Neue Gesellschaft oder populistisches Zerfallsprodukt: Worauf steuern wir zu?

    Essay22. April 2019, 13:00
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    in Essay über die Vervielfältigung von Konflikten und Identitäten

    Früher war auch nichts besser, aber manches sicher. Die Gesellschaft war krank. Sie war ein anderes Wort für den Zwang zu Spießertum und Konformismus. Viele sympathisierten mit Rebellion und Außenseitertum: Ich scheiß auf die Gesellschaft! In Verkehrung der neoliberalen Vorstellung, die Scheitern und Depression privatisiert, galt das Credo: Schuld an deinem Leid bist nicht du, sondern die unfreie Gesellschaft.

    Heute ersehnen viele das soziale Band zurück, das angeblich gerissen ist. Die Gesellschaft, so heißt es, löst sich auf. Oder hat sie sogar ohnehin nie existiert, wie die Gewerkschaftsfresserin Margaret Thatcher einst behauptete? Jedenfalls erscheint der Minimalkonsens, wonach Veganerinnen und Burschenschaftler, Superreiche und Geflüchtete eine gemeinsame Welt teilen, heute als fragwürdig. Einigkeit herrscht nur noch darüber, dass es keine Einigkeit gibt.

    Selbstverständlich ist, dass nichts mehr selbstverständlich ist. Wir sind heute die, "die nicht mehr wissen, was die Rangordnung unserer Wir ist", schreibt Tristan Garcia. Früher habe man noch an Zugehörigkeiten geglaubt, denen man nicht entkommen könne: das Blut, die Gene, das Geschlecht, die Familie, die Nation, die Religion. Die Verflüssigung der Identitäten führt zur Einsicht, dass es kein Wir mehr geben kann, das als Gruppenidentität allgemeine Geltung beanspruchen könnte.

    Die nächste Gesellschaft

    Es klingt paradox. Das Begriffsmonster Gesellschaft ist ein Zusammenhang, der von Spaltungen geprägt ist. Wo man hinsieht, tun sich Risse auf: hier die Abgehängten, dort die Überflieger. Hier die Menschen, die auf ihre alten Rechte pochen, dort die Menschen ohne Papiere oder mit immer stärker beschnittenen Rechten.

    Hier die non-binäre Avantgarde, dort die toxische Männlichkeit aus dem letzten Jahrhundert. Oder auch ganz lokal und konkret: hier die Wiener Lehrer, die sich mit der Frage herumschlagen müssen, ob Musik "haram" ist, dort die Schüler, denen Musik tatsächlich verboten wird.

    Die Gesellschaft gibt auf die Vervielfältigung von Konflikten und Identitäten keine Antwort, sondern nimmt alles in ihr unendliches Selbstgespräch auf. Eine Vielzahl von Beschreibungsversuchen wie die "Abstiegsgesellschaft", die "Gesellschaft der Singularitäten", die "Müdigkeitsgesellschaft", die "narzisstische Gesellschaft", die "Bewertungsgesellschaft", "Beschleunigungsgesellschaft", die "Gesellschaft der Angst" oder die "Risikovermeidungsgesellschaft" tritt auf den Plan.

    Wer hat nun recht mit seinen Zeitgeistdiagnosen, und wie sehr betreffen sie eine Weltgesellschaft oder eher eine regionale Form? Steuern wir auf eine ereignisoffene, durch die Digitalisierung bestimmte "nächste Gesellschaft" (Dirk Baecker) oder auf ein populistisches Zerfallsprodukt, eine "No Society" (Christophe Guilluy) zu?

    Zonen des Wünschenswerten

    Offensichtlich weiß niemand genau, was genau die Gesellschaft ist und ob sie sich überhaupt im Sinne des sozialen Fortschritts steuern lässt. Die Desillusionierung über den Kurs des großen Ganzen hat in den letzten Jahren zur Aufwertung der Idee von Gemeinschaften geführt.

    Die Gemeinschaft setzt auf soziale Verbindungen derer, die im selben Boot sitzen oder das zumindest glauben. Die Hoffnung auf die Gemeinschaft der Ähnlichen drückt sich rechts schon im Namen aus: Die "Identitären" glauben an die Selbstlüge, mit sich selbst identisch zu sein und damit eine hierarchische Differenz zu anderen festschreiben zu können.

    Auch das rückwärtsgewandte Angebot des Populismus wirbt im Kern damit, dass man so bleiben darf, wie man angeblich immer war. Im Gegensatz dazu verlangt der "educative turn" der Linken nach Selbstveränderung.

    Ein erster Schritt ist die Reglementierung des Sicht-, Sag- und Machbaren. Safe Spaces, egal ob im Club, an der Uni oder im Kunstraum, sind zunächst einmal vor allem Möglichkeitsräume, um überhaupt unter halbwegs akzeptablen Bedingungen miteinander zu leben, zu arbeiten und zu sprechen.

    Sie sind Zonen des Wünschenswerten, in denen die Regeln des Zusammenseins neu buchstabiert werden. Man bestärkt sich (oft aus guten Gründen) und muss eben nicht "mit Rechten reden". Doch jeder Schutzraum ist auch ein Raum, der ein neues Außen schafft.

    Appell an die Gemeinschaft

    Das "People of colour only"-Seminar definiert zulässige ethnische Hintergründe und Haltungen. In der Schlange vor der alle Gender umarmenden Clubutopie Berghain in Berlin steht der falsche Look. Vor der Tür zum Statement-Rockfestival in Schweden stehen Männer, die wegen Diskriminierung gegen das "Women only"-Festival klagen.

    Der Appell an die Gemeinschaft statt an die Gesellschaft kann aber auch einen über das eigene Milieu hinausweisenden Charakter haben. Die "commons" stehen für jene Ressourcen, die im Eigentum der Gesellschaft bleiben oder dorthin überführt werden sollen: von den "digital commons" bis zu Wissensformen, Wäldern, Wasserquellen oder Stadträumen.

    Von den Wortführern der Multitude wie Michael Hardt und Antonio Negri wird auch "das Kommune" mobilisiert. Das Kommune ist nach dieser Auffassung nicht etwas, das man hat oder erst entdeckt, sondern etwas, das die globale Multitude produziert. In solchen linken Entwürfen entsteht die Gemeinschaft also nicht aus ähnlichen Lebensformen, sondern aus einer Solidarität mit jenen, die anders sind und anders leben als man selbst.

    Wo ist die Linke?

    Wären solche Verknüpfungen pluralistischer Anliegen und Herkünfte nicht das tägliche Geschäft der Linken? Und ließe sich der politische Wirkbereich nicht kurzschließen mit einer medientechnisch aufgerüsteten Theorie der Gesellschaft als Netzwerk? Denn Menschen kommunizieren und leben auch mit Tieren, Pflanzen und Maschinen.

    Der Wald ist auch ohne Mensch ein Kommunikationssystem, genauso wie auch Maschinen miteinander Informationen tauschen und voneinander lernen. Der automatisierte Finanzhandel transformiert durch Wetten auf die Zukunft ständig unsere soziale Gegenwart.

    All diese Kommunikations- und Interaktionsformen betreffen Menschen und verändern das, was man unter Gesellschaft versteht. Die Macht der Netzwerkgesellschaft ist Verheißung und Drohung zugleich. Der Mensch ist aus dieser Sicht nicht viel mehr als ein Datenverarbeitungssystem mit Bewusstsein, das durch intelligentere Systeme ohne Bewusstsein ersetzt werden soll und ersetzt werden wird.

    Der sogenannte freie Wille könnte vergehen wie eine Festplatte im Staub. Das Verständnis von systemischer Steuerung gerinnt in Staaten wie China zu einem mathematischen Modell, das über digitale Verhaltenserkennung ein automatisiertes Sozialkreditsystem aktiviert. So werden vor den Augen der Partei und den Händen der Polizei die Abstände zwischen den Menschen geregelt und Privilegien zugewiesen.

    Von Bürgern zu Datensubjekten

    Die Transformation von Bürgern in Datensubjekte birgt aber auch Potenziale der Selbsterweiterung und Selbststeigerung. Designer basteln an biotechnologischen Entwürfen, die die Grenzen zwischen der Natur des Menschen und der Robotik verschwimmen lassen. Das Ideal (oder das Menetekel) des "nächsten Menschen" erscheint so als Übergang zwischen Tier und Technik am Bildschirm.

    Erahnen lassen sich in die Cloud ausgelagerte Superhirne, Cyborgs voll mit winzigen Nano-Robotern oder Babys mit hochgezüchtetem Genmaterial, aber auch eine technofeministisch-ökologische Praxis, die den Cyberfeminismus der 1990er-Jahre weiterentwickelt. Anhand dieser Entwicklungen lässt sich auch ablesen, dass die Vorstellung einer Veränderung der Gesellschaft durch die hinterherhinkende Politik allein das Lenkungspotenzial der Parlamente überschätzt.

    Die Kränkung des politischen Tiers im heraufdämmernden Absolutismus der Daten bietet aber doch zumindest das Update einer alten Einsicht: Niemand ist eine Insel. Denn man fühlt sich nur einzigartig, weil man eben nicht der Einzige seiner Art ist.

    Und niemand hält es aus, autonom zu sein – schon allein deshalb, weil man auch einmal ein Baby oder krank ist und man ohne die Arbeit, Zuneigung und Anerkennung anderer verendet. Wir brauchen also Gesellschaft. So oder so. Vielleicht auch die von Bienen oder verständnisvollen Robotern, die uns im Alter pflegen. (Thomas Edlinger, 20.4.2019)

    Thomas Edlinger (52) ist seit 2017 der künstlerische Leiter des Donaufestivals in Krems (26. April bis 5. Mai), das heuer unter dem Motto "New Society" steht.

    www.donaufestival.at

    • "Man fühlt sich nur einzigartig, weil man eben nicht der Einzige seiner Art ist": Thomas Edlinger.
      foto: donaufestival

      "Man fühlt sich nur einzigartig, weil man eben nicht der Einzige seiner Art ist": Thomas Edlinger.

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