Die Entdeckung der verschwundenen "Serengeti von Texas"

    27. April 2019, 18:00
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    Amateur-Paläontologen machten vor 80 Jahren Funde, die erst jetzt vollständig ausgewertet werden

    foto: the university of texas at austin jackson school of geosciences
    Spektakuläre Funde wie diese Schädelteile von Gomphotherien lagerten seit 80 Jahren in den Beständen der University of Texas.

    Vergleiche zwischen den eiszeitlichen Steppen Nordamerikas und der heutigen afrikanischen Savanne wurden schon oft gezogen. Im Pleistozän wimmelte es bis zur Ausbreitung des Menschen in Nordamerika nicht nur vor Großtieren. Viele davon waren auch direkte Verwandte der heutigen afrikanischen Megafauna, vom Mammuts und Säbelzahnkatzen bis zu Amerikanischen Löwen, Geparden und Kamelen.

    Eine solche Fülle gab es aber nicht nur in den vergangenen zweieinhalb Millionen Jahren, sondern auch davor – etwa zwei Erdzeitalter weiter zurück im Miozän. Forscher der University of Texas haben nun in den Fossilienlagern mehrerer Universitätseinrichtungen gegraben und aus Funden, die dort seit 80 Jahren verwahrt gewesen waren, ein ganzes Ökosystem rekonstruiert.

    illustration: jay matternes/ the smithsonian institution
    Nashörner, Rüsseltiere, Pferde und Paarhufer: Auf den ersten Blick wirkt die Tierwelt vertraut, und doch war im Miozän alles noch ein bisschen anders. Die grauen Riesen im Hintergrund etwa sind keine Elefanten, sondern Gomphotherien. Das antilopenähnliche Tier mit dem auffälligen Nasenschmuck rechts in der Mitte wiederum ist ein Synthetoceras und gehörte einer ganz eigenen Paarhufer-Familie an, von der es heute keine Nachkommen mehr gibt.

    Das Ergebnis, das im Fachmagazin "Palaeontologia Electronica" vorgestellt wurde, bezeichnet das Team um Steven May als "Texas-Serengeti". Diese erstreckte sich vor elf bis zwölf Millionen Jahren nördlich der Golfküste und ähnelte in ihrer Vielfalt späteren nordamerikanischen Faunen ebenso wie der heutigen afrikanischen. Die Verwandtschaft zu den heutigen Spezies war allerdings ein Stück weitläufiger.

    Statt der zu den Elefanten zählenden Mammuts stellten beispielsweise Gomphotherien die Riesen. Auch sie waren Rüsseltiere, doch hatten sie vier Stoßzähne, wobei die beiden unteren so nahe nebeneinander lagen, dass sie wie eine Schaufel eingesetzt werden konnten. Neben ihnen lebten Verwandte von Nashörnern sowie Kamele und mindestens zwölf verschiedene Arten von Pferden – alles Tiergruppen, die sich ursprünglich in Nordamerika entwickelt und erst später in die Alte Welt ausgebreitet hatten.

    Dazu fanden die Forscher verschiedene Arten großer Räuber, von einem Alligator bis zu einem bislang unbekannten frühen Vertreter der Hunde. Insgesamt identifizierten die Forscher 50 Tierarten, die in Form von knapp 4.000 Fossilien in den Lagern einer Untersuchung geharrt hatten. Und es wurden noch lange nicht alle ausgepackt.

    New Deal für die Wissenschaft

    Interessant sind die Funde aber nicht nur aus prähistorischer, sondern auch aus historischer Sicht. Sie wurden nämlich im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms während der Weltwirtschaftskrise gemacht. Im Zuge des New Deal von US-Präsident Franklin Delano Roosevelt schuf die Works Progress Administration (WPA) Millionen neuer Jobs, vom Straßenbau bis zu Theateraufführungen.

    Obwohl Infrastrukturprojekte die meisten Arbeitsplätze boten, hat der New Deal auch den Wissenschaften immens genützt: Ob historische Dokumentation, archäologische Ausgrabungen oder die Suche nach Fossilien – die damals gewonnenen Daten sind bis heute von Bedeutung. Die Fossilien aus Texas wurden zwischen 1939 und 1942 im Rahmen des Paleontologic-Mineralogic Survey ausgegraben. In Teilen wurden sie bereits ausgewertet und bildeten die Grundlage verschiedener Veröffentlichungen. Mays Studie ist allerdings die erste, die die Miozän-Fauna von Texas in ihrer Gesamtheit betrachtet.

    foto: the university of texas at austin jackson school of geosciences
    Zeitgenössische Aufnahme von den Ausgrabungsarbeiten.

    Hier kommt allerdings auch der einzige kleine Wermutstropfen ins Spiel: Die Amateur-Paläontologen konzentrierten sich vor allem auf "das große, offensichtliche Zeug", wie May sagt – also Stoßzähne, Schädel und ähnlich spektakuläre Funde. Repräsentativ für die Miozän-Fauna in ihrer Gesamtheit sind die Funde damit nicht, es fehlen weitgehend die Kleintiere.

    Das könnten künftige Ausgrabungen aber nachliefern. May ist es gelungen, anhand von WPA-Aufzeichnungen und Luftaufnahmen die damalige Ausgrabungsstätte nahe Beeville in Texas zu identifizieren. Durch neue Ausgrabungen und die weitere Aufarbeitung der Lagerbestände könnte sich also auch die Kleintierwelt der "Texas-Serengeti" noch erschließen. (jdo, 27.4.2019)

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