Anklage gegen Ex-VW-Chef: Schwacher Trost

Kommentar15. April 2019, 18:10
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Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn muss sich vor Gericht verantworten

Nun kommt es dick für Martin Winterkorn. Zu den Schadenersatzklagen von Aktionären, die dem früheren Volkswagen-Chef anlasten, zu spät über die Abgasmanipulationen und die in der Folge notwendigen Milliardenvergleichszahlungen in den USA informiert zu haben, kommt nun ein Betrugsprozess. Dem ob seiner Detailverliebtheit geachteten wie gefürchteten Techniker wirft die Staatsanwaltschaft Braunschweig besonders schweren Betrug ebenso vor wie unlauteren Wettbewerb, Untreue, Steuerhinterziehung sowie mittelbare Falschbeurkundung – quasi die Executive-Ausstattung einer Premiumlimousine, um in der Autosprache zu bleiben.

Winterkorn ist nicht der Einzige aus der damaligen Führungsriege, der sich vor Richtern wegen gezielter Manipulationen der Stickoxidemissionen verantworten muss. Von 42 Beschuldigten werden vorerst fünf vor den Kadi gezerrt. Weitere dürften folgen, daran lässt die Anklagebehörde kaum Zweifel. Sie ermittelt weiter teils gegen idente Personen. Aufzuklären gibt es noch einiges.

Marktmanipulation

Zugedeckt vom Dunst der Dieselaffäre, die 2006 bei der Tochter Audi in Ingolstadt ihren Ausgang nahm, schlummern in Wolfsburg außerdem: Schönung der Kohlendioxidemissionswerte, Marktmanipulation sowie Datenlöschung. Und, nicht zu vergessen: Ermittelt wird auch gegen den aktuellen Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess und den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch – beide gebürtige Österreicher, die es in den vermeintlichen Autoolymp geschafft haben.

Womit klar ist, warum sich der Weltauto-Konzern mit Kommentaren zur Winterkorn-Anklage nobel zurückhielt. Wo sonst wären die Milliardengewinne hergekommen? Sie wurden nicht zuletzt dank Abgasbetrugs kräftig ausgebaut.

Selbst wenn noch weiteren Diesel-Verantwortlichen bei Volkswagen der Prozess gemacht wird und der eine oder andere hinter Gitter wandern sollte: Mehr als eine kurze Genugtuung kann all dies für geprellte Dieselautobesitzer nicht sein. Einzig sie haben den Schaden aus dem unverantwortlichen Vorgehen in ihrer Garage stehen und wurden – anders als die Kunden in den USA – nicht entschädigt, sondern mit einem billigen Software-Update abgespeist. Versagt hat hier die Politik in Berlin, in Niedersachsen – und auch in Wien. Sie fürchtet Arbeitsplatzverluste bei Autoriesen mehr als elf Millionen geschädigte Dieselfahrer.

Auf Gesundheit und Umwelt wird sowieso gepfiffen. (Luise Ungerboeck, 15.4.2019)

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