Gegen die illiberale Nachhaltigkeit!

    Kommentar der anderen18. April 2019, 18:40
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    Die Ideen, die wir für einen klimaverträglichen Umbau unseres Wohlstandsmodells brauchen, gedeihen nicht in einem Umfeld aus Panik

    Fred Luks findet, es ist großartig, wenn sich junge Menschen für eine gute Zukunft einsetzen. Doch die Bewegungen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit müssen auch Freiheit und Aufklärung als erhaltenswerte zentrale Werte der westlichen Lebensweise anerkennen, erklärt er im Gastkommentar.

    Super! Wo seit vielen Jahren über die angeblich so unpolitische Jugend und deren mangelndes Engagement gejammert wird, gibt es plötzlich einen unüberhörbaren Ruf dieser Gruppe nach einer wirksamen Klimaschutzpolitik. In völliger Übereinstimmung mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand fordert sie konkrete Schritte, um eine lebenswerte Zukunft zu retten, die nicht von den massiven Negativfolgen des Klimawandels geprägt ist. Fridays for Future betont nicht individuelle Verhaltensänderungen, sondern stellt politische Forderungen auf. Einer Privatisierung und Entpolitisierung der Nachhaltigkeit redet die Initiative also nicht das Wort.

    Problematisch ist aber, dass sich im Umfeld der Proteste eine Stimmung breitmacht, in der es weniger um gesellschaftliche Veränderungen geht und immer mehr darum, dass der einzelne Mensch sich ökologisch schuldig macht. Man kann, wie Nico Hoppe an dieser Stelle erörtert hat, tatsächlich von einer "Melange aus Naturidealisierung, Zivilisationsfeindschaft und Untergangsvisionen" sprechen, die sich aktuell zeigt. Zu kritisieren ist nicht die Zielsetzung – wissenschaftlich sehr gut fundierte Maßnahmen für "echten" Klimaschutz –, sondern das Pathos, die ungebremste Katastrophenrhetorik und die reichlich unreflektierte Unterordnung individueller Freiheit unter kollektiven Naturschutz.

    foto: apa/afp/dpa/christoph soeder
    "Warum für die Zukunft lernen, wenn ihr sie zerstört?" Protest in Berlin.

    Diktatur des Klimarats?

    Die auch von Hoppe aufgespießte "Weisheit", nach der sich mit der Natur nicht verhandeln lässt, ist zwar empirisch korrekt – was daraus politisch folgt, ist freilich völlig offen. Naturwissenschaftliche Daten können, auch wenn sie sehr gut fundiert und sehr dramatisch sind, niemals den gesellschaftlichen Diskurs über die Schlussfolgerungen ersetzen. Oder wollen wir uns ernsthaft vom internationalen Klimarat diktieren lassen, wie wir zu leben haben? Dass nicht Fachgremien oder Expertinnen und Experten die Richtung bestimmen, darf man wohl für eine Errungenschaft der Moderne halten. Diese und andere Errungenschaften sind erhaltenswert und nicht mit Verweis auf die "Natur" zu suspendieren. Dazu gehören Freiheit, Pluralismus, Demokratie und, ach ja, die Schulpflicht.

    Gerade in Zeiten von politischem Populismus und religiösem Fundamentalismus wird deutlich, dass die Werte der westlichen Moderne nicht so selbstverständlich sind, wie eine lange Zeit von Frieden und Wohlstand in Europa nahelegen könnte – sondern verteidigt werden müssen. Wenn der Ökoaktivismus das aus dem Blick verliert, wird er zum Ökopopulismus. Natürlich muss das westliche "imperiale" Wohlstandsmodell grundlegend umgebaut werden – wenn der Mensch dabei freilich nur noch als naturfeindlicher "Parasit" (Hoppe) wahrgenommen wird, hat die Ökologie in der Tat abgewirtschaftet.

    foto: apa/afp/raul arboled
    Der Erde geht die Puste aus: Fridays for Future in Bogota.

    Wie lange hält Panik an?

    Vielleicht stehen wir inhaltlich und strategisch an einem Wendepunkt, was Klimaschutz und Nachhaltigkeit angeht – freilich nicht in dem Sinne, dass sich diese Leitbilder jetzt durchsetzen werden. Das Gegenteil könnte der Fall sein: Panik ist (ebenso wie Empörung) kein Gefühl von Dauer, und wer (außer Udo Lindenberg) kann oder will schon dauernd im Panikmodus leben? Und: Sehr wahrscheinlich gelten die Mechanismen der digital aufgerüsteten Aufmerksamkeitsökonomie auch für Fridays for Future – dass das derzeitige Interesse auf dem aktuell sehr hohen Niveau verbleibt, erscheint äußerst unwahrscheinlich. Wenn Bernhard Pörksen in seinem Buch Die große Gereizheit vom "plötzlich aufschäumenden Aufmerksamkeitsexzess" spricht, fällt einem Fridays for Future ein.

    Greta Thunberg traf sich nicht nur mit dem Papst, sondern wurde auch schon für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Jede ihrer Äußerungen (zum Beispiel zur Atomkraft) verursacht heftige Aufgeregtheiten. Das ihr eigene (und von ihr selbst betonte) Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien wird nicht kritisch hinterfragt, sondern im Gegenteil als besondere Kompetenz gefeiert, mit welcher der Ernst der Lage erkannt werden kann. Da läuft etwas falsch. Und es spricht auch nicht für die Klimaproteste, dass dort, wie Hoppe beobachtet, Misanthropie und Zivilisationsfeindschaft aufkeimen. Dass ein gewisser Hang zum Rigorismus im Umfeld der Nachhaltigkeit schon seit längerem gut ankommt, zeigen die drastischen Handlungsanleitungen aus der Postwachstumsökonomie oder die populistischen Züge der sogenannten Gemeinwohlökonomie.

    foto: reuters/vatican media
    "Mach mit beim Klimastreik": Greta Thunberg und Papst Franziskus am Petersplatz.

    Freiheit und Vielfalt

    Realistische Handlungsoptionen liegen zwischen dem aufgeheizten Rigorismus der aktuellen Debatte und dem real existierenden Nichtexistieren einer halbwegs konsistenten Nachhaltigkeitspolitik. Das ist ein weiter Raum, den man mit Mut und Fantasie und ohne Naivität mit Blick auf die Machtverhältnisse füllen kann. Und abgesehen davon, dass Freiheit ein hoher Wert an sich ist: Die Ideen und Innovationen, die wir für den klimaverträglichen Umbau unseres Wohlstandsmodells brauchen, gedeihen womöglich in einer Gesellschaft, die Freiheit und Vielfalt hochhält – aber ganz sicher nicht in einem Umfeld, das durch Panik und Diskursüberhitzung geprägt ist.

    Es ist großartig, wenn sich junge Menschen für eine gute Zukunft einsetzen. Es wäre ein Verlust, wenn ihre Initiativen scheitern würden. Wenn die Bewegungen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit es nicht schaffen, Freiheit, Aufklärung und andere moderne Errungenschaften als erhaltenswerte zentrale Werte der westlichen Lebensweise anzuerkennen, sind sie freilich zum Scheitern verurteilt. Illiberale Demokratie ist schrecklich, mit der westlichen Lebensweise nicht vereinbar und nicht nachhaltig. Dasselbe gilt für illiberale Nachhaltigkeit. (Fred Luks, 18.4.2019)

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