"Antigone": Menschenfreundliche Botschaft, gepflanzt im regionalen Gefühlsboden

    16. April 2019, 16:11
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    Am Stadttheater Klagenfurt versieht Lore Stefaneks zwingend konsequente Regie das Stück mit der Botschaft zum gegenseitigen Verstehen

    Klagenfurt – Thebens Königsdynastie der Labdakiden hatte keine glückliche Familiengeschichte. Laios, Sohn des Stammvaters Labdakos, entführte aus Liebe den Jüngling Chrysippos, wofür er – eine Zeus-Strafe später – von seinem Sohn Ödipus umgebracht wurde. Der ehelichte die Witwe seines Opfers und damit ahnungslos die eigene Mutter Iokaste, mit der er, ehe sie sich erhängte, Ismene, Antigone, Eteokles und Polyneikes zeugte. Die Söhne erschlugen einander. Die Töchter kamen bei Onkel Kreon unter, der Antigone lebendig einmauern ließ, worauf sein Sohn Hämon und seine Frau Eurydice Selbstmord begingen, sodass die verbleibende Ismene in einem witzigen Kunstgriff am Schluss der Klagenfurter Antigone von Lore Stefanek berechtigterweise die Frage aufwirft: Was passiert ist, ist passiert – aber was sollen wir jetzt tun?

    Waschschüssel der Hochkultur

    Erst bei der sehr eindringlichen Katastrophenwarnung des Sehers Teiresias (Barbara Schnitzler) beginnt das cholerische Komplexbündel Kreon des Tim Grobe, nachdenklich an den Nägeln zu kauen. Da ist es für ihn längst zu spät. Claudia Kainbergers gnadenlos prinzipientreue Antigone ist tot, was – noch ein Kunstgriff – der tote Polyneikes als Bote zu verkünden kommt. Vom stolzen Theben ist ein Haufen Sand geblieben, ein alter Traktorreifen und leere Kanister. Von der Hochkultur eine alte Waschschüssel (Bühne: Karl Kneidl).

    Ismenes Frage hat der attische Tragödiendichter Sophokles, hier in der Übersetzung Friedrich Hölderlins, bearbeitet von Martin Walser und Edgar Selge, denkbar klar beantwortet: Wir sollen unseren Verstand benützen.

    Das Denken im Winkel

    Lore Stefaneks zwingend konsequente Regie stellt primär auf das ab, was wir an Persönlichkeitsstörungen auf der weltpolitischen Ebene inzwischen so alles assoziieren müssen. Krieg, Ausnahmezustand, Notverordnungen, Todesstrafe. Die gemeinsame Quelle alles dessen ist ein Hass, der das Denken in den Winkel wirft.

    Es ist ein besonderes Verdienst der Produktion, dass sie, durch eingestreute slowenische Lieder des Frauentrios Praprotnice, ihre Botschaft auch im regionalen Gefühlsboden aufpflanzt. Der Kuss, den Antigone im Klagenfurter Stadttheater dem Kreon auf den Mund drückt, ist hier wie überall als Signal einer Alternative zu verstehen: Nicht zu hassen, zu verstehen sind wir da. (Michael Cerha, 16.4.2019)

    • Kreon (Tim Grobe),und Antigone (Claudia Kainberger) im Stadttheater Klagenfurt.
      foto: karlheinzfessl.com

      Kreon (Tim Grobe),und Antigone (Claudia Kainberger) im Stadttheater Klagenfurt.

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