Wenn Hasen immer weniger Verstecke finden

    18. April 2019, 09:00
    96 Postings

    Wie der Osterhase zu den Eiern kam, ist nicht geklärt. Fakt ist, dass sich seine reale Verwandtschaft in den immer eintönigeren Agrarlandschaften kaum mehr selbst verbergen kann

    Hasen, Lämmer, Küken: Ostern kommt nicht ohne herzige Tiere aus. Ganz anders als die weihnachtliche Symbolik, die mit Adventkranz, Tannenzweigen und Christbaum stark pflanzlicher Natur ist, wird Ostern heute vor allem mit dem Hasen verbunden, der zurzeit in allen Farben und Formen die Regale bevölkert. Das war nicht immer so – und in freier Natur geht es ihm bei weitem nicht so gut.

    Ihre erste Erwähnung fand die Idee vom Eier bringenden und versteckenden Hasen Ende des 17. Jahrhunderts in der Dissertation eines Frankfurter Arztes – der sie allerdings als Fabel für Einfältige und Kinder bezeichnete.

    Bis ins 19. Jahrhundert jedoch war der Hase nicht der einzige Eierlieferant: Je nach – deutschsprachigem – Landstrich konnte es auch der Fuchs, der Storch, der Hahn oder sogar der Kuckuck sein. Wie es zur heute flächendeckenden Vorherrschaft des Osterhasen kam, ist ungeklärt.

    Auf einigen frühen bemalten Ostereiern fand man sogenannte Dreihasenbilder: Das sind Darstellungen von drei kreisförmig angeordneten Hasen, die ein bisschen an Escher-Bilder erinnern, weil es so aussieht, als hätte jeder Hase zwei Ohren, insgesamt aber nur drei Lauscher im Bild zu finden sind. Das Ganze bietet sich als Symbol für die Dreifaltigkeit an – ob daher aber wirklich der Zusammenhang zwischen Hase und Osterfest stammt, ist fraglich.

    Klar ist hingegen, dass der Hase sich hervorragend als Frühlings-, weil Fruchtbarkeitssymbol eignet. Denn obwohl die Tragzeit von Häsinnen 42 Tage dauert, können sie bereits ab dem 36. Tag der Trächtigkeit erneut befruchtet werden. Das führt dazu, dass sie verschieden alte Föten in ihrer Gebärmutter tragen können – ein Phänomen, das als Superfötation bezeichnet wird.

    Damit nicht genug, produzieren Hasen so gut wie das ganze Jahr über Nachwuchs: "In Österreich gibt es eine Pause im November und Dezember", sagt Klaus Hackländer vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur Wien, "aber schon im Jänner gibt es wieder die ersten Junghasen."

    Hasenkindersterblichkeit

    In Ländern mit sehr heißen Sommern liegt die Pause in den Hitzemonaten, wohingegen die Fortpflanzung in Gegenden ohne Temperaturextreme tatsächlich das ganze Jahr über stattfindet. Auch die Wurfgröße variiert mit der geografischen Lage, nicht aber die durchschnittliche Jahresausbeute an Hasenkindern: "Weltweit bekommen Feldhasen in etwa elf bis zwölf Junge pro Jahr", sagt Hackländer, "in Österreich sind es fünf bis sechs Würfe."

    Dass trotz der Fortpflanzungsfreudigkeit des Feldhasen in den letzten Jahren immer wieder sein Untergang beschworen wurde, liegt unter anderem an der hohen Sterblichkeit der Jungen: Laut Hackländer liegt diese in vielen Gebieten bei 90 Prozent.

    Das ist bis zu einem gewissen Grad normal: Nicht nur gibt es jede Menge Tiere, die Junghasen fressen – auch Krankheiten und das Wetter, vor allem feuchte Frühjahre, machen vielen von ihnen den Garaus. Wie Hackländer und sein Team in den vergangenen Jahren zeigen konnten, verschärft die immer eintöniger werdende Agrarlandschaft die Lage allerdings noch weiter.

    "Ernteschock"

    Um landwirtschaftliche Flächen maschinell besser bearbeiten zu können und so viel Ertrag wie möglich zu erzielen, wurden in den letzten Jahrzehnten viele Landschaftselemente wie Hecken, Feldraine und Wiesenstreifen einfach beseitigt. Für die Hasen ist das in mehrfacher Hinsicht ein Problem: Sie finden in der ausgeräumten Landschaft wenig Schutz vor Fressfeinden, und die Jungen fallen auf den Feldern den landwirtschaftlichen Maschinen zum Opfer.

