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Analyse22. April 2019, 12:00

Sie sind mit Homer Simpson aufgewachsen. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der dieser bildungsferne, notorisch faule, aber liebenswerte Cartoon-Tölpel seine Frau, drei Kinder, ein Haus mit Garten, zwei Autos sowie Hund und Katze erhält, wirkt auf nicht wenige in der Generation Y ganz besonders befremdlich.

Dass sie sich nahtlos in eine relativ wohlhabende Mittelschicht eingliedern, ist nicht mehr so sicher, wie es einst für viele in der Elterngeneration war.

So jedenfalls lautete der Befund der Industriestaatenorganisation OECD in einer vor kurzem veröffentlichten Studie über die Mittelschicht. Während noch 70 Prozent der Babyboomer-Generation als Mittzwanziger der Mittelschicht angehörten, waren es bei den Millennials, die zwischen den frühen 1980er-Jahren und kurz nach der Jahrtausendwende zur Welt kamen, nur noch 60 Prozent. Zur Mittelschicht zählt, wer zwischen 70 und 200 Prozent des Medianeinkommens (Gehalt, Pensionen, Sozialtransfers etc.) hat.

Der jüngste Befund der OECD befeuert ein Narrativ, wonach im Westen der Welt die Eliten immer wohlhabender werden, während die Mitte langsam bröckelt.

Online-Rechner: Gehören Sie zur Mittelschicht? Um herauszufinden, ob Sie Teil der (unteren/oberen) Mittelschicht sind und welcher Anteil der Bevölkerung mehr oder weniger Einkommen hat, folgen Sie einfach der Anleitung in unserem "Schicht-Rechner":

Vergessen Sie nicht, Ihr 13. und 14. Gehalt zu berücksichtigen. Hier geht es zum Brutto-Netto-Rechner des STANDARD.

Heimat keiner Daten

Auch in Österreich stieß der Bericht auf Aufmerksamkeit. Die Mittelschicht ist hier im Vergleich zu den meisten anderen Industriestaaten größer. Hierzulande schafft es die Mehrheit der Millennials – etwa 67 Prozent – im Alter zwischen 20 und 30 Jahren in die Mittelschicht. Das wäre allerdings ein schwacher Trost, wenn der Trend über Generationen in die falsche Richtung ginge. Aber ist das so?

Ein Problem mit dem Generationenvergleich in Österreich ist die mangelnde Datenlage, wie die OECD eingesteht: Anders als für viele andere europäische Länder gebe es wenige verlässliche Einkommensdaten aus den 1980er- und -90er-Jahren.

Ob sich also die Generation der Millennials heute tatsächlich schwerer tut, in die Mittelschicht aufzusteigen, als junge Menschen vor 30 oder 40 Jahren, lässt sich nicht eindeutig sagen. Weder die Statistik Austria noch die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo oder IHS haben dazu Zahlen. Nur Indizien sprechen dafür, dass es für Jüngere schwieriger ist, den Wohlstand der Elterngeneration zu halten.

Zunächst betrifft das den gespaltenen Arbeitsmarkt, wie eine Wifo-Studie zeigt. So gibt es eine große Gruppe der stabil und langfristig Beschäftigten. Das sind Arbeitnehmer, die lange bei einer Firma sind oder ohne lange Unterbrechung den Job wechseln.

Prekäre Verhältnisse

Dann gibt es noch eine Gruppe instabil Beschäftigter. Ihre Erwerbskarrieren sind von vielen Unterbrechungen geprägt, immer wieder werden Menschen in dieser Gruppe arbeitslos. In Österreich sind laut Wifo neben ausländischen Arbeitskräften junge Menschen bis 25 überproportional häufig instabil beschäftigt. Die Löhne dieser Gruppe haben zwischen 2000 und 2015 stagniert. Bei stabil Beschäftigten gab es einen Lohnzuwachs von 7,1 Prozent.

Offen bleibt, ob die Jungen ihre Situation stabilisieren oder in prekären Verhältnisse bleiben. Ein Eigenheim zu kaufen ist ein weiteres Thema, das Millennials schwer im Magen liegt.

Kein Wunder, seit 1995 haben sich die Immobilienpreise mehr als verdoppelt, während die Inflation halb so stark war. Obwohl die Zinsen auf Rekordtief rangieren, dauert es heute 15 Jahre länger als 2003, einen Wohnkredit zu tilgen. Das hat das Institut für Immobilienwirtschaft an einem Beispiel berechnet.

