Was macht eigentlich die Faszination von Aufbaustrategiespielen aus?

    28. April 2019, 11:00
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    DER STANDARD hat bei vier Entwicklerstudios nachgefragt, wieso das Genre derart viele Spieler anzieht

    Hunderte Stunden in ein Aufbaustrategiespiel zu investieren ist für viele Spieler keine Seltenheit. Kein anderes Genre ist ein derartiger Zeitfresser, wenn man einmal von einem Game gefesselt wurde. Doch was macht eigentlich die Faszination eines guten Aufbaustrategiespiels aus, welche Titel haben die Entwickler geprägt und was steckt alles hinter einem guten Spiel? DER STANDARD hat bei vier verschiedenen Entwicklern nachgefragt.


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    Ubisoft Blue Byte – Entwickler von "Anno" (Interviewpartner: Marcel Hatam, International Brand Manager)

    Frage: Was macht eigentlich die Faszination von Aufbaustrategiespielen aus?

    Antwort: Aufbaustrategiespiele wecken den Tüftler und Entdecker in uns. In den meisten Fällen entscheiden die Spieler herrschermäßig, wie sie ihre Stadt aufbauen wollen, und müssen mit den Konsequenzen, entweder positiv oder negativ, leben. Man fühlt sich stellenweise also als etwas Überirdisches, das alle Entscheidungen trifft, die man im echten Leben wohl nie treffen kann. In den Spielen der Anno-Serie kommt zudem noch die Faszination der Epoche dazu. Man sieht seine Stadt von einer kleinen Siedlung zu einer großen Metropole gedeihen und entdeckt währenddessen die Technologien und Errungenschaften einer glaubwürdigen Spielwelt und fühlt sich selbst wie der Erfinder der Elektrizität, der erste Entdecker Südamerikas oder ein großer Schiffsadmiral.

    Frage: Auf welchen Märkten sind derartige Games besonders gefragt?

    Antwort: Aufbaustrategiespiele sind weltweit sehr gefragt, gerade auch, weil der PC-Markt immer stärker wird und mehr und mehr PC-Spiele ihren Weg in den asiatischen Raum finden. Grundsätzlich liegt die Aufbaustrategie aber wohl im deutschsprachigen Raum besonders in der Gunst der Spieler.

    Frage: Welche Games haben das Genre beziehungsweise das Spiel geprägt?

    Antwort: Wenn wir von Spielen reden, gibt es hier wohl eine Vielzahl an Klassikern, die heute kaum noch jemand kennt. Die ersten Spiele in die Richtung dürften aber Populous von Peter Molyneux und SimCity von Will Wright gewesen sein, die 1989 veröffentlicht wurden. Und für die deutsche Aufbaustrategie ist das erste Die Siedler (1993) selbstredend ein Vorbild.

    Frage: Was macht ein gutes Aufbaustrategiespiel aus?

    Antwort: Salopp könnte man sagen, dass ein Aufbaustrategiespiel die Spieler die Zeit vergessen lassen muss. Wer schon einmal einen Vertreter des Genres gespielt hat, dürfte den Effekt des "Was, so lange habe ich schon gespielt?" erlebt haben. Dann scheinen die Mechaniken zu greifen, die Spieler scheinen gefordert zu sein und werden so richtig in das Geschehen versetzt. Eine goldene Regel gibt es aber nicht. Jedes Spiel hat seine eigenen Mechaniken und Feinheiten. Bei Anno ist es wohl die Kombination aus der jeweiligen Zeitepoche und dem Meistern der immer komplexer werdenden Produktionsketten und Transportwege. Und dann erwischt man sich doch wieder, wie man einfach mal eine Minute innehält und den eigenen Bewohnern bei ihren Alltagsbeschäftigungen zuschaut.

    Frage: Wurde bei der Entwicklung des Games mit Wissenschaftern zusammengearbeitet?

