Woher stammen die Gürtelgarnituren der Awaren?

Blog25. April 2019, 14:31
79 Postings

Ein Massenfund in Tschechien wirft die Frage auf, wer Gürtelschnallen und Co für die Reiternomaden hergestellt hat

Im frühen Mittelalter kommt es in Österreich zur Expansion und Ansiedlung verschiedener Bevölkerungsgruppen, die in der populärwissenschaftlichen Öffentlichkeit eher nicht so viel Beachtung finden, obwohl sie der Geschichte durchaus einen markanten Stempel aufgedrückt haben. Ein wichtiger Grund ist sicher, dass sie selber keine schriftliche Überlieferung besessen haben und daher nur von außenstehenden Chronisten mit einer externen Perspektive beschrieben wurden.

Besonders die Awaren, Reiternomaden aus den zentralasiatischen Steppen, haben als "Global Player" vom 6. bis zum ausgehenden 8. Jahrhundert die eurasische Geschichte dominiert. Im Osten waren sie oftmals der Stachel im Fleisch des byzantinischen Kaisers. Im Westen waren sie immer wieder mächtige Widersacher der Franken, bis sie schließlich von einer Allianz "westlicher Mächte" unter der Führung Karls des Großen in den Jahrzehnten um 800 militärisch besiegt werden, woraufhin sie nahezu vollständig von der Bildfläche verschwinden. Global betrachtet haben sie keinen so nachhaltigen Fußabdruck hinterlassen wie etwa die Hunnen zuvor oder die Mongolen danach. Dennoch haben sie ihr Reich, das sogenannte awarische Khaganat unter der Führung ihrer Khagane, über gute 200 Jahre vom Schwarzen Meer bis in das Wiener Becken und den Ostalpenraum regiert.

Das awarische Khaganat im 8. Jahrhundert.

Grabfunde liefern Hinweise

In Ermangelung eigener Schriftlichkeit sind externe Quellen etwa von fränkischen oder byzantinischen Chronisten und natürlich die Archäologie wichtige Informationslieferanten. Aus dem Karpatenbecken kennt man abertausende Gräber, unter denen jene der awarischen Reiterkrieger besonders hervorstechen. Die Awaren waren versierte Bogenschützen, die das Schießen vom Rücken ihrer Pferde aus perfektioniert hatten und damit eine Kampfweise nach Europa brachten, für die westliche Heere anfangs kein Gegenrezept hatten. Angesichts der aktuellen Popularität von "Game of Thrones" liegt ein Vergleich mit den Reiterkriegern der Dothraki nahe.

Auch in ihrem Kleidungs- und Repräsentationsstil weichen die Awaren deutlich von den westeuropäischen Gepflogenheiten ab. Neben der Ausstattung mit Pfeil und Bogen, Säbeln und aufwendigem Reiterzubehör sind vielteilige Gürtelgarnituren ein besonderes Statussymbol der Reiterkrieger. Derart geschmückte Gürtel können bis zu 50 Bestandteile aufweisen. Sie wurden in verschiedenen Qualitätsstufen produziert, von einfach gegossenen aus Kupferlegierungen bis hin zu individuell gefertigten Gürteln aus Edelmetallen in Komposittechnik. Awarische Gürtelbeschläge sind zu Hunderttausenden in Gräbern für die Nachwelt erhalten geblieben. Diese für die materielle Kultur der frühmittelalterlichen Reiternomaden so typischen Gürtel stellen Archäologen dennoch vor ein Rätsel: Wir wissen nämlich nicht, wo, wie und von wem diese "Massenware" produziert wurde. Bislang fehlen Funde von Werkstätten, Schmelzöfen, Gussformen oder Halbfabrikaten, die man schlüssig mit der Produktionskette in Verbindung bringen kann.

Ein Produktionszentrum awarischer Gürtel außerhalb des Awarenreichs?

In einem internationalen Projekt der Universität Wien und der Masaryk-Universität Brno in Tschechien, gefördert vom Österreichischen Wissenschaftsfond (FWF) und seinem tschechischen Gegenstück (GAČR), konnte glücklicherweise etwas Licht auf diese Frage geworfen werden. Das Projekt "Frontier, Contact Zone or No Man's Land" unter der Leitung von Jiří Macháček und mir beschäftigte sich mit der Entwicklung der Grenzregion zwischen dem heutigen Österreich und Tschechien im Frühmittelalter. Eine Case Study behandelte den Fundort Lány, benannt nach einem nahe gelegenen Liechtenstein'schen Jagdanwesen im Zwickel zwischen March und Thaya, einen Steinwurf von der österreichischen Grenze entfernt in den Auen der Thaya.

foto: openstreetmap/mapbox
Die geografische Lage von Lány.

