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13. April 2019, 09:00

Keine Nudeln, kein Brot, nichts Süßes. Mit jedem Bissen ein schlechtes Gewissen. Mir wurde beigebracht, dass essen schlecht ist. Kein Essen ist das beste Essen. So bin ich aufgewachsen. Ich war schlank und sah gut aus, immerhin. Aber gesund war das nicht. Es war gefährlich. Wir mussten jede Woche auf die Waage. Aber niemand hat uns gesagt, wie wir das Gewicht halten können. Uns wurde immer nur gesagt, was wir nicht essen dürfen.

"Ich habe zum Frühstück Kaffee mit Zucker getrunken und nichts gegessen."

Im Ballett geht es darum, leicht zu sein. Die Diät der Tänzerinnen besteht aus Kaffee, Schokolade und Zigaretten. Ich habe als Teenager zum Frühstück Kaffee mit Zucker getrunken und nichts gegessen. Nur um vor einem vierstündigen Training so dünn wie möglich zu sein. Danach war ich so ausgehungert, dass ich mir im Laden ums Eck ein Eis gekauft habe. Zu Hause gönnte ich mir nur Müsli mit Joghurt. Die erste warme Mahlzeit nahm ich am Abend zu mir. Manchmal habe ich im Heißhunger eine Tafel Schokolade verschlungen.

foto: christian fischer
"Ich habe mit vier Jahren angefangen und hatte mit sechs blutige Zehen."

Bei jedem Milchreis nagte das schlechte Gewissen an mir. Wenn eine Kollegin eine Semmel mit Eiaufstrich im Supermarkt bestellte, war ich schockiert. Wie kann sie nur? Salat mit Mais? Fürchterlich, eine Sünde! Es war krank. Diese Gedanken waren krank. Wenn ich alleine war, wollte ich oft nur noch essen. Essen, essen, essen. So viel wie möglich. All you can eat in einem New Yorker Hotel? Ich war dabei!

Sie hat aufgehört zu essen

Ich kenne Frauen, die wurden damals als Teenager magersüchtig, und sie sind es bis heute. Bei einer Freundin hat es mit dem kurzen Satz eines Tanzlehrers angefangen: "Na, du wirst jetzt rund." Sie war damals 14 Jahre alt, am Anfang der Pubertät. Die Bemerkung war für sie das Entsetzlichste. Sie hat einfach aufgehört zu essen und nur noch Wasser getrunken. Mit Worten kann man viel anrichten. Sie war so talentiert, sie hätte noch viel besser werden können.

Ich selbst war kein Opernstar, ich war keine Primaballerina, aber ich habe das Tanzen geliebt. Ich habe mit vier angefangen und hatte mit sechs blutige Zehen. Ich habe für das Ballett gelebt. Ich hatte wenig Kindheit und keine Teenagerjahre. Weggehen war nicht drin. Am Vormittag Training, am Nachmittag Schule und am Abend Dehnungsübungen. Oder ich bin in die Oper gegangen. Das war meine Welt. Ich wollte eine große Tänzerin werden.

Als 16-Jährige wurde ich in den Corps de ballet der Wiener Staatsoper aufgenommen, als erste Schülerin des Wiener Konservatoriums. Das war der größte Moment meines Lebens. Und es war so nicht absehbar. Als Elfjährige bin ich aus der Ballettakademie der Oper geflogen. Es hieß, ich passe mit meinem Stil nicht ins internationale Konzept. Zuvor gab es kein Elterngespräch, keine Hilfe zur Verbesserung. Ich wurde ignoriert und am Ende rausgeschmissen. Für mich und meine Eltern ist eine Welt zusammengebrochen.

"Dann nahm sie ihre langen Nägel und kratzte den Rücken entlang."

Ich hatte die Wahl: weitermachen oder aufhören? Aber Aufgeben war keine ernsthafte Option. So einfach wollte ich mich nicht unterkriegen lassen, ich wechselte ans Konservatorium. Dort war man sofort von mir begeistert. Ich trainierte in den folgenden Jahren härter denn je und entwickelte mich von der schwächsten zur besten Schülerin meiner Altersklasse. Die Choreografin Evelyn Teri förderte mich, sie ließ mich als Jüngere mit den Älteren tanzen. Ich wurde ihr Protegé. Irgendwann lud sie die Verantwortlichen der Staatsoper zum Training ein. Und ich wurde vom Fleck weg engagiert.

foto: christian fischer
"Warum ich nichts gesagt habe? Man sagt als Jugendliche nichts, man ist wie in Trance."

Ballett ist der Drill, den Körper so zu kontrollieren, dass er vollkommen gerade ist. Schulterblätter zurück, Oberkörper gerade! Manchmal lässt man etwas locker. Da geht es mir nicht anders. Ich erinnere mich an eine Lehrerin, der das missfiel. Dann nahm sie ihre langen Nägel, kratzte den Rücken entlang, damit ich meine Schulterblätter runterziehe und den Brustkorb aufmache. Das tat sie bestimmt nicht, um mir zu helfen. Ich bin mit blutigen Kratzern nach Hause gekommen. Ich habe oft geweint.