    Antwort: Die Inhalte der Anno-Spiele werden stets sehr aufwändig recherchiert. Dafür kommt besonders Sekundärliteratur zum Einsatz. Unser Publisher Ubisoft verfügt hier über ein riesiges Archiv an Materialien. Wir sprechen aber auch mit Experten oder lassen uns von passenden Filmen inspirieren. Bei den letzten beiden Anno-Spielen haben wir uns zum Beispiel mit Zukunftsforschern unterhalten. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass wir entsprechende Quellen stets als Inspiration nutzen. Ganz vorne steht bei uns der Spielspaß, dem sich schon mal die Realität unterordnen muss.

    Frage: Wie sieht die Zukunft des Genres aus?

    Antwort: Wie wir von den Zukunftsforschern gelernt haben: Die Zukunft lässt sich nicht voraussagen. Was sich aber zeigt, ist ein Aufschwung des Genres, vielleicht auch wegen des Aufschwungs des PC-Marktes. Ansonsten wird vieles wohl auch davon abhängen, wie sich der Videospielmarkt an sich entwickelt, schließlich stehen scheinbar einige große Innovationen in Sachen Plattformen und Hardware an. Und für Anno: Auch da weiß man nie, aber wir haben die magische Quersumme 9 stets im Hinterkopf.


    polymorph games

    Polymorph Games – Entwickler von "Foundation" (Interviewpartner: Andy Ashton, Community Manager)

    Frage: Was macht eigentlich die Faszination von Aufbaustrategiespielen aus?

    Antwort: Citybuilder und Management-Games erlauben es Spielern, Kontrolle über eine Situation, ein Geschäft oder eine Stadt zu ergreifen – eine Möglichkeit, die sie im echten Leben nicht haben und in die sie sich aber trotzdem dank des Spiels hineinversetzen können.

    Frage: Auf welchen Märkten sind derartige Games besonders gefragt?

    Antwort: Foundation ist in Europa besonders gefragt, mit den meisten Verkäufen in Deutschland.

    Frage: Welche Games haben das Genre beziehungsweise das Spiel geprägt?

    Antwort: Die Siedler und Pharaoh hatten einen großen Einfluss auf die City-Building-Elemente von Foundation. Hinsichtlich des Ressourcenmanagements war Anno das Vorbild.

    Frage: Was macht ein gutes Aufbaustrategiespiel aus?

    Antwort: Wir denken, dass Immersion oberste Priorität hat bei einem guten City-Builder – allerdings unterscheiden sich die Spieler hierbei. Die einen wollen sich etwa kreativ austoben, während die anderen sich lieber dem Mikromanagement widmen. In den meisten Fällen verfolgen die Spieler ein eigenes Ziel, sei es, ökonomische Probleme zu lösen, eine möglichst schöne Stadt zu errichten oder die gestalterische Grenzen eines Games auszuloten. Mit Foundation wollen wir alle Spielertypen ansprechen.

    Frage: Wurde bei der Entwicklung des Games mit Wissenschaftern zusammengearbeitet?

    Antwort: Alle Mitarbeiter sind im Grunde Experten auf ihrem Feld und weisen außerdem ein großes Interesse an mittelalterlicher Geschichte auf. Abgesehen davon wollten wir bei unserem Spiel eine gute Balance zwischen Realismus und Spaß finden.

    Frage: Wie sieht die Zukunft des Genres aus?

    Antwort: Mehr Immersion und Freiheit, damit alle Spielertypen angesprochen werden.


    gamespot

    Paradox Interactive – Publisher von "Cities Skylines" (Interviewpartner: Sandra Neudinger, Product Manager)

    Frage: Was macht eigentlich die Faszination von Aufbaustrategiespielen aus?

    Antwort: City-Builder fordern unsere Kreativität und sind gleichermaßen entspannend. Man kann sich selbst ausdrücken und zugleich auch tief in das Spiel eintauchen, um ein Meister darin zu werden.

    Frage: Auf welchen Märkten sind derartige Games besonders gefragt?

    Antwort: Nordamerika und Westeuropa sind besonders starke Märkte, wenn es um Simulationen und Management-Games geht. Cities: Skylines wurde am meisten in Deutschland und Großbritannien verkauft.

    Frage: Welche Games haben das Genre beziehungsweise das Spiel geprägt?

    Antwort: Bei Cities: Skylines ganz klar Simcity.

    Frage: Was macht ein gutes Aufbaustrategiespiel aus?

