Mein Teenager-Kind provoziert mich

    21. April 2019, 11:00
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    Wenn der Nachwuchs untergriffig wird, gelangen manche Teenager-Eltern an ihre Grenzen

    In dieser Ausgabe des Familienrats antworten Katharina Weiner vom Jesper-Juul-Familylab in Österreich und der Buchautor, Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff auf die Frage einer Leserin.

    Frage:

    "Meine 15-jährige Tochter weiß genau, womit sie mich provozieren kann: Sie hält sich nicht an vereinbarte Termine und Regeln, kommt konsequent mit Verspätung nach Hause und ist nicht am Handy erreichbar, wenn ich sie erreichen will. Manchmal versucht sie es auch mit unterschwelligen persönlichen Kränkungen, die ich zu ignorieren versuche (was mir aber nicht immer gelingt). Ersteres verstehe ich bis zu einem gewissen Grad, da sie ja gerade in der Pubertät ist und versucht, unabhängig zu werden.

    Egal ob Sohn oder Tochter: Teenager sind eine Herausforderung.

    Aber die Angriffe auf persönlicher Ebene finde ich schwierig. Wie soll ich damit umgehen, wenn sie Kränkendes über mein Aussehen andeutet oder Dinge sagt wie 'Das schaffst du eh nicht' oder 'Es ist mir egal, was du sagst'?"

    Antwort von Hans-Otto Thomashoff:

    Die Pubertät ihrer Kinder ist für Eltern nicht leicht zu durchschiffen, gerade weil alles infrage gestellt wird, allem voran die Eltern. Da gibt man sich jahrelang Mühe, seinen Kindern einen passablen Weg ins Leben zu ebnen, und statt Dank bekommt man kurz vor dem endgültigen Absprung in die Selbstständigkeit Desinteresse, miese Laune und Kritik. Wobei man fairerweise sagen muss, dass das beileibe nicht bei allen Kindern so rennt.

    Ursache dafür, wenn der pubertäre Haussegen schief hängt, sind in der Regel Konflikte. Real, wenn die Lebenskonzepte von Eltern und Heranwachsenden einander wirklich diametral entgegenstehen, oder auch uneingestanden, wenn nicht gar gänzlich unbewusst. Ängste vor der Zukunft, die Suche nach der eigenen Identität, die Abgrenzung von den mehr oder auch weniger brauchbaren Vorbildern, all das birgt Konfliktpotenzial. Die zu klärende Frage lautet also: Warum hat Ihre Tochter denn so einen Wickel mit Ihnen? Genau darüber kann man reden in den Momenten, in denen es einmal nicht hoch hergeht. Natürlich nur, sofern Ihre Tochter auch zum Gespräch bereit ist.

    Ansonsten gilt: Zur Provokation braucht es immer zwei, denjenigen, der provoziert – in dem Fall Ihre Tochter –, und denjenigen, der die Provokation annimmt – das sind Sie. Verständlicherweise wünschen Sie sich, dass Ihre Tochter das lässt. Genau an der Stelle hat sie Sie. In der Praxis heißt das: Versuchen Sie sich von den Provokationen nicht wirklich treffen zu lassen, indem sie deren wahren Hintergrund durchschauen. Zugleich spiegeln Sie ehrlich Ihre Reaktion auf Kränkungen. Auch Sie haben Gefühle. Teilen Sie sie offen mit, nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung. Was ihre Tochter daraus macht, muss sie für sich herausfinden. (Hans-Otto Thomashoff, 21.4.2019)

    foto: alexandra diemand
    Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).

    Antwort von Katharina Weiner:

    Ein kleiner Trost vorab, Sie sind mit Ihrer Situation nicht allein! Kinder und auch Jugendliche brauchen echte, authentische Rückmeldungen, um sich in ihrer eigenen Persönlichkeit entwickeln zu können. Vielleicht versuchen Sie das Wagnis, sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

    Natürlich sollen Sie sich nicht damit abfinden, gekränkt zu werden. Dennoch bedarf es der eigenen Reflexion, um fördernd anstatt destruktiv reagieren zu können: Sorgen Sie gut für sich selbst, oder sorgen Sie sich zu sehr um ihre Tochter? Notieren sie einige wenige Punkte von dem, was Sie möchten beziehungsweise nicht möchten, was Ihnen als Mensch und Frau wichtig ist. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit dafür, Ihre eigenen Worte über sich selbst zu finden. Vielleicht erleben Sie dabei sogar Ihre eigene Jugend neu.

    Ausgestattet mit Ihren Erfahrungen, Erkenntnissen und dem Wunsch nach einer neuen Qualität in Ihrer Beziehung, teilen Sie sich Ihrer Tochter mit. Wichtig dabei ist, dass dieser Dialog ohne Vorwürfe, pädagogische Hintergedanken oder eine erzieherische Strategie geschieht, damit Sie unvoreingenommen Interesse an dem haben, was Ihre Tochter Ihnen tatsächlich mitteilen möchte. Nehmen Sie die Antworten Ihrer Tochter ernst.

    So schaffen Sie die Basis einer neuen Beziehungsqualität zwischen Ihnen beiden. Sie vermitteln Ihrer Tochter, wie wertvoll es ist, seine eigenen Grenzen auszudrücken, wie sie konstruktiv, ohne Feindbilder oder Schuldzuweisungen, Konflikte lösen kann. Es wird eine Weile dauern, bis sich beide an die neue Form gewöhnen, einen Versuch ist es definitiv wert. (Katharina Weiner, 21.4.2019)

    foto: sven gilmore
    Katharina Weiner ist Familienberaterin sowie Coachin und arbeitet als Trainerin in der Elternbildung. Die Mutter einer Tochter leitet das Jesper-Juul-Familylab in Österreich.
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