    Gleichzeitig finden Hasenmütter hier nicht die fettreichen Kräuter, die sie für die Erzeugung ihrer extrem nahrhaften Milch brauchen. Im Unterschied zu Kaninchen, die in einem unterirdischen Bau leben, sitzen Hasenjunge nämlich in einer Bodenmulde, und die Mutter kommt nur ein- bis zweimal am Tag vorbei, um sie für jeweils ein paar Minuten zu säugen. Auf diese Weise werden Räuber weniger leicht auf die Kleinen aufmerksam.

    Eine spezielle Situation stellt sich für die Hasen – und andere Feldtiere – bei der Ernte ein: Dann verwandelt sich der gerade noch reichlich bewachsene Acker innerhalb weniger Stunden in eine freie Fläche, die weder Schutz noch Nahrung bietet. Wie man von Untersuchungen aus Frankreich weiß, kann dieser "Ernteschock" in großen ausgeräumten Flächen dazu führen, dass die Hasen ihr ursprüngliches Gebiet verlassen und dutzende Kilometer weit wandern.

    "Das braucht Energie", wie Hackländer ausführt, "und es erhöht die Gefahr, von Beutegreifern entdeckt zu werden. Ganz abgesehen davon, dass sie sich in einem neuen Areal nicht auskennen und daher auch leichter gefressen werden. Alles in allem erhöht das die Sterblichkeit."

    Gelinderter Ernteschock

    Wie Hackländers Forschungsgruppe jedoch kürzlich zeigen konnte, stellt der Ernteschock auf kleinen Feldern mit verschiedenen Kulturarten und Landschaftsstrukturen kein besonderes Problem dar. Eine solche Landschaft haben die Wissenschafter im niederösterreichischen Weinviertel gefunden und die dortige Feldhasenpopulation auf ihre Erntereaktion untersucht.

    Die Besenderung von knapp 30 Tieren ergab, dass diese den Radius ihrer Futtersuche nur wenig und nur sehr kurzfristig vergrößerten, durch die Ernte also kaum in ihrem Verhalten beeinträchtigt wurden.

    Auch die derzeit laufende Kotanalyse auf Stresshormone ergab bis jetzt keine Anzeichen dafür, dass die Hasen durch die Ernte gestresst würden. "Wenn die Landschaft vielfältig genug ist, weichen die Hasen einfach vorübergehend in ein anderes Feld oder eine Brachfläche aus", sagt Hackländer. Und ganz nebenbei finden dort auch die Junghasen mehr Deckung vor ungünstiger Witterung.

    Abhilfe in der ausgeräumten Landschaft könnte ein verpflichtender Anteil an Brachflächen schaffen. Davon würden nicht nur Hasen profitieren, sondern auch jede Menge anderer Säuger, aber auch Feldvögel, die in diesem Lebensraum heimisch sind.

    Derzeit sieht es dafür aber nicht allzu vielversprechend aus: Die fünf Prozent "ökologische Vorrangflächen", die die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU eigentlich vorsieht, können nämlich auch Anbauflächen für nachwachsende Rohstoffe sein, und die bringen den Feldtieren wenig. "Es wäre schön, wenn bei den derzeitigen GAP-Verhandlungen herauskommt, dass zumindest fünf Prozent der Flächen Brachen sein müssen", hofft Hackländer.

    Nichtsdestoweniger muss man sich um den Osterhasen in Österreich keine Sorgen machen: Speziell im Osten des Landes liegen die Frühjahrsdichten mit bis zu 100 Exemplaren pro 100 Hektar immer noch hoch. Kann man den Hasen trotzdem zusätzlich helfen? Hackländer appelliert, nicht quer über – auch abgemähte – Felder zu marschieren, Hunde nicht frei über Agrarflächen laufen zu lassen und eventuell aufgefundene Junghasen auf keinen Fall mitzunehmen: Nicht nur kommt ihre Mutter regelmäßig vorbei, ihre nährreiche Milch ist auch durch nichts zu ersetzen. (Susanne Strnadl, 18.4.2019)

    • Osterhasen brauchen gute Versteckmöglichkeiten – genauso wie Feldhasen.
      foto: apa / dpa / patrick pleul

      Osterhasen brauchen gute Versteckmöglichkeiten – genauso wie Feldhasen.

    • In den letzten Jahrzehnten wurden viele Landschaftselemente wie Hecken, Feldraine und Wiesenstreifen einfach beseitigt.
      foto: apa / dpa / jens büttner

      In den letzten Jahrzehnten wurden viele Landschaftselemente wie Hecken, Feldraine und Wiesenstreifen einfach beseitigt.

    • Auf einigen frühen bemalten Ostereiern fand man sogenannte Dreihasenbilder – wie hier zu sehen das Dreihasenfenster am Paderborner Dom.
      foto: von zefram - eigenes werk, gfdl, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=888752

      Auf einigen frühen bemalten Ostereiern fand man sogenannte Dreihasenbilder – wie hier zu sehen das Dreihasenfenster am Paderborner Dom.

    Share if you care.