WHO: Zahl der Masern-Fälle weltweit um 300 Prozent gestiegen

    16. April 2019, 10:56
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    Im ersten Quartal 2019 wurden 112.000 Infektionen in 170 Ländern gemeldet

    Genf – Die Zahl der Masern-Fälle ist weltweit drastisch gestiegen. Sie nahm im ersten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 300 Prozent zu, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO am Montag in Genf mitteilte.

    Es seien mehr als 112.000 Infektionen in 170 Ländern gemeldet worden. Ein Jahr zuvor seien es gut 28.000 Fälle in 163 Ländern gewesen. Es handle sich um vorläufige und unvollständige Daten, aber es sei "eine eindeutige Entwicklung erkennbar", erklärte die WHO.

    Die hochansteckende und mitunter lebensgefährliche Krankheit ist wieder auf dem Vormarsch. In den reichen Ländern geht die Ausbreitung der Masern vornehmlich auf eine zunehmende Impfskepsis zurück. In armen Weltgegenden haben viele Menschen hingegen keinen Zugang zur Masern-Impfung, wie die WHO beklagte.

    Mehr als 1.200 Todeopfer

    Besonders dramatisch ist die Situation in Madagaskar: Mit rund 120.000 Erkrankungen seit September vergangenen Jahres ist die Epidemie in dem Inselstaat eine der derzeit größten weltweit. Eines der jüngsten Todesopfer ist der fünf Monate alte Isaia, dessen Leben eine einfache Impfung gerettet hätte. Seine Mutter Lalatiana Ravonjisoa ist nach dem Tod des Buben verzweifelt. "Ich werfe mir vor, nicht genug getan zu haben", sagte die 35-Jährige. Isaia ist eines von inzwischen schon mehr als 1.200 Todesopfern der seit Monaten andauernden Masern-Epidemie in Madagaskar.

    "Er ist nur eine Woche nach dem ersten Fieber gestorben", sagt Ravonjisoa. Als der Kleine krank wurde, habe sie sich keinen Arztbesuch leisten können, erzählte die Gemüseverkäuferin aus der Hauptstadt Antananarivo. Sie gab ihrem Sohn ein Medikament, um das Fieber zu senken. Es schien ihm bald besser zu gehen. An seinem Todestag im Jänner hatte sie sich Isaia auf den Rücken gebunden, um wie immer auf der Straße ihr Gemüse zu verkaufen. Als sie später wieder nach Hause kam, waren seine Füße schon kalt. Der Bub war auf ihrem Rücken gestorben.

    Die Epidemie in dem Inselstaat vor der Südostküste Afrikas ist das aktuellste und wohl dramatischste Beispiel für das, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine beunruhigende Rückkehr vermeidbarer Krankheiten nennt. Masernviren sind extrem ansteckend und können in Einzelfällen noch Jahre später zu potenziell tödlichen Hirnentzündungen führen.

    Nur die Hälfte der Kinder geimpft

    Die Behörden in Madagaskar, einem der 30 ärmsten Länder der Welt, sind mit dem Masern-Ausbruch überfordert. "Die Epidemie breitet sich leider immer weiter aus", erklärte der WHO-Epidemiologe Dossou Vincent Sodjinou. Fast alle Landesteile sind demnach betroffen. Die Epidemie fordere auch deshalb so viele Opfer, weil etwa die Hälfte aller Kinder mangelernährt sei und daher ein bereits geschwächtes Immunsystem habe.

    Das Virus hatte in Madagaskar leichtes Spiel, weil jahrelang nur rund die Hälfte aller Kinder geimpft wurden. Das lag nicht an Impfgegnern, sondern daran, dass dem Staat die Mittel für Aufklärungs- und Impfkampagnen fehlen. Die WHO will in dem Land mit 26 Millionen Einwohnern nun rund 7,2 Millionen Kinder impfen lassen.

    Weltweit sind vor allem ärmere Länder von Masern betroffen. Im zentralafrikanischen Kongo etwa haben die Behörden seit Jahresanfang bereits rund 41.000 Erkrankungen und 760 Masern-Tote gezählt, auf den Philippinen erlagen der Krankheit 355 Menschen. Bei den Opfern handelt es sich überwiegend um Kinder im Alter von bis zu fünf Jahren.

    Vor allem ländliche Gebiete betroffen

    In Madagaskar sind vor allem ländliche Bezirke betroffen, aber auch Antananarivo bleibt nicht verschont. Die sechs Kinder von Marie-Jeanne Randriamahefy im Alter von vier bis 20 Jahren hatten dort im Dezember alle Masern. "Ich hatte das Gefühl, einer nach dem anderen würde mir wegsterben", sagte die 44-Jährige. Sie sei tagsüber als Putzfrau arbeiten gegangen, abends habe ihr Zuhause einem Krankenhaus geglichen. "Drei Kinder lagen in einem Bett, die drei übrigen im anderen Bett", erzählt sie. "Ich wusste nicht, was ich machen sollte."

    Für einen Arzt hatte auch Randriamahefy kein Geld, also brachte sie ihre vier Jahre alte Tochter zu einem Tierarzt. Schließlich lieh sie sich Geld, um die Kleine in ein Krankenhaus zu bringen, wie sie unter Tränen erzählte. Inzwischen hat die Regierung angeordnet, Masern-Patienten kostenlos zu behandeln. Randriamahefys Kinder haben überlebt, aber die Mutter macht sich Vorwürfe: "Ich habe die Kinder nicht impfen lassen. Es ist meine Schuld, dass sie fast gestorben sind." Eine ursächliche Therapie gibt es bei Maserninfektionen nicht. Verhindern kann die Erkrankung nur die Impfung. (APA, AFP, 16.4.2019)

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