In 60 Sekunden zum Blechsalat: Wo Autos zu Schrott werden

    Video13. April 2019, 14:00
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    Viele Altautos aus Österreich landen im Ausland. Der Rest wird in heimischen Schredderanlagen zerteilt, so manchem wird da nachgeweint

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    Die Schredderanlage von Müller-Guttenbrunn im Video

    Guten Tag, ich will Ihr Auto kaufen." Wer kennt sie nicht, die frohen Botschaften, die unter den Scheibenwischern nicht mehr ganz jugendlicher Pkws zu finden sind? Wer dem Aufruf folgt, erhält für sein Altauto meist einen niedrigen dreistelligen Eurobetrag – bar auf die Hand. Rund 220.000 Pkws – das entspricht acht von zehn Altautos – verlassen Österreich jedes Jahr auf diesem Weg, wie der Verband österreichischer Entsorgungsbetriebe (Voeb) vorrechnet. Der Großteil davon landet – meist illegal – in Osteuropa oder afrikanischen Staaten.

    Der Rest an abgemeldeten Autos findet sein Lebensende in einer von sechs heimischen Schredderanlagen. Eine davon, das Recyclingunternehmen Müller-Guttenbrunn, befindet sich im Osten von Amstetten in Niederösterreich. Knapp 12.000 Autos werden pro Jahr in der Anlage und für die Wiederverwertung zerteilt.

    "So ein Auto geht durch wie Butter", sagt Philipp Felber, der bei MüGu, wie der Betrieb intern genannt wird, für Qualitäts- und Umweltmanagement verantwortlich ist. Der stämmige Mann mit freundlichem Lächeln zeigt auf den riesigen Schredder. Dieser ist als solche kaum zu erkennen: Hinter grauen und grünen Metallplatten werden die Autos zerkleinert. 60 Sekunden dauert es, bis ein ganzes Auto geschreddert wird, sagt Felber und grinst.

    Von außen ist der Prozess nicht zu sehen – und auch kaum zu hören: Der Schredderanker, der die Autos mit 16 Hämmern bearbeitet, werkt hinter einer Lärmschutzvorrