Milo Rau in Mossul: "Theaterspielen ist hier Todesgefahr"

    21. April 2019, 14:00
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    Der Schweizer Theatermacher kommt mit "Orest in Mossul" zu den Wiener Festwochen. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen

    Gent – Milo Rau hat mit seinem Zehn-Punkte-Manifest im Vorjahr das Theater aus dem Schlaf gerissen. Das selbstverordnete Regelwerk dient ihm als Wegweiser in ein Stadttheater der Zukunft, das einer diversen Gesellschaft entspricht und ganz die unmittelbare Realität infiltriert. "Mindestens ein Viertel der Probenzeit muss außerhalb eines Theaterraums stattfinden", lautet eine der Vorgaben. Das Manifest prangt im Foyer des Nationaltheaters Gent, wo Rau seit Herbst Intendant ist und wo nun – nach der Uraufführung in Mossul – die Europapremiere seiner Inszenierung Orest in Mossul stattgefunden hat. Diese wurde zum Ausdruck der Gespaltenheit unserer Welt, denn die irakischen Schauspieler können nur auf Videomaterial präsent sein. Für Wien, wo die Arbeit Anfang Juni bei den Wiener Festwochen zu sehen ist, plant man, zwei Schauspieler aus Mossul einzuladen.

    STANDARD: War das Risiko, Schauspieler in die ehemalige IS-Hochburg Mossul zu schicken, nicht zu groß?Rau: Keiner sollte sich gedrängt fühlen. Ich habe angeboten, dramaturgisch eine Lösung zu finden, sollte jemand nicht mitfahren wollen. Seit meiner Erfahrung im Kongo (Dokumentarfilm Das Kongo Tribunal, Anm.) weiß ich, dass es trotz aller Vorkehrungen keine Sicherheitsgarantie gibt und dass jeder für sich entscheiden muss.

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    STANDARD: Vor der Kunstakademie in Mossul, wo Sie gedreht haben, ging eine Autobombe hoch.

    Rau: Es war Glück, dass wir schon weg waren. Wenn etwas passiert wäre, wäre das für mich das Ende meiner Arbeit als Regisseur gewesen. Aber dort leben drei Millionen Menschen, die der Gefahr täglich ausgesetzt sind. Wie könnten wir sagen: Wir haben Angst, auf Besuch zu sein? Das wäre zynisch.

    STANDARD: Wenn man als Europäer mit dem Rachedrama "Orestie" im Gepäck nach Mossul fährt, bedient man da nicht eine kolonialen Geste? Im Sinne von: Wir zeigen euch, wie man Frieden macht.

    Rau: Diesen Gewissenskonflikt gibt es, aber er löst sich schlagartig auf, wenn man vor Ort ist. Dann ist man in den Händen der irakischen Koproduzenten. Das ging gar nicht anders: Du bist in einem Land, dessen Sprache du nicht verstehst, es ist Krieg, und ihr Wort ist Gesetz. Da ist mit kolonialen Gesten schlagartig Schluss.

    STANDARD: Wie funktionierte das flämisch-deutsch-irakische Teambuilding?

    Rau: Die Spielweise der irakischen Spieler ist sehr pathetisch, ähnlich dem französischen Stil, würde ich sagen, also sehr auf Deklamation ausgerichtet. Wir haben versucht, das mit der flämischen Spielweise zu verbinden, die das Gegenteil ist – Understatement, sehr introvertiert. Es war für mich spannend, das zu überblenden.

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    STANDARD: Punkt 9 des Genter Manifests – es soll "in einem Kriegs- oder Krisengebiet ohne kulturelle Infrastruktur" geprobt werden – ist also eingelöst.

    Rau: Unsere Produktion hat ein Volumen von 200.000 Euro, da ist es mir wichtig, einen Teil für die Infrastruktur vor Ort aufzuwenden. Die wirkliche Investition ist also die in die Zusammenarbeit zwischen Mossul und Europa. In unserer geistlosen Globalisierung haben wir ja alles aus dem Irak: TV-Bilder, Flüchtlinge, Öl. Aber es gibt keinerlei Begegnung! Da möchten wir ein Gegengewicht schaffen.

    STANDARD: Warum waren Sie nur zwei Wochen vor Ort?

    Rau: Wir waren im November schon da, aber im März war es – mit einem Team von 20 Leuten – länger nicht möglich. Schon das war kompletter Wahnsinn. Mir wurde klar, dass das nur der Anfang einer Zusammenarbeit sein kann. Ich möchte bald nach Mossul zurückkehren, um einen Film zu machen mit den Schauspielern, die ich kennengelernt habe.

    STANDARD: "Orest in Mossul" erzählt vom IS-Terror. Bei Aischylos wird Orest am Ende freigesprochen. Für die irakischen Schauspieler ist das undenkbar; sie können nicht verzeihen. Conclusio?

    Rau: Das Problem ist, dass es im Irak keine funktionierende Rechtsprechung gibt. Die IS-Terroristen töten zu wollen, ist eine rationale Haltung, denn es ist lebensgefährlich, sie leben zu lassen. Sie aber zu töten, das wird den Bürgerkrieg fortsetzen, denn die Familien werden sich rächen. Die einzige Lösung wäre ein unabhängiger, internationaler Gerichtshof. Das wird Teil meines Films werden: diesen Gerichtshof symbolisch in Mossul zu inszenieren.

    STANDARD: Kunst soll nicht "probieren", sondern "wetten", haben Sie einmal gesagt. Auf was würde denn in "Orest in Mossul" gewettet?

    Rau: Die Wette ist natürlich, ob es überhaupt geht. Mich überkäme tödliche Langeweile, wenn ich die Orestie im Ingmar-Bergman-Stil an einem Stadttheater inszenieren würde. Da fehlt die Panik. In Mossul zu arbeiten ist hingegen ständiger Ausnahmezustand: kein Probenraum, die Miliz kommt, jemand hat kein Visum, muss untertauchen...

    STANDARD: Das Thema Homosexualität nimmt mit dem Paar Orestes und Pylades viel Raum ein. Warum?

    Rau: Das ist vor Ort gewachsen. Wenn zwei Männer sich küssen, dann erstarrt in Mossul alles. Homosexualität ist undenkbar und wurde lange mit dem Tod bestraft. In einer patriarchalen Herrschaftsform ist der Hass auf Frauen mit dem auf Schwule direkt verbunden. Wir haben auf Gebäudedächern gespielt, von denen wenige Monate zuvor noch Homosexuelle in den Tod gestürzt wurden.

    STANDARD: Es sei absurd, die "Orestie" ohne irakische Schauspieler aufzuführen, sagten Sie. Warum?

    Rau: Private Rache kennt wohl jeder von uns. Aber bei Aischylos geht es ja um politische Gewalt, um Blutrache als Prinzip des Bürgerkriegs. Uns wurde gesagt: Wenn du die Schauspielerin der Iphigenie falsch berührst, dann wirst du umgebracht, und sie vermutlich auch. Das ist eine Erfahrung, die man in Europa nicht haben kann. Ich glaube auf vielleicht banale Weise an den Naturalismus, also dass einen ein Milieu prägt und man deshalb über gewisse Dinge Bescheid weiß oder nicht. Theaterspielen bedeutet hier Todesgefahr. Es gibt kein Wissen jenseits der physischen Erfahrung. Nicht über Mossul, nicht über Europa. Direkte Erfahrung ist für mein Theater Voraussetzung.

    Zur Person:

    Milo Rau (42) ist ein hoch dekorierter Schweizer Theaterregisseur und seit 2018 Intendant am Nationaltheater Gent. Die Arbeiten mit seinem Label International Institute of Political Murder docken unmittelbar an Ereignissen der Gegenwart an und verstehen sich als strukturelle Interventionen.

    Wiener Festwochen

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    Die Reise nach Gent erfolgte auf Einladung der Wiener Festwochen.

    • "Mindestens eine Produktion pro Saison muss in einem Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt oder aufgeführt werden": Schauspieler Johan Leysen in Mossul.
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      "Mindestens eine Produktion pro Saison muss in einem Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt oder aufgeführt werden": Schauspieler Johan Leysen in Mossul.

    • "Wenn etwas passiert wäre, so wäre das das Ende meiner Arbeit als Regisseur gewesen": Milo Rau.
      foto: apa/boris horvat

      "Wenn etwas passiert wäre, so wäre das das Ende meiner Arbeit als Regisseur gewesen": Milo Rau.

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