Höhere Immobilienpreise bedeuten, dass man mehr Eigenkapital braucht. Eine Kluft entsteht zwischen jungen Menschen, die von ihren Eltern finanziell unterstützt werden, und jenen, die jahrelang sparen müssten, bevor sie einen Kredit erhielten. Das geht sich realistisch nur für Besserverdiener aus. Der Durchschnittshaushalt legt nur 200 Euro im Monat zur Seite.

Katastrophen als nivellierende Kraft

Dass sich die Kluft bei privaten Vermögen über Generationen verstärkt, sollte nicht verwundern. Wie der Historiker Walter Scheidel beschreibt, sind es vor allem große Katastrophen, die durch ihre Zerstörungskraft für Gleichheit in der Gesellschaft sorgen. Der lange Frieden und das Wirtschaftswachstum haben den Nebeneffekt, dass die einen über Generationen Vermögen vermehren, während andere bei null anfangen – Letzteres betrifft oft später Zugezogene.

Nicht jede Kluft ist aber ein Hinweis auf soziale Hürden. Einige Millennials machen bewusst Abstriche bei ihrer Karriere oder verzichten auf ein Haus am Land. Andere zeigen, dass es auch ohne Erbschaft gelingen kann, sich etwas aufzubauen. (Leopold Stefan, András Szigetvari, 20.4.2019)

foto: regine hendrich
"Der Bachelor ist die neue Matura", sagt Arnold Preisl, der in der Werbebranche arbeitet.

Traum vom Eigenheim

Arnold Preisl finanzierte sich erst sein Studium selbst – jetzt ist die Wohnung dran

Früher war nicht alles besser, befindet Arnold Preisl. Halt anders. Die Generation seiner Eltern hatte ein höheres Bedürfnis nach Sicherheit, glaubt der 35-Jährige. Millennials seien da flexibler. Klar habe sich die Mittelschicht gewandelt, in der Stadt vielleicht mehr als auf dem Land. Aber: "Wer mutig, konsequent und offen ist, kann überall das Beste herausholen", sagt Preisl.

Dabei spielt die Ausgangslage durchaus eine Rolle. Auf dem Land in Niederösterreich aufgewachsen, wollte Preisl unbedingt Matura machen und besuchte die Handelsakademie. Druck von den Eltern – beide haben nicht studiert – gab es keinen, Unterstützung sehr wohl.

Um die erwünschte Karriere im Marketing einzuschlagen, musste der Korneuburger zum Studieren nach Wien pendeln. "Ich habe beim Zivildienst extraviele Überstunden gemacht, damit ich rechtzeitig zu Semesterbeginn fertig war", erinnert er sich. Das zweijährige Diplomstudium an der privaten Werbeakademie war für seine Familie eine finanzielle Belastung. "Jeder hat ein Semester übernommen, Mama, Papa, Großeltern und ich."

Seitdem er 15 Jahre alt war, arbeitete Preisl gelegentlich als Verkäufer bei H&M. Einen Job zu finden fiel ihm nicht schwerer als seinen Eltern. Gleich nach der Uni stieg er bei der größten österreichischen Werbeagentur ein. "Anfangs habe ich wenig verdient." Aber die Lernkurve war steil und das Renommee des Arbeitgebers in der Anfangsphase nicht zu unterschätzen.

Fünfmal wechselte der mittlerweile in Wien Lebende seither den Job, aber seine Laufbahn gilt damit nicht als instabil. Denn arbeitslos war er keinen Tag. Gehaltssprünge gebe es in der Branche aber vor allem beim Jobwechsel, erzählt Preisl.

Alleskönner gesucht

Die Ansprüche seien enorm gestiegen, sagt er. In Stellenausschreibungen wird alles von den Bewerbern verlangt: Sie müssen Marketingkenntnisse vorweisen, digitalaffin sein und viele Programme beherrschen.

"Der Bachelor ist die neue Matura." Er habe daher vor vier Jahren einen Bachelor in Betriebswirtschaft im Fernstudium neben der Arbeit gemacht. Das musste er wieder privat finanzieren, aber steuerlich könne man sich etwas zurückholen.

foto: regine hendrich
Preisl weiß: Sein Karriereweg ist nicht selbstverständlich.

Preisl weiß: Sein Karriereweg ist nicht selbstverständlich. In der Hak gab es einige Schüler mit Migrationshintergrund, oft Flüchtlinge, die mit nichts nach Österreich gekommen waren. "Die waren meist viel engagierter als wir." Trotzdem konnten einige von ihnen keinen längeren Bildungsweg einschlagen.

In Preisls Zweiverdienerhaushalt ohne Kinder ging es sich immer aus, ein bisschen zu sparen. "Aber seit mein Partner und ich beschlossen haben, eine Wohnung zu kaufen, wurden wir disziplinierter", schildert Preisl. "Dann überlegt man zweimal, neue Nike-Sneakers zu kaufen."