Warum ich nichts gesagt habe? Man sagt als Jugendliche nichts, man ist wie in Trance. Man will alles tun, um der Lehrerin zu gefallen. Um gelobt zu werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Es ist ein Wettkampf um Anerkennung. Wer ist die Lieblingsschülerin? Innerhalb dieser Welt kommt einem das alles nicht so schrecklich vor, man denkt, dieses Vorgehen sei normal. Aber das ist es nicht. Man kann jemanden korrigieren, ohne Nägel einzusetzen. Aber viele Lehrkräfte haben es selbst nicht anders beigebracht bekommen, sie geben es einfach weiter.

Schreien war die Norm

Meine tiefste Emotion zu dieser Zeit war Angst. Nicht die Angst vor dem Scheitern, sondern die Angst vor den Lehrern, Angst vor dem Schreien, Angst davor, den Platz zu verlieren. Schreien war die Norm, Angst wurde als Methode eingesetzt. Man arbeitete damit, um zu sehen, wer es aushält. Und auf der anderen Seite steht dieses Gefühl der Schwerelosigkeit, für das die Tänzerin lebt. Wie hätte ich loslassen können? Später habe ich mich oft gefragt, warum ich mir das alles überhaupt angetan habe?

Ja, warum das Ganze? Warum der Drill? Wenn man heute die jahrelange Ausbildung absolviert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es an die Oper schafft, trotzdem gering. Kaum jemand schafft den Sprung. Man muss Jugendliche darauf vorbereiten, dass der große Traum von der Primaballerina mit großer Wahrscheinlichkeit platzen wird. Man muss eine realistische Erwartungshaltung schaffen. Selbst wenn man in den Corps de ballet aufrückt, bleibt man an der Oper nur eine Puppe. Man lebt dann als Schneeflocke im Nussknacker oder als Näherin im Sommernachtstraum. Zurück bleiben oft Frustration und Ernüchterung.

"Da ist die große Macht, und wenn du dieser nicht folgst, wirst du bestraft."

Das Ballett in Österreich wird wie dieses alte, russische Ballett unterrichtet: mit Drill und Autorität. Da ist die große Macht, und wenn du dieser nicht folgst, wirst du bestraft. Dann wirst du unter Druck gesetzt. Dann wirst du rausgeschmissen. Dann wirst du gemobbt. So war es damals, und wenn ich die aktuellen Zeitungsartikel lese, hat sich bis heute nicht viel verändert. Ich freue mich, dass das endlich thematisiert wird. Da muss ordentlich aufgeräumt werden. Es wird Disziplin gefordert, ohne dass im Gegenzug Respekt gezeigt wird. Man kann gleichzeitig fordern und unterstützen. Dass das möglich ist, sehen wir im Spitzensport, wo teilweise mit modernen Methoden gearbeitet wird.

foto: privat
Die junge Verena Primus hat etwas von der Welt zu sehen bekommen. Aber auch oft Frust erlitten.

Das Training einer Tänzerin gleicht dem einer Hochleistungssportlerin. Genauso belastend für den Körper und mental genauso fordernd. Neben der Schule vier bis fünf Stunden Trainingseinheiten, dazu Proben am Abend, Proben am Wochenende. Nur wird die Tänzerin nicht wie eine Hochleistungssportlerin betreut. Es fehlt das zeitgemäße Coaching. Wie kann man Verletzungen vorbeugen? Wie ernährt man sich, um die optimale Leistung zu bringen? Wie atmet man, um das Training durchzuhalten? Wie wird man mental stark? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Eine Lehre fürs Leben

Natürlich hatte meine Zeit im Ballett auch ihre positiven Seiten: So jung ein Ziel zu haben und Disziplin zu entwickeln ist eine Lehre fürs Leben. Das hat mir später in vielen Bereichen geholfen, dafür bin ich dankbar. Man erlebt viel, ich bin herumgekommen. Ich habe in Japan Vorstellungen gegeben, habe etwas von der Welt zu sehen bekommen.

Manchmal träume ich noch von der Staatsoper. Dass man mir eine größere Chance gibt. Ich bin am Ende untergegangen, ich war zu jung, ich hätte mehr Unterstützung gebraucht. Als 16-Jährige auf der Bühne zu stehen war nicht immer einfach. Darauf wurde ich nicht vorbereitet. Ich war nicht reif genug, zu naiv. Ich wurde immer unsicherer, immer schlechter. Als ich 18 war, wurde ich an der Oper in ein Stübchen zitiert: Du hast keine Musikalität, kein Talent, hör doch auf, haben sie gesagt. Warum willst du eigentlich tanzen? Mir ist nur eine Antwort eingefallen: weil ich es liebe. (Zugehört und aufgezeichnet: Philip Bauer; Fotos: Christian Fischer, 13.4.2019)