Hier konnte eine Siedlung nachgewiesen werden, die vor allem im 7. und 8. Jahrhundert bewohnt wurde. Die Keramikfunde, zum Beispiel Töpfe des sogenannten Prager Typus, lassen sich mit frühslawischer Besiedlung in Verbindung bringen. Derartige Siedlungen mit einfachen Grubenhäusern und eher einfacher materieller Kultur kennt man aus Südmähren und dem nordöstlichen Weinviertel. Sie stellen per se noch nichts Besonderes dar.

foto: masaryk universität brno
Die Ausgrabungen in Lány.

Massenfund in Lány

Lány hebt sich allerdings von den übrigen Siedlungen ab. Vor allem in den Humusschichten fanden sich dutzende Bestandteile der typischen awarischen Gürtel aus dem 8. Jahrhundert. Diese waren allesamt "fabriksneu" und in einem ausgezeichneten Zustand. Üblicherweise sind die Bestandteile, etwa Riemenzungen, Riemenbeschläge, Nebenriemenzungen, Anhänger oder Schnallenbeschläge, mit Nieten an den Lederriemen befestigt. In Lány waren die Nieten und ihre Gegenplatten allesamt erhalten – im archäologischen Kontext eher eine Ausnahme. Auch die restlichen Elemente wiesen keinerlei Abnutzungsspuren auf.

Die für uns wahrscheinlichste Interpretation ist, dass hier fertig produzierte und zusammengesetzte Gürtel am Lederriemen montiert und deponiert waren. Im Lauf der Jahrhunderte gelangten diese über vielfältige taphonomische Prozesse, also Verlagerungen etwa durch landwirtschaftliche Nutzung, Erosion und Akkumulation sowie vermutlich auch durch wechselnde Wasserläufe von ihrer ursprünglichen Lage in die Humusschicht, wo sie von den Archäologen geborgen werden konnten. Weiters fanden sich auch sogenannte Halbfabrikate, Altmetall und Produktionsrückstände des Schmelzprozesses.

Solche Funde kennt man etwa auch aus dem mährischen Burgwall von Mikulčice oder von anderen Fundorten. Dort hat es aber eher den Anschein, also ob dort awarisches Altmetall gesammelt worden war, um es einzuschmelzen und daraus andere Objekte, etwa mährischen Schmuck, herzustellen. Schmuckstücke, wie sie für Mähren im 9. Jahrhundert typisch sind, stehen aber nicht mehr direkt mit der awarischen materiellen Kultur in Verbindung.

In Lány müssen wir jedoch davon ausgehen, dass die dort gefundenen awarischen Objekte schon aufgrund ihres Erhaltungszustands definitiv nicht als Altmetall fungiert hatten. Außerdem hatten wir das Glück, einen besonderen Fund zu machen: einen Fehlguss.

3d modell: ronny weßling/crazy eye
3D-Modell des Fehlgusses aus Lány.

Eigentlich hatte der Schmied beim Gießen beabsichtigt, mindestens zwei Rohlinge für kleine Gürtelschnallenbeschläge in einer Form herzustellen. Offenbar war das Metall allerdings beim Guss bereits so weit abgekühlt, dass das flüssige Metall nicht mehr alle Hohlräume in der wohl tönernen Gussform ausfüllen konnte. Üblicherweise werden solche Fehlgüsse aufgrund des hohen Werts des Metalls erneut eingeschmolzen und wiederverwertet. In unserem Fall, was unser Glück war, kam der Schmied aber nicht mehr dazu, und wir erhielten so den Nachweis, dass in Lány tatsächlich awarische Gürtel produziert worden sind. Bei unseren Ausgrabungen konnten wir leider keine Schmelzöfen, Gusstiegel oder Gussformen direkt nachweisen. Der Gesamtkontext und alle Indizien lassen sich im Sinne von Ockhams Rasiermesser dahin deuten, dass sich hier – an der absoluten Peripherie des awarischen Khaganats – eine Produktionsstätte awarischer Gürtel befunden hat.