Im vergangenen Jahr war es so weit: Das Eigenkapital für den Kredit war zusammengespart, aber auch die Eltern haben rund 15 Prozent beigesteuert.

Jetzt ist das Paar auf Jahre verschuldet. Aber das sei die sichere Variante gewesen, meint Preisl. Einige Freunde gründen Start-ups und gehen auf volles Risiko. Das reize ihn nicht. Derzeit. (Stefan Leopold)

foto: florian lechner
Jeder lebt in seiner Bubble", sagt die Start-up-Mitarbeiterin Zogsberger.

Heirat, Haus und Kind auf dem Land

Sabine Zogsberger wechselte in die städtische Mittelschicht

Ried im Innkreis und den elterlichen Bauernhof hat Sabine Zogsberger hinter sich gelassen. Die 34-Jährige lebt heute mit ihrem Freund in Innsbruck und bereist als Mitarbeiterin eines Software-Start-ups die Welt. "Ich bin als Head of APAC, also der Asia-Pazifik-Region sowie des Mittleren Ostens, sehr viel unterwegs", sagt sie. Diese Reisen haben ihr zugleich neue Horizonte eröffnet.

Zogsberger fühlt sich der Mittelschicht zugehörig. Aber sie unterscheidet zwischen jener auf dem Land, aus der sie kommt, und jener im urbanen Raum, zu der sie nun gehört: "Jeder lebt dabei in seiner Bubble." Während auf dem Land, wo sie weiterhin viele Freundschaften pflegt, die Mittelschicht von traditionellen Werten wie Heirat, Haus und Kind geprägt sei, zählten in der Stadt Bildung, Lifestyle und die persönliche Verwirklichung viel mehr.

foto: florian lechner
Zogsberger sagt, sie habe schon oft beobachtet, dass Erben den Unterschied ausmacht, was Chancen im Leben angeht.

Da die Wahltirolerin ihr Wirtschaftsstudium erst auf dem zweiten Bildungsweg begonnen hat, kennt sie beide Seiten und deren Probleme. Zogsberger sagt, sie habe schon oft beobachtet, dass Erben den Unterschied ausmacht, was Chancen im Leben angeht.

Wer das Glück habe, von den Eltern etwas vererbt zu bekommen, genieße einen enormen Startvorteil – sei es das Grundstück für den Hausbau oder eine Zuwendung für die Eigentumswohnung. Von einem durchschnittlichen Gehalt allein ist es ihrer Meinung nach kaum mehr möglich, etwas aufzubauen.

Sie selbst fühlt sich privilegiert, musste sich aber viel selbst erarbeiten. Zogsberger war die Erste in ihrer Familie, die ein Studium abgeschlossen hat. Auf der Uni habe sie sich verändert.

Das Leben in der urbanen Mittelschicht sei von übermäßig viel Arbeit geprägt. Während ihre Freundinnen in Ried meist schon zwei bis drei Kinder haben, reden jene in der Stadt davon, wie sich ein mögliches Kind am besten mit Karriere vereinbaren lasse. Ein Zurück in die alte, ländliche Mittelschicht-Bubble will sie zwar nicht dezidiert ausschließen. Dennoch: "Momentan ist das für mich nur schwer vorstellbar." (Steffen Arora)

foto: wolfgang weisgram
Claudia Holzinger – Juniorwirtin und Lachyogameisterin.

Jenseits des Wirtshauses

Claudia Holzinger sucht ein Leben neben der Notwendigkeit

Im Burgenländischen gibt es ein schönes Wort, das schillernd umreißt, was den Burgenländer, die Burgenländerin auch im Selbstbild ganz besonders charakterisiert: "nutz". Das meint nicht bloß nützlich, aber auch nicht nur fleißig. "Nutz" – das ist das Gegenteil von "sich drücken".

Claudia Holzinger – das Wort lässt sich schwer definieren, aber gut illustrieren – ist eine nutze Dirn, ihr Bruder Martin ein nutzer Bui. Gemeinsam mit der Mutter betreiben sie die Großhöfleiner Zeche, ein 130-Plätze-Restaurant. Wer hier nicht nutz ist, wäre sowieso fehl am Platz.

Der Lebenstraum der 30-Jährigen ist es keineswegs, Juniorwirtin zu sein. Wohl aber die Lebenspflicht. Vor elf Jahren hat der Vater einen schweren Schlaganfall erlitten. Die Familienexistenz stand auf dem Spiel. "Die Mama hat nie gefordert, dass ich ihr helfen soll. Aber aus mir selbst war da natürlich schon ein Druck."

