezifikationstechnisch allerdings in der Mittelklasse daheim sind.

    foto: standard/pichler

    Gute Kamera am Tag

    Der Konkurrenz im Highendsektor soll das Mi 9 auch in Kamerabelangen die Stirn bieten. Dafür hat man aufgerüstet auf eine Triple-Kamera. Die Fotosensoren denken unterschiedliche Winkelweiten ab und liefern Auflösungen von 48, 16 und 12 Megapixel. Dazu gibt es optische Bildstabilisierung, laserbasierten Autofokus und natürlich einen LED-Blitz. Mit dabei ist auch eine Zoomfunktion, die sich allerdings auf zweifache Vergrößerung beschränkt. Hier sind so manche Konkurrenten bereits mit hybriden Lösungen für den Zoomfaktor 5 und 10 voraus.

    Unter Tags gelingen mit dem Mi 9 meist sehr gute und detailreiche Aufnahmen. Wer möchte, kann eine KI zuschalten, die Szenen erkennt und entsprechend Einstellungen anpasst und ins Postprocessing eingreift. Sie sorgt in der Regel für etwas sattere Farben und bessere Kontraste, was besonders bei Aufnahmen mit blauem Himmel auffällt. Die Intensität der Veränderungen variiert deutlich mit dem Motiv. Insgesamt geht sie mit den Fotos nun allerdings "zärtlicher" um als noch beim Mi 8, das etwa Gras auf Bildern oft in "Nukleargrün" erstrahlen ließ.

    Gelegentliche Probleme gibt es trotz HDR-Funktion bei Szenen mit hohen Kontrastunterschieden. Davon abgesehen muss sich das Smartphone bei guten Lichtbedingungen vor aktuellen Konkurrenten nicht verstecken – auch wenn es dessen Liga nicht ganz erreicht.

    foto: standard/pichler

    Schwacher Nachtmodus

    Während Aufnahmen bei guter Ausleuchtung mit Kunstlicht ebenfalls gut herzeigbar sind, zeigt das Mi 9 jedoch deutliche Schwächen, sobald insgesamt weniger Licht zur Verfügung steht. Fotos geraten dann für ein Highend-Smartphone erstaunlich verrauscht und tendenziell unscharf. Der traurige Höhepunkt der schwachen Abendperformance ist allerdings der ausgewiesene Nachtmodus der Kamera-App. Er ist seinen Pendants beim Huawei P30 Pro oder auch der Google Kamera-App klar unterlegen. Selbst eine Nachtaufnahme mit der Portierung der Google-Cam auf einem Meizu 16, dessen Kameraausstattung am Papier eigentlich unterlegen ist, sieht klar besser aus (siehe Beispielfotos unter dem Text).

    Xiaomi muss hier definitiv nachbessern. Bis man per Systemupdate dieses Manko hoffentlich behebt, können sich Nutzer aber selbst helfen. Es gibt bereits einen inoffiziellen Port der Google Kamera-App für das Mi 9, der weitestgehend problemlos funktionieren soll.

    Die Frontkamera, ausgestattet mit einem 20-Megapixel-Sensor, Autofokus und HDR, schlägt sich solide. Bilder fallen nicht ganz so detailreich und farbstark aus, dennoch gehört sie zu den besseren Selfiecams bei aktuellen Handys.

    foto: standard/pichler

    Akustik und Akku

    Akustisch liefert Xiaomi mit dem Mi 9 insgesamt Durchschnittsware. Bei der Soundausgabe beschränkt man sich auf einen einzelnen Lautsprecher auf der Unterseite, verzichtet also auf das Stereo-Attribut. Dieser Lautsprecher verrichtet seine Arbeit aber mit passabler Qualität und Lautstärke für ein Smartphone. Ein gelungenes Hörerlebnis gibt es bei der Verwendung von Kopfhörern. Weil Xiaomi abseits der Lite-Versionen bei der Mi-Reihe aber schon länger auf den 3,5mm-Klinkenanschluss verzichtet, muss man sich bei traditionellen Kopfhörern mit dem beigelegten Adapter behelfen. Ein USB-C-Headset liegt nicht bei.

    In Sachen Telefonieakustik gewinnt das Mi 9 keine Preise, enttäuscht aber auch nicht sonderlich. Gesprächspartner klingen etwas dumpf und verzerrt. Die eigene Stimme wird auf der Empfängerseite mit leichten Undeutlichkeiten und gelegentlichen Artefakten wahrgenommen. Gespräche lassen sich aber auch mit Hintergrundlärm noch gut führen.

    Bei der Akkulaufzeit kann das Mi 9 überzeugen. Selbst wenn man es eifrig unter Stress setzt mit Kamera, Youtube, Browser und Games reicht eine Aufladung locker bis in den Abend und darüber hinaus, ohne dass man den Energiesparmodus aktivieren muss. Allerdings ist standardmäßig "selektives Energiesparen" aktiviert. Laut Beschreibung begrenzt das System dabei den Akkuverbrauch selten genutzter Apps. Während des Tests sorgte dies nicht für Probleme. Sollten aber welche auftreten – etwa unerwartet verspätet zugestellte Benachrichtigungen oder dergleichen – ist es wohl ratsam, diesen zu deaktivieren, was sich im Gegenzug aber negativ auf die Laufzeit auswirken könnte.

    Fazit

    Das Xiaomi Mi 9 ist im Kern ein starkes Rundumpaket an Hardware zu einem kompetitiven Preis, selbst gemessen an OnePlus- oder Honor-Smartphones. Und abseits kleinerer Schwächen und dem fehlenden Kopfhörerstecker könnte man das Gerät beinahe uneingeschränkt allen empfehlen, die keine prinzipielle Aversion gegen Xiaomis eigene Android-Oberfläche haben.

    Wären da nicht der Fingerabdruckscanner und die Kamera. Die Bockigkeit von Ersterem kann man noch großzügig als "nervig" abtun, die Aussetzer der Fotofunktion unter dunkleren Bedingungen trüben den Gesamteindruck allerdings deutlich. Für beide Kritikpunkte gibt es aber Hoffnung in Form von Firmwareupdates, die dem Scanner und dem Postprocessing der Kamera auf die Sprünge helfen. Weil Vertrauen zwar gut, aber Kontrolle im Zweifel besser ist, darf man bei das Mi 9 bei der Anschaffung eines budgetfreundlichen Highend-Smartphones durchaus in Betracht ziehen, sollte mit dem Kauf aber noch eine Weile zuwarten. (Georg Pichler, 12.05.2019)

    Beispielfotos

    Zur Ansicht der Originaldateien bitte auf die jeweilige Bildbeschreibung klicken. Die Fotos geben Stand der Kamera per 26. April 2019 wieder.

    foto: standard/pichler
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    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testgerät wurde von Xiaomi zur Verfügung gestellt.

    Links

    Xiaomi Mi 9

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