Was Medellín, Oslo und Barcelona richtig machen

    29. April 2019, 08:00
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    Man muss nicht auf die anderen warten, um seine Umgebung nachhaltiger, lebenswerter oder sozialer zu machen. Vier Städte zeigen vor, wie es gehen kann

    Oslo: Mit Klima haushalten

    Eines haben Geld und natürliche Ressourcen gemeinsam: Sie sind nicht unendlich verfügbar. Was wäre also, wenn man mit Umwelt so sparsam haushaltet wie mit Geld? Oslo, in diesem Jahr Umwelthauptstadt Europas, will genau das versuchen und hat 2016 ein Klimabudget eingeführt. Seitdem beschließt Oslo jährlich – parallel zum Finanzbudget – eine Grenze, bis zu der CO2 emittiert werden darf.

    Die Stadt muss sich bei jedem Beschluss an dieses Budget halten. Um das Ziel zu erreichen, wurde die City-Maut erhöht, Fahrradwege gebaut, Stadtfahrzeuge auf elektrischen Antrieb umgestellt, Ölheizungen werden nach und nach verboten. Bereits die Hälfte aller Neuwagen fahren elektrisch, bis 2025 sollen Dieselmotoren komplett verschwinden. Während international um einstellige Einsparungen gerungen wird, setzt sich die norwegische Hauptstadt ehrgeizige Ziele. Die CO2-Emissionen sollen bis 2030 um 95 Prozent sinken, bis 2050 soll die Stadt komplett klimaneutral sein.

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    Barcelona: Super Blöcke!

    2016 startete Barcelona das Projekt, einige Stadtviertel radikal autofrei zu machen. Seitdem experimentiert die Stadt mit sogenannten Superilles – Spanisch für Superblocks. Ein Superblock besteht aus drei mal drei Planquadraten im schachbrettartigen Straßenmuster Barcelonas.

    Innerhalb eines Blocks dürfen Autos zwar langsam fahren (maximal zehn Stundenkilometer), sind an den Kreuzungen aber zum Abbiegen gezwungen. Dadurch können Fußgänger den Block immer kreuzen, für den Durchzugsverkehr wird das Gebiet uninteressant. Der Hauptverkehr verlagerte sich auf die äußeren Straßen, die Straßen im Superblock gehören Fußgängern, Radfahrern und spielenden Kindern.

    Derzeit wird das Konzept nur in einigen Stadtteilen getestet. In Zukunft sind 500 Superblocks geplant, die ein Gebiet von 750 Hektar umfassen. Das soll langfristig Leben retten. Momentan sterben jedes Jahr 3000 Menschen frühzeitig an der Luftverschmutzung in Barcelona.

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    foto: koen smilde

    Amsterdam: Leben im Labor

    Urban City Lab klingt zugegebenermaßen etwas nach Bullshit-Bingo. Fakt ist aber, dass die Bewohner selbst am besten wissen, was ein Grätzel braucht. Bürger, Fachleute und Planungsverantwortliche entwickeln deshalb in Amsterdam – und in über 440 anderen Städten – gemeinsam Ideen, wie die Stadt in Zukunft aussehen könnte.

    "Auch in Wien arbeitet man mit den Einwohnern zusammen", sagt Andreas Hofer vom Forschungsbereich Städtebau und Entwerfen der TU Wien. Das passiere aber hauptsächlich anlassbezogen, wie etwa durch Bürgerbefragungen. Urban Living Labs zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie dauerhaft existieren, Bewohner ihre Ideen immer einbringen können und nicht nur um ihre Meinung zu einem fertigen Projekt gefragt werden. In der Seestadt gibt es mit dem Aspern Mobil Lab bereits erste Versuche mit Reallaboren, auch im Grazer Stadtteil Gries wird experimentiert.

    In Amsterdam steuern Bürger neben Ideen auch Daten bei: Das Smart Citizen Kit für daheim erfasst etwa Schadstoffwerte, Temperatur und Lärmpegel und ergänzt so die fixen Messstationen.

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    Medellín: Bauen gegen Armut

    Die Netflix-Serie "Narcos" zeigt die dunkle Vergangenheit der zweitgrößten Stadt Kolumbiens: allgegenwärtige Gewalt, ein Land im Griff der Drogenkartelle. Der damals wohl berühmteste Bewohner Medellíns: Pablo Escobar. Er wollte die Armut vertreiben – vergeblich. Als der Drogenbaron 1993 erschossen wurde, zählte Medellín mit 6.000 Morden pro Jahr noch zu den gefährlichsten Orten der Welt.

    2004 kam Sergio Fajardo an die Macht. Der parteilose Bürgermeister wollte sozialen Wandel durch Architektur herbeiführen, baute repräsentative Gebäude, Schulen, Bibliotheken in den ärmsten Vierteln. Seilbahnen verbinden sie mit dem Stadtzentrum. Heute ist Medellín noch immer gefährlich und arm – aber nicht vergleichbar mit dem Zustand vor zwanzig Jahren. Auch der Tourismus entwickelt sich.

    Deshalb wird Medellín gerne als Erfolgsprojekt gefeiert und räumte etliche Preise ab. "Als Referenz für den sozialen Städtebau würde ich nicht scheuen, auch Medellín zu nennen", sagt etwa der Stadtforscher Hofer. Medellín ist vielleicht kein Vorbild für mitteleuropäische Städte, vielleicht aber für andere gebeutelte Gebiete der Welt. (Philip Pramer, 29.4.2019)

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