Was ist eine gute Entscheidung?

    Interview29. April 2019, 09:00
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    Und gibt es in Zeiten der Unsicherheit überhaupt gute Entscheidungen? Philip Meissner, Professor für Decision Making, sagt, wie es geht

    STANDARD: Wie beschreiben Sie die perfekte Entscheidung?

    Meissner: Von perfekten Entscheidungen zu sprechen ist schwer. Das ist schon ein sehr hoher Standard. Ich würde eher gute Entscheidungen als Ziel definieren. Und für eine gute Entscheidung kommt es vor allem auf den richtigen Entscheidungsprozess an. Und das heißt erstens: Für eine gute Entscheidung ist es entscheidend wichtig, im Entscheidungsprozess verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen, also das, was entschieden werden soll, nicht nur unter einem Aspekt zu betrachten. Zweitens: Sich tatsächlich auch auf das richtige Problem zu fokussieren, also sorgfältig darauf bedacht zu sein, sich nicht lediglich auf das zu konzentrieren, was beispielsweise vordergründig als Problem ins Auge fällt, sondern auch nach dem Problem hinter dem vordergründigen Problem zu forschen. Drittens: Vor- und Nachteile möglicher Entscheidungen in Betracht zu ziehen und gegeneinander abzuwägen. Gut ist eine Entscheidung dann, wenn sie so frei wie möglich von Denkfehlern oder Emotionen ist.

    STANDARD: Im Unterschied dazu sieht die Entscheidung (meistens) wie aus?

    Meissner: Zum einen fehlen oft die drei eben beschriebenen Elemente einer guten Entscheidung. Zum anderen ist ein zentrales Problem schlechter Entscheidungen die Eile, in der sie getroffen werden. Bei Entscheidungen im Beruf oder im Privatleben stehen wir ja in der Regel nicht vor lebensgefährlichen Situationen, in denen schnelle Entscheidungen wichtig sind. Wenn wir aber bei normalen Entscheidungen überhastet reagieren, dann kommen schlechte Entscheidungen dabei heraus. Das Gleiche gilt für Entscheidungen, die aus zwei gegensätzlichen Gesichtspunkten heraus getroffen werden: Optimismus und Angst. Beide sind schlecht Ratgeber, sie führen dazu, dass eine Abwägung der Fakten sowie auch der Einbezug von wichtigen anderen Meinungen auf der Strecke bleiben. Hinzu kommt: Viele Menschen haben Angst vor Entscheidungen. Oder besser vor Fehlentscheidungen. Diese Angst führt dann dazu, dass sie entweder gar keine Entscheidung treffen oder die Entscheidung auf die lange Bank schieben.

    STANDARD: Wovon hängt die Qualität einer Entscheidung vor allem ab?

    Meissner: Ganz klar davon, den Einfluss von Denkfehlern zu minimieren. Dabei zeigt eine Vielzahl von Studien, dass sich Denkfehler in Entscheidungen mit den richtigen Methoden reduzieren lassen. Und wenn man dafür die richtigen Prozesse kennt, ist es relativ einfach, gute Entscheidungen zu treffen. Daher habe ich mein kleines Buch auch Entscheiden ist einfach genannt. Es ist möglich, zu lernen, besser zu entscheiden. Als Wissenschafter, der sich mit Entscheidungsprozessen befasst, mache ich immer wieder eine Erfahrung: Beispielsweise machen Jobwechsler den Fehler, ihre Entscheidung erst im Nachhinein zu beurteilen. Sie fragen sich nach dem ersten Jahr, ob sie zufrieden sind, ob die Kollegen nett sind und ob alle Erwartungen erfüllt wurden. Das bedeutet, sie beurteilen die Qualität ihrer Entscheidung mit Wissen, das ihnen zum Zeitpunkt der Entscheidung noch gar nicht zur Verfügung stand. Der daraus entstehende Ärger oder Unmut über die nun als falsch beurteilte Entscheidung ist menschlich verständlich, sachlich aber falsch. Wer seine Entscheidungen immer wieder so beurteilt, wird sich im Nachinhein immer wieder über sich selbst ärgern. Mein Rat also: einen klaren Prozess für die Entscheidung verwenden und diese nur zum Zeitpunkt der Entscheidung selbst beurteilen.

    STANDARD: Sprechen wir noch über Gefühle im Entscheidungsprozess ...

    Meissner: Gefühle sind welche der wesentlichsten Faktoren, die zu falschen Entscheidungen führen! Und weil Gefühle im menschlichen Leben eine so wichtige Rolle spielen, ist es gerade dann essenziell, wenn Entscheidungen anstehen, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass uns diese Gefühle eben auch gefährlich in die Irre führen können. Hier spielen vor allem Gefühle wie Angst oder Wut eine große Rolle. Oft verbinden Menschen mit Gefühlen auch das berühmte Bauchgefühl. Hierbei sollten wir aber vorsichtig sein, denn es hilft uns nicht immer, ganz im Gegenteil, es kann uns sogar in die Irre führen. Denn nur unter bestimmten Umständen unterstützt uns unser Bauchgefühl beim Entscheiden, und zwar dann, wenn wir bereits Erfahrung in dem Bereich haben und diese Erfahrung uns bei der Entscheidung informieren kann. Dies ist bei wichtigen Entscheidungen jedoch nur selten der Fall. Hier sind die Entscheidungen meist neu, und wir treffen sie vielleicht nur einmal im Leben, beispielsweise beim Kauf eines Hauses. Da uns hier die Erfahrung fehlt, sollten wir uns nicht auf unser Bauchgefühl verlassen.

    STANDARD: Entscheidungen sind Handlungsabsichten in die Zukunft. Die Dynamik der Zeit macht das Zukünftige ungewisser denn je. Wie lässt sich dieses Dilemma in den Griff bekommen?

    Meissner: Wir müssen Unsicherheit als Realität anerkennen. Der einzige Weg, sich hierauf einzustellen, ist, sich selbst oder als Unternehmen deutlich flexibler aufzustellen. Dies gilt auch für Entscheidungen. Hier ist es insbesondere wichtig, auch das Verlustrisiko zu betrachten. Methoden wie das Premortem, bei dem man sich vorstellt, die Entscheidung sei komplett fehlgeschlagen, und im nächsten Schritt nach möglichen Gegenstrategien zu den Ursachen sucht, können helfen. So kann man schnell flexible Strategien für die eigenen Entscheidungen entwickeln und diese dann anwenden, wenn sich das Umfeld verändert. Auch spielen verschiedene Perspektiven eine immer größere Rolle. Diese in den Entscheidungsprozess einzubeziehen ist fundamental wichtig. Das bedeutet auch, dass kein Manager mehr allein in seinem Elfenbeinturm entscheiden kann, sondern immer auch unterschiedliche Meinungen in den Prozess integrieren sollte. So kann man seine Denkfehler überlisten und gleichzeitig auch der wachsenden Dynamik und Unsicherheit entgegenwirken. Denn nur wenn wir die Erfahrungen und das Wissen verschiedener Ratgeber in den Entscheidungsprozess integrieren, können wir auch auf Tatsachen und Entwicklungen aufmerksam werden, die wir sonst übersehen würden. (Hartmut Volk, 27.4.2019)

    Philip Meissner ist Professor für Strategic Management and Decision Making an der ESCP Europe, einer privaten Wirtschaftshochschule mit Standorten in Berlin, London, Madrid, Paris, Turin und Warschau.

    Lesetipp: Philip Meissner, "Entscheiden ist einfach – wenn man weiß, wie es geht". Campus-Verlag, Frankfurt/Main 2019

    • Im Nachhinein gescheiter? Das ist oft so. Daher, sagt Philip Meissner, solle man Entscheidungen nur zum Zeitpunkt der Entscheidung beurteilen.
      foto: escp europe

      Im Nachhinein gescheiter? Das ist oft so. Daher, sagt Philip Meissner, solle man Entscheidungen nur zum Zeitpunkt der Entscheidung beurteilen.

    • Bauchgefühl oder analytischer Prozess – oder beides? Es gibt klare Wege zu möglichst guten Entscheidungen im Job und im Privaten.
      foto: getty images

      Bauchgefühl oder analytischer Prozess – oder beides? Es gibt klare Wege zu möglichst guten Entscheidungen im Job und im Privaten.

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