Wer waren die "Kunden"?

Wer waren nun die Produzenten, und wer waren die Abnehmer? Um solche Fragen zu beantworten, wünschen sich Archäologen oft eine Zeitmaschine, um die dahinter stehenden Menschen kennenzulernen. In Ermangelung einer solchen haben wir uns anderer Methoden bedient, um uns der Antwort zumindest annähern zu können. Die fabriksneuen Objekte aus Lány haben ihre besten Entsprechungen im Karpatenbecken und sind dort praktisch immer an den Gürteln in den Gräbern awarischer Krieger zu finden. In den letzten Jahren haben sich aber auch die Hinweise darauf verdichtet, dass slawische Gruppen, die sich in der fraglichen Zeit vorwiegend in der Pufferzone zwischen den Machtblöcken der Awaren im Osten und der Franken im Westen niedergelassen hatten, mit awarischen Gürteln ausgestattet waren. Dies lässt sich beispielsweise im Ostalpenraum nachweisen, wo die Bevölkerung in schriftlichen Quellen als slawische Karantanen bezeichnet wird.

foto: g. gattinger, institut für urgeschichte und historische archäologie, univ. wien
Eine vergoldete, vielteilige Gürtelgarnitur aus Hohenberg in der Steiermark, 8. Jahrhundert.

In der Regel pflegen slawische Gruppen zu dieser Zeit aber beigabenlose Bestattungen, sodass wir nur selten nachvollziehen können, welche modischen Vorlieben diese zu Lebzeiten hatten.

Wie eine Schlange und ein Kröte Licht auf "internationale" Beziehungen im Mittelalter werfen können

Vor wenigen Jahren wurde in dem Örtchen Iffelsdorf in der bayerischen Oberpfalz nahe Nabburg ein Gräberfeld untersucht. Die dortigen Grabungen brachten den bislang westlichsten Fund einer awarischen Gürtelgarnitur ans Licht. Ein Bestandteil dieser Garnitur, eine vergoldete Hauptriemenzunge, die das Ende des Gürtelriemens schmückte, war bis dato einzigartig. Der Rahmen wird von einer Schlange geziert. Ihr Kopf, am oberen Ende des Stücks dargestellt, wendet sich in das Innere und verschlingt hier ein weiteres Wesen. Vermutlich handelt es sich bei diesem um eine Kröte. Dieses Motiv ist eindeutig mythologischer Natur und findet sich auf vereinzelten Objekten von Asien über Europa bis nach Skandinavien.

Zu interpretieren ist dies wohl, ohne ins Esoterische abzudriften, als Kreislauf des Lebens. Die Kröte stellt in vielen Kulturen ein Symbol für die Geburt dar, und man könnte die Szene auch gleichermaßen so deuten, dass die Schlange nicht die Kröte frisst, sondern von dieser geboren wird. Auch werden Schlange und Kröte oft mit Gottheiten der slawischen Mythologie assoziiert und mit entsprechenden Eigenschaften (Geburt, Tod, Wiedergeburt) versehen. Diese Riemenzunge, die stilistisch eindeutig dem awarischen Formenschatz entstammt, war zum Zeitpunkt der Auffindung einzigartig. Wie der Zufall es wollte, tauchte aber bei den Grabungen in Lány ein identes Stück auf – und das gut 400 Kilometer entfernt.

foto: g. gattinger, institut für urgeschichte und historische archäologie, univ. wien
Die Riemenzungen mit Schlange und Kröte aus Iffelsdorf (links) und Lány (rechts).

Über eine Kooperation mit den "Iffelsdorfer" Archäologen konnten wir beide Funde zusammen dokumentieren und aufnehmen. Für uns stellte sich hier die Frage, inwiefern beide Objekte wirklich ident sind und ob sie eventuell aus derselben Produktion stammen können. Die Produktionsstätte vermuten wir – aufgrund der oben angeführten Argumente – in Lány selbst. Zu diesem Zweck wurden zunächst hochauflösende 3D-Modelle der Funde angefertigt. Rein makroskopisch zeigte sich schon bei einer ersten Zusammenschau, dass die Riemenzunge aus Lány wesentlich besser erhalten war und andere Details akzentuiert waren als bei der Iffelsdorfer Riemenzunge. Dies bestätigte sich auch durch einen Zusammenschnitt beider 3D-Modelle.

foto: grafik: ronny weßling/crazy eye
Die Riemenzungen mit Schlange und Kröte aus Iffelsdorf (links) und Lány (rechts) im Vergleich. Die unterschiedlichen Farben zeigen positive beziehungsweise negative Unterschiede an.

Wie eng ist die Verwandtschaft?

Dennoch waren die Dimensionen identisch und die Gemeinsamkeiten größer als die Unterschiede. Die beste Erklärung dafür wäre, dass beide auf ein gemeinsames, identes Vorbild zurückgehen, das im Laufe der Produktionskette beispielsweise über Abdrücke in Ton und Nachgüsse so verändert wurde, dass hier quasi Nachfahren eines gemeinsamen Vorgängers vorliegen müssen. Dass beide unabhängig voneinander freihändig etwa aus Bienenwachs modelliert und dann über Wachsausschmelzverfahren ausgegossen wurden, konnten wir ausschließen. In Summe ist also festzustellen, dass beide Funde nicht nur stilistisch und typologisch verwandt sind, sondern sich auch technologisch sehr nahestehen.

Wie eng die Verwandtschaft ist, versuchten wir ebenfalls zu eruieren. So etwas wie DNA-Analysen für Metalle wäre hier natürlich ein nützliches Tool gewesen, derartiges gibt es leider nicht. Eine Sache, die dem jedoch nahekommt, sind Analysen des chemischen Fingerabdrucks, also eine Ermittlung der genauen Legierungsbestandteile und der spezifischen Signaturen bestimmter Isotope (Bleiisotopie) im Metall. Je nach geologischer Herkunft der Erze, die für die Herstellung des Grundmetalls verwendet wurden, unterscheiden sich diese Signaturen von Region zu Region. Eine erste Analyse der Legierungsbestandteile ergab bereits ein nahezu identisches Verhältnis von Kupfer und Zinn sowie Blei in beiden Funden. Auch die Analyse der Isotopenverhältnisse wies beide Funde quasi als Zwillinge aus. Die Rohmaterialien haben ihrer chemischen Signatur nach die größte Ähnlichkeit mit Erzen aus Lagerstätten am Unteren Karpatenbogen.

Von Mähren nach Westen und Osten gleichermaßen?

Wenn man die bisherigen Indizien zusammenfasst, so können wir folgendes Bild zeichnen: Im 8. Jahrhundert gibt es im Zwickel zwischen March und Thaya, einem Gebiet, das damals weitestgehend slawisch besiedelt war, eine Siedlung, in der typisch awarische Gürtel produziert werden. Das Rohmaterial beziehungsweise das Grundmetall wurde aus Lagerstätten im unteren Karpatenbogen gewonnen. Die in Lány hergestellten Produkte waren mit großer Wahrscheinlichkeit für einen gewissen Markt bestimmt. Einerseits kommen als potenzielle Konsumenten awarische Reiterkrieger aus dem Karpatenbecken infrage. Andererseits ist auch an nichtawarische, vornehmlich slawische Gruppen an der Peripherie des Khaganats zu denken, die sich modisch an diesen orientierten. Die Ähnlichkeit zwischen dem Fund aus Lány und jenem aus Iffelsdorf ist in allen Belangen so frappierend, dass ein Zufall fast schon unmöglich scheint. Beide Stücke könnten demnach am gleichen Ort – dem heute tschechischen Lány – produziert worden sein. Anschließend gelangte einer der Beschläge 400 Kilometer weit bis nach Nordostbayern.

Letztendlich wird sich die Frage nach der Herkunft und Produktionsweise der Stücke ohne Zeitmaschine nicht gänzlich klären lassen, aber man darf als Archäologe zumindest seine Fantasie schweifen lassen und anhand der Indizienkette über den Weg einer awarischen Riemenzunge aus dem südmährischen Lány in das Oberpfälzer Iffelsdorf nachdenken. (Stefan Eichert, 25.4.2019)

Stefan Eichert ist Archäologe und war viele Jahre am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien sowie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Institut für Mittelalterforschung beschäftigt. Aktuell arbeitet er an der tschechischen Akademie der Wissenschaft im Institut für Archäologie an einem Projekt über mittelalterliche Gräber und deren digitaler Präsentation. Seine Schwerpunkte sind mittelalterliche Archäologie und Geschichte, Experimentelle Archäologie und Digital Humanities.

Link

Share if you care.