Der Vater kam, Ende der 1980er-Jahre war das, als Flüchtling aus dem real existierenden Sozialismus der Tschechoslowakei. Die Liebe hat ihn ins Burgenland verschlagen. Man pachtete ein großes Wirtshaus am Neusiedler See, später dann die Zeche in Großhöflein. Auch der Vater war nutz.

Der Traum, ein Tun

Das Studium der Lebensmitteltechnologie hat Claudia Holzinger bald an den Nagel gehängt. Nicht aber ihren Traum, nicht Wirtin zu sein, sondern was anderes. "Ich mache gern was mit Kindern, draußen." Snowboardlehrerin in der Schweiz ist sie gewesen, Spendenkeilerin fürs Deutsche Rote Kreuz. "Mit Menschen kann ich gut." Den Traum von dem, was die Sozialwissenschaft Mittelschicht nennt, kennt sie, wie alle nutze Leut, hauptsächlich als Tätigkeit.

foto: wolfang weisgram
"Ich weiß ja, dass es mir gutgeht." Claudia Holzinger

Jede zweite Woche ist sie jetzt im Betrieb. Vollzeit, das meint nicht die 40 Stunden. "Dafür kann ich mir dann auch längere Strecken für mich nehmen." Sie reist durch die Welt, jobbt, unlängst war sie so in Los Angeles. Jetzt ist sie gerade dabei, bei einem Kunstmesseprojekt, der Transform-Arte, anzudocken.

Und sie gibt Yogakurse, Lachyoga macht sie. Nebenher. Oder eigentlich. Das bleibt im Ungewissen. Der um fünf Jahre jüngere Bruder – ein gelernter Koch/Kellner praktischerweise – ist diesbezüglich konkreter. Er will Wirt werden. Oder eigentlich: bleiben.

Claudia Holzinger sucht. Aber sie tut das mit dem Rüstzeug des Nutzeseins: Sie kann anpacken, sich aber nichts vormachen. "Ich weiß ja, dass es mir gutgeht." Zu diesem nicht nur monetären Gutgehen gehört auch: "Ich brauch nicht viel, hab keine großen Ansprüche." Und das Allerwichtigste aus der Lehre der Selbstständigkeit: "Ich habe keine Schulden." Ein anderer Ausdruck für: Das Leben steht mir weiterhin offen. (Wolfgang Weisgram)

foto: christian fischer
Nach der Matura folgt das Auslandsjahr, dann das Studium: Milena Gavrilovic.

Erbschaft? Kein Bedarf!

Die Wienerin Milena Gavrilovic blickt optimistisch in die Zukunft

Sie mache sich keine großen Sorgen, sagt Milena Gavrilovic. "Ich werde kämpfen, damit meine Zukunft gut wird. Ich werde viel arbeiten und mir die finanzielle Sicherheit selbst schaffen." Die 19-jährige Gavrilovic ist eine echte Wienerin, auch wenn sie die serbische Staatsbürgerschaft hat. Ihre Eltern kamen einst als Gastarbeiter aus Jugoslawien nach Österreich, weil sie für sich und ihre inzwischen drei Kinder ein besseres Leben wollten. Der Vater fuhr Lkw und später Bus, die Mutter arbeitet als Köchin in einem Altersheim.

Gavrilovic macht im Mai die Matura, danach möchte sie ein Auslandsjahr in Italien absolvieren, vielleicht als Au-pair. Später will sie unbedingt studieren, sie denkt an Dolmetsch. Mit Fleiß und Engagement, ist sie überzeugt, wird sie den sozialen Aufstieg, den ihre Eltern begonnen haben, fortsetzen können. Dass sie fünf Sprachen spricht, neben Deutsch, Serbisch, Englisch, Italienisch auch etwas Spanisch, dürfte dabei hilfreich sein.

Finanzielle Unterstützung in der Zeit der Ausbildung wird sie bekommen: "Meine Eltern werden mir und meinen Geschwistern aushelfen, solange wir es brauchen. Dass wir Kinder eine gute Ausbildung bekommen, ist ihnen immer sehr wichtig gewesen."

foto: christian fischer
"Ich werde kämpfen, damit meine Zukunft gut wird." Milena Gavrilovic

Freilich, gibt es für die Unterstützung aus dem Elternhaus auch Grenzen. Der französische Ökonom Thomas Piketty zeigt in seinem Hauptwerk Das Kapital im 21. Jahrhundert, wie der Vermögensaufbau in westlichen Industrieländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts funktioniert hat.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es vor allem bitterarme und reiche Haushalte, durch die massive Zerstörung im Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Nivellierung von vielen dieser Unterschiede.

Nach 1945 konnte dann dank des rasanten Wirtschaftsaufschwungs und einer längeren Phase der Vollbeschäftigung eine breite Mittelschicht entstehen. Für viele Menschen in Österreich fällt in diese Zeit der Erwerb eines noch vergleichbar günstigen Hauses oder einer Wohnung.

"Wenn ich einmal ausziehe"

Migranten, die noch nicht lange in Österreich sind oder die nicht sehr gut verdienten, haben diese Entwicklung nicht mitgemacht. So ist es auch bei Gavrilovic. Ihre Eltern haben durchaus etwas angespart, erzählt sie. Eine eigene Wohnung oder ein Haus, das vielleicht einmal die Kinder bekommen, habe die Familie aber nicht.

"Dass ich mich in diesem Punkt von meinen österreichischen Mitschülern eher unterscheide, ist mir im Unterricht, wo das zur Sprache kam, aufgefallen", erzählt die junge Frau. Aber das störe sie nicht wirklich: "Wenn ich einmal ausziehe, will ich mein Leben allein finanzieren. Das würde ich meinen Eltern nicht umhängen wollen." (Andreas Szigetvari)

foto: robert newald
Sie sei Teil der Mittelschicht, "zumindest so halb", sagt Patrizia Wunderl.

Der Traum hat seinen Preis

Patrizia Wunderl kämpft für den Durchbruch als Kabarettistin

Die Existenzangst ergreift Patrizia Wunderl immer wieder. "Plötzlich frage ich mich dann, wie das alles weitergehen soll mit mir", erzählt die 34-Jährige. Wunderl ist arbeitslos, ihre Zahlungen bezieht sie derzeit vom Arbeitsmarktservice (AMS). In der Vergangenheit hat sie immer wieder als Kellnerin gearbeitet und sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten.

Zurzeit herrscht aber Flaute. Untätig ist sie freilich nicht, im Gegenteil. Wunderl arbeitet an ihrem großen Traum: ihrem Durchbruch als Kabarettistin.

Nach der Matura hat sie das Kolleg für Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Wien absolviert. Andere Menschen zu bewirten, das klang herausfordernd und spannend. Doch die Praxis sah anders aus. Wunderl arbeitete in einem Hotel in der Reservierung. Schnell wurde ihr das zu eintönig. Die Abwechslung fehlte. Die Chance, sich zu profilieren und gesehen zu werden, ebenso.

Also schwenkte Wunderl um: Sie absolvierte eine Schauspielschule in Wien und begann, an einer Karriere als Kabarettistin zu feilen. Ein Programm hat sie bereits mit einer Kollegin geschrieben und aufgeführt, ihr nächstes feiert Anfang 2020 Premiere. "Ich würde gern das machen, was mir Spaß macht, und damit mein Geld verdienen", sagt sie.

foto: robert newald
"Ich würde gern das machen, was mir Spaß macht, und damit mein Geld verdienen", sagt Patrizia Wunderl.

Ihrem persönlichen Traum nachzujagen hat aber seinen Preis. Wunderl bezahlt dafür mit weniger Wohlstand. Sie wohnt in einer kleinen Mietwohnung. Ersparen konnte sie sich bisher nichts, Auto hat sie keines. "Eine Jahreskarte der Wiener Linien leiste ich mir", sagt sie.

Dennoch fühlt sie sich als Teil der Mittelschicht, "zumindest so halb." Das mag auch daran liegen, dass Wunderl auf die finanzielle Unterstützung der Eltern zählen kann, wenn es mal wieder knapp wird. Ihr Vater war Beamter, ihre Mutter Modedesignerin. Mittelschicht eben.

Brüche in der Karriere

Der Eintritt junger Menschen in den Arbeitsmarkt hat sich laut Industriestaatenorganisation OECD tendenziell nach hinten verschoben. Die Erwerbskarrieren junger Menschen verlaufen weniger geradlinig, sind von mehr Brüchen und Unterbrechungen gekennzeichnet, sagt der Wiener Ökonom Helmut Mahringer.

Das dürfte aber nicht nur daran liegen, dass es heute mehr atypische Arbeitsplätze gibt, die weniger Sicherheit bieten. Der Wille zur Selbstverwirklichung spielt bei dieser Entwicklung auch eine Rolle – wie bei Wunderl. Ihr Vater habe zwar in der Vergangenheit immer wieder Druck gemacht, damit sie sich etwas anderes sucht. "Doch das ist inzwischen vorbei. Er hat gemerkt, dass es bei mir nichts bringt und dass ich unbedingt Kabarett machen will." (Andras Szigetvari)