Siedlungsgrenzen für Gemeinden, um Grünraum zu schützen

    26. April 2019, 07:00
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    Niederösterreich will die Raumplanung rund um Wien für die nächsten Jahrzehnte fixieren. Damit das funktioniert, müssen sich Gemeinden zusammenraufen

    Es ist ein bisschen, wie wenn ein Raucherpärchen sein Laster aufgeben will: nämlich viel einfacher, wenn es beide gleichzeitig machen. So erklärt Raumplaner Thomas Knoll gerne die Idee hinter dem "Grünen Ring": Die Gemeinden rund um Wien sollen aufhören, Grünland zu verbauen.

    Das Ziel des vom niederösterreichischen Landesrat Stephan Pernkopf (ÖVP) initiierten Langzeitprojekts: Große Grünräume sollen dauerhaft geschützt werden – auch wenn es Häuslbauer und Gewerbe immer an den Ortsrand zieht, weil dort am billigsten zu bauen ist. Bürgermeister wissen zwar, dass ihnen die Zerspragelung ihrer Gemeinden nicht guttut. Aber sie müssen fürchten: Wenn sie den Zugezogenen kein billiges Bauland zur Verfügung stellen, dann macht es eben die Nachbargemeinde.

    foto: land niederösterreich / der standard
    Große Grünräume sollen dauerhaft geschützt werden.

    Was passiert, wenn man das geschehen lässt, lässt sich leicht mit einer Reise ins Industrieviertel südlich von Wien beobachten: Städte und Orte entlang von Südbahn und Südautobahn sind dort in die Länge gezogen und zusammengewachsen. Knoll, dessen Unternehmen Knollconsult die wichtigsten Prozesse für das Land leitet, spricht von "Bandstädten" – "ein echtes Negativbeispiel aus Sicht der Raumplanung".

    Neuer Speckgürtel

    Was passiert, wenn die Politik rechtzeitig gegensteuert, heißt heute Wienerwald. Den hat der damalige Bürgermeister Karl Lueger schon 1905 schützen lassen – des Windes wegen. Denn der zieht von West nach Ost über Wien. Der geschützte grüne Raum westlich der Stadt bringt frische Luft in die Stadt. Gleichzeitig diente und dient der Wienerwald der wohlhabenderen Bevölkerung im Westen Wiens als Naherholungsgebiet.

    Umgekehrt bemühte sich die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts, Industrie und Gewerbe möglichst im Osten anzusiedeln, damit deren schlechte Luft von der Stadt weggeblasen wird. Gelandet ist sie dann auf der anderen Seite der Stadt – dort, wo bis vor kurzem nicht viele Menschen wohnen wollten.

    Doch das hat sich geändert: Wien wächst massiv, und mit der Stadt auch der Raum rundherum. Zusätzlich zum klassischen Speckgürtel im Süden und im Westen der Hauptstadt zieht es Menschen, die auf dem Land leben, aber nicht zu weit weg von der Stadt sein wollen, nun auch in Orte wie Ebergassing, Zwölfaxing, Rauchenwarth, Obersiebenbrunn und Hohenruppersdorf. "Der Vorteil dieser Region ist, dass sich das Stadtwachstum erst jetzt einstellt", sagt Knoll – zu einem Zeitpunkt, wo man aus raumplanerischen Fehlern wie im Industrieviertel noch lernen kann.

    foto: wiener alpen / © florian lierzer
    1905 ließ der Bürgermeister Karl Lueger den Wienerwald schützen.

    Konkret heißt das: rote Linien ziehen. Das kann jede Gemeinde schon jetzt tun. Das Setzen von Siedlungsgrenzen liegt in der Gemeindeautonomie, Bürgermeister können weitere Bauten auf der grünen Wiese verhindern, wenn sie wollen. Das täte auch gut, um vitale Ortskerne zu fördern: "Das Ziel ist, dass eigene Ortschaften mit umgebendem Landschaftsraum entstehen", sagt Knoll, "aber da muss einmal jeder irgendwann zu bauen aufhören." Ziel sei, dass sich der steigende Siedlungsdruck nach innen richtet, nicht nach außen. Die Folge, im Idealfall: Eindämmung des Boden verbrauchs, verbessertes Mikroklima, eindeutige Ortsbilder.

    Kooperativ und beständig

    Deswegen gibt das Land Niederösterreich in seiner Leitplanung für die Regionen Nordraum Wien, Weinviertel Südost, Schwechat und Mödling strenge Siedlungsgrenzen für alle Gemeinden vor – in Kooperation mit den Gemeinden, wie betont wird. Verankert werden sie dann aber in Landesgesetzen. Damit sollen die neuen Regeln ordentlich Bestand haben, so wie der Schutz des Wienerwalds: "Je länger sich alle daran halten, desto stabiler ist es", sagt Knoll.

    Teil des Grünen Rings sind aber nicht nur die zahlreichen roten Linien, sondern auch gemeinsame Gewerbegebiete mehrerer Gemeinden, deren Einkünfte geteilt werden. Oder Projekte wie die Revitalisierung des Petersbachs in Vösendorf oder der Regionalpark "Drei Anger" in Gerasdorf – wohl nicht zuletzt, weil sich das politisch unter der Dachmarke gut verkaufen lässt.

    Ebenfalls dazu gehört ein aktualisierter Schutz für den Wienerwald, den Pernkopf am Mittwoch präsentierte. Damit soll "ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden, da die Grünräume vor allem rund um die Bäche und Flüsse wichtige Faktoren für das Kleinklima sowie die Zufuhr von Frischluft in den Ballungsraum Wien darstellen", sagte Pernkopf. (Sebastian Fellner, 26.4.2019)

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