"Komische Dinge" im Lopatka-Prozess

    17. April 2019, 18:06
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    Warum sie als Mutter jahrelang nichts vom Martyrium, das ihre Kinder durchlebten, mitbekommen haben will und dass sie alle noch immer Todesangst haben, schildert die Ex-Frau des in Graz angeklagten Arztes vor Gericht

    Je länger der Abend, desto düsterer die Erzählungen – von mysteriösen Bedrohungen ist die Rede, von Todesangst und "Schutzfilmen", die gedreht werden. Es ist schon weit nach 19 Uhr an diesem dienstägigen Verhandlungstag im Grazer Gericht, als die Frau im langen dunklen Kleid und mit dem etwas hochtoupierten blonden Haar langatmig und minutiös vom Kreuzweg in ihrer Ehe mit dem ehemals angesehenen steirischen Arzt erzählt.

    Hinter ihrem Rücken sitzt der angeklagte Mediziner, dem die Grazer Staatsanwaltschaft vorwirft, seine vier mittlerweile erwachsenen Kinder jahrelang gequält zu haben. Auf dieses Delikt des "Quälens oder Vernachlässigens unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen" steht eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren.

    "Wo war die Mutter?"

    Nachdem die Kinder – teilweise unter Tränen und psychischen Zusammenbrüchen – das Martyrium ihrer Kindheit schilderten, von den Selbstverletzungen des Vaters, von Spritzen, die sie ihm verabreichen mussten, von Selbstmordversuchen und Demütigungen, blieb für den Richter die Frage offen: "Wo war die Mutter? Sie schauen 20 Jahre zu – und dann bumm, die Anzeige. Warum wurden Sie nicht früher tätig?"

    Auch sie sei als Ärztin immer unterwegs gewesen, das wahre Ausmaß von all den "schlimmen Sachen" habe sie erst nach der Scheidung von ihren Kindern erfahren. Die Kinder hätten, aus Angst, der Vater könnte sich umbringen, viele Geschehnisse vor ihr verheimlicht. Natürlich habe auch sie viel mitbekommen von der Verfasstheit ihres Ex-Gatten. Er habe ihr erzählt: "Du weißt doch, ich bin krank, ein Borderliner, die tun so was." 15 bis 20 Jahre sei er in Psychotherapie gewesen, "ich hatte immer gehofft, er ändert sich. Ich habe ihn ja geliebt", sagt die Ex-Frau.

    "Ein Lächeln"

    Auch eine Tochter hat Stunden zuvor vor dem Richter ebenfalls erwähnt, wie sehr sie ihren Vater vergöttert habe. Aber das war eben diese tödliche Ambivalenz. Auf Demütigungen, blutige Selbstverletzungen und Selbstmorddrohungen kamen "ein Lächeln" und schöne unbeschwerte Tage.

    Es habe auch eine Periode gegeben, "da war ich wochenlang wie weggetreten. Ich hatte keine Kraft mehr." Sie wisse nicht, was da mit ihr passiert sei. "In dieser Zeit mussten die Kinder rohe Nudeln essen", sagt die Ärztin. Eine Haushälterin, die sich um die Kinder hätte kümmern können, habe der Mann nicht zugelassen.

    Todesangst

    Nicht erst seit der Scheidung und dem Prozess lebten die Kinder – und auch sie selbst – in ständiger Todesangst. Vor Gericht erwähnt die Mutter etwas von einem "Schutzfilm", den die Kinder drehen lassen. "Sie wollen offensichtlich ein Beweisstück schaffen, falls etwas passiert", sagt der Anwalt der Mutter in einer Prozesspause.

    "Es passieren komische Dinge, die schwer einzuordnen sind", bemerkt der Rechtsbeistand. Als sich etwa seine Klientin kürzlich in seinem Büro zur Besprechung aufhielt, habe sie einen Anruf der Nachbarin erhalten. "Sie sprach von dunklen Autos, die um ihr Haus kreisten."

    Der Angeklagte bestreitet alle Vorwürfe. Seine Ex-Frau habe "eine andere Sichtweise" und vieles "falsch verstanden". Der Prozess wird am 30. April fortgesetzt. (Walter Müller, 17..4.2019)

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