1,5 Millionen Menschen in Österreich von sozialer Ausgrenzung betroffen

    25. April 2019, 11:05
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    17,5 Prozent der Bevölkerung – 187.000 Personen weniger als vor zehn Jahren – 76 Prozent der Langzeitarbeitslosen

    Wien – 1.512.000 Menschen oder 17,5 Prozent der Bevölkerung in Österreich waren laut Statistik Austria im Jahr 2018 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Diese Zahl hat sich in den letzen zehn Jahren um 187.000 Personen verringert. Das größte Armutsrisiko haben Langzeitarbeitslose, Ausländer, kinderreiche Familien und Personen in Ein-Eltern-Haushalten. Auch 372.000 Kinder und Jugendliche leben in ausgrenzungsgefährdeten Haushalten.

    grafik: apa

    Die Europa-2020-Strategie formuliert als Kernziel im Sozialbereich, die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen oder bedrohten Menschen EU-weit bis 2020 um mindestens 20 Millionen zu senken. Für Österreich bedeutet das anteilig eine Reduktion um 235.000 Personen. Mit einem Rückgang der Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten von 1.699.000 (20,6 Prozent) im Jahr 2008 auf 1.512.000 (17,5 Prozent) im Jahr 2018 wurde bisher eine Reduktion um 187.000 Personen erreicht.

    Kombination

    Die EU-Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-Silc), die für Österreich die Statistik Austria betreut, weist 2018 für den nach EU-Definition gemessenen Indikator "Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung" folgende Werte aus: 14,3 Prozent bzw. 1.238.000 Personen waren armutsgefährdet, 2,8 Prozent bzw. 243.000 Personen waren erheblich materiell benachteiligt, und 7,3 Prozent bzw. 480.000 Personen (unter 60-Jährige) lebten in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität. Da diese Merkmale in Kombination auftreten können, ist die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten geringer als die Summe der drei Einzelindikatoren. 367.000 Personen waren in mindestens zwei der drei Armuts- oder Ausgrenzungsdimensionen benachteiligt (4,2 Prozent der Gesamtbevölkerung). 82.000 Personen waren in allen drei Dimensionen benachteiligt.

    Das höchste Armutsrisiko haben Langzeitarbeitslose. Drei Viertel von ihnen (76 Prozent) waren 2018 davon betroffen. Auch Ausländer sind besonders gefährdet. Knapp ein Drittel der Personen mit EU-28 oder EFTA-Staatsbürgerschaft war mit einer Armutslage konfrontiert (31 Prozent), bei Personen mit anderer ausländischer Staatsbürgerschaft war das Risiko mit 46 Prozent noch höher. Im Vergleich dazu haben Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft ein Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko von 14 Prozent.

    Faktor Bildung

    Ein wesentlicher Faktor ist auch die Bildung. Verfügt eine Person nur über einen Pflichtschulabschluss, beträgt das Risiko der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 27 Prozent. Personen mit einem mittleren Schul- oder Lehrabschluss sind hingegen unter den Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten geringer vertreten als im Durchschnitt.

    Auch eingeschränkte Erwerbs- beziehungsweise Betreuungsmöglichkeiten schlagen sich nieder. In Ein-Eltern-Haushalten Lebende sind zu 44 Prozent armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, Familien mit mindestens drei Kindern zu 28 Prozent. Auch Alleinlebende, vor allem Frauen, sind öfter betroffen: 32 Prozent der alleinlebenden Frauen und 28 Prozent der Männer, die nicht hauptsächlich von einer Pension leben, sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Unter den Pensionsbeziehenden sind alleinlebende Frauen mit 29 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich betroffen. Alleinlebende Männer mit Pension liegen mit einem Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko von 17 Prozent hingegen im Durchschnitt.

    Kinder und Jugendliche

    Ein Viertel (25 Prozent bzw. 372.000 Personen) aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten waren im Jahr 2018 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Das Risiko sozialer Ausgrenzung lag für diese Altersgruppe mit 21 Prozent über dem der Gesamtbevölkerung. Für 14 Prozent der unter 20-Jährigen aus ausgrenzungsgefährdeten Haushalten ist Sparen bei der Ernährung Teil ihrer Lebensrealität. Fünf Prozent leben in aus Kostengründen unzureichend beheizten Wohnungen und fast jeder dritte junge Mensch (31 Prozent) in einer überbelegten Wohnung. Für Kinder mit drohender Armutsgefahr ist es häufiger nicht leistbar, Freunde zum Spielen oder Essen einzuladen (7 gegenüber 1 Prozent in Haushalten ohne Ausgrenzungsgefährdung). Auch Freizeitaktivitäten wie Sport- oder Musikkurse, die mit Kosten verbunden sind, oder kostenpflichtige Schulausflüge können seltener genutzt werden.

    Angesichts der 17,5 Prozent der Bevölkerung, die 2018 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet waren, sieht Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) Österreich "auf einem guten Weg". Gleichzeitig kündigte sie am Donnerstag weitere Maßnahmen zur Armutsbekämpfung an.

    Mit dem Beschluss der neuen Sozialhilfe "gehen wir in die richtige Richtung", meinte Hartinger-Klein. "Die Sozialhilfe wird künftig stärker mit Anreizen zur Erwerbsaufnahme verknüpft sein. Hier setzen wir mit einem höheren Wiedereinsteigerfreibetrag neue Impulse. Denn Arbeit ist der beste Weg aus der Armut." Gleichzeitig verwies sie auf weitere Maßnahmen wie die Senkung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge, den Familienbonus und die "Schulstartpakete".

    Reduzierte Sozialversicherungsbeiträge

    Gleichzeitig kündigte die Ministerin weitere Maßnahmen an: Die Steuerreform werde eine Senkung der Krankenversicherungsbeiträge für Menschen mit geringem Einkommen bringen. Im Gesundheitswesen werde ein flächendeckender Ausbau der "Frühen Hilfen" – ein Angebot für Schwangere und Jungfamilien in belastenden Lebenssituationen – angestrebt. Im Bildungsbereich werde das Kinderbetreuungsangebot und das Angebot von ganztägigen Schulformen ausgebaut.

    Die Sozialministerin verwies darauf, dass Österreich mit 17,5 Prozent an armutsgefährdeten Personen, deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt, unter dem EU-Schnitt von 22,4 Prozent liege. Sie sieht Österreich auch auf einem "guten Weg", das EU-Ziel zu erreichen, die Zahl der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten innerhalb von zehn Jahren um 235.000 Personen zu verringern.

    Die Armutskonferenz hielt zu den Zahlen fest, des es effektive Hilfe insbesondere bei Kinderarmut, älteren Arbeitslosen, Altersarmut und chronischen Erkrankungen brauche. Der Regierung hielt die Armutskonferenz vor, mit der neuen Mindestsicherung die Situation noch zu verschärfen. (APA, 25.4.2019)

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