    Antwort: Man muss dem Spieler die Möglichkeit geben, seine Fantasie auszuleben, und ihm Tools geben, mit denen er diese verwirklichen kann. Die Herausforderung ist es, eine Balance zwischen Spielspaß, positivem sowie entspannendem Erlebnis und herausfordernder Problemlösung zu finden.

    Frage: Wurde bei der Entwicklung des Games mit Wissenschaftern zusammengearbeitet?

    Antwort: Wir haben im Vorfeld intensive Recherche betrieben und bei neuen Expansionen wie "Green Cities" immer wieder auf Experten zurückgegriffen, die uns ein Verständnis vermittelt haben, wie unterschiedliche Systeme funktionieren.

    Frage: Wie sieht die Zukunft des Genres aus?

    Antwort: Mehr Realismus, mehr Optionen und eine stärkere Verbindung zwischen dem Game, der Community und dem Spieler.


    11 bit studios

    11 Bit Studios – Entwickler von "Frostpunk" (Interviewpartner: Kuba Stokalski, Chefdesigner und Pawel Miechowski, Partnerships Manager)

    Frage: Was macht eigentlich die Faszination von Aufbaustrategiespielen aus?

    Antwort: Ich denke, dass es wie bei anderen Spielen darum geht, seine Fantasie auszuleben und Wünsche zu erfüllen. Im konkreten Fall geht es aber nicht darum, Aliens zu töten, sondern komplexe Situationen (ökonomischer beziehungsweise logistischer Natur) zu lösen. Es fühlt sich bestätigend an und spricht somit unser Belohnungssystem an.

    Frage: Auf welchen Märkten sind derartige Games besonders gefragt?

    Antwort: Frostpunk ist besonders gefragt in Westeuropa, USA, China, Russland, Kanada und Australien. (Antwort von Pawel Miechowski)

    Frage: Welche Games haben das Genre beziehungsweise das Spiel geprägt?

    Antwort: Banished oder Tropico liegen auf der Hand, allerdings ist Frostpunk anders als die genannten Spiele. Das liegt daran, dass wir uns wie jeder andere Entwickler Inspiration, nicht aber Fragen und Lösungen von anderen Spielen holen. Jedes Game ist einzigartig, und man kann damit nur aus der Masse stechen, wenn man eine klare Vision verfolgt und dabei nicht die Ideen von anderen kopiert.

    Frage: Was macht ein gutes Aufbaustrategiespiel aus?

    Antwort: Einfach gesagt, die Qualität der Problemstellung und die Freiheit, die der Spieler hat, die Herausforderungen zu lösen – und auch, welche kreativen Ergebnisse beim Städtebau erzielt werden können. Wir diskutieren bei uns recht oft über Genres und haben festgestellt, dass wir uns nicht wirklich in eine Schublade stecken lassen wollen. Natürlich wollen wir ein gewisses Erlebnis und Gameplay bieten, aber bei uns liegt der Fokus auf dem Spielerlebnis, der Thematik und der Stimmung eines Games – nicht, dass wir in ein gewisses Genre passen. Ich persönlich denke, dass man durch diesen Ansatz erfrischend neue Gameplay-Ideen erzielt.

    Frage: Wurde bei der Entwicklung des Games mit Wissenschaftern zusammengearbeitet?

    Antwort: Bei uns im Team gibt es Psychologen und Soziologen. Dies ermöglicht uns einen tieferen Einblick bei diesen Angelegenheiten für Frostpunk. Wir haben aber auch externe Experten befragt und interne Recherche angestellt.

    Frage: Wie sieht die Zukunft des Genres aus?

    Antwort: City-Builder und Simulationen sind dahingehend einzigartig, dass Spieler ein komplexes kognitives Problem lösen müssen. Dies könnte man im Grunde auch auf andere Herausforderungen ausweiten, die nicht nur ökonomischer Natur sind oder sich auf Aufbau und Management einer Stadt beziehen. Ich würde mir mehr Spiele mit weniger offensichtlichen Themen und mit menschlichen Werten wie etwa Frostpunk wünschen. Ich denke, dass diese auch kommen werden, da sich Spieler einfach bedeutsame Unterhaltung wünschen. (Daniel Koller, 28.4.2019)

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