So tun als ob: Das macht einen fertig

    Kolumne23. April 2019, 10:59
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    Ständig zu lächeln und so zu tun als würde man in seinem Job einen größeren Sinn sehen, ist ein Hochleistungssport. Der Preis: die totale Erschöpfung

    Total erschöpft durch die Feiertage gekrochen? Oder zumindest ziemlich fertig? Schlecht. Zeit für die Frage an sich selbst, was so viel Energie kostet, was einen so plättet.

    Meistens ist es der Energievampir: so tun als ob. Als ob einen das Meeting interessierte. Als ob einen das Kundenanliegen irgendwie beträfe. Als ob es ganz von selbst käme, ganztags zu lächeln und nett zu sein und seinen Job gern zu machen. Als ob Unlösbares zu lösen wäre. Als ob das, was man tut, einen größeren Sinn ergäbe. Diese Als-ob-Performance ist ein Hochleistungssport und macht echt müde. Es funktioniert schon, aber der Preis ist heiß: totale Erschöpfung.

    Wer kennt das nicht: Die Zeit verfliegt, keine Fragen quälen, alles fließt, und auch wenn noch so viel zu stemmen ist, es macht Freude – der Flow. Am schönsten erlebt, wenn man genau das tut, was passt und wofür man das Gefühl hat, geboren zu sein. Müde? Pause? Wozu?

    Es liegt also nicht an der Menge, es liegt nicht an der aufgewendeten Zeit. Es liegt überwiegend am Job selbst mit all seinen Prozessen, Vorgaben, Rahmenbedingungen und Mitspielern, dass es sich erschöpfend anfühlt.

    Relevante Fragen stellen

    Der Bestsellerautor und Nervenarzt Michael Lehofer benennt Selbstkorruption als einen "goldenen Weg" in den Burnout: Vor lauter Anpassung an die Werte anderer oder an vermeintlich zentrale Werte wird der eigene rote Faden verloren, verschüttet sich das eigene Anliegen. Selbstkorruption ist der Verlust von Beziehung zu sich selbst, sagt Lehofer. Mit andauernder Als-ob-Performance relativ sicher zu erlangen. Dazu noch ein wenig negatives Programm in der Art von Jammern, etwa darüber, wie mies die anderen sind, das erledigt den Rest. "Negative Priming" heißt der Fachausdruck – dann wird alles durch den negativen Filter gesehen. Und die Performance wird noch anstrengender.

    Wirklich hoch an der Zeit, sich selbst relevante Fragen zu stellen. Vielleicht mündet das in eine Pause der anderen Art, also keine Freizeitevents, sondern Ruhe. Vielleicht steht eine Änderung an, vielleicht wird aber auch das Wofür der Performance klar. (Karin Bauer, 23.4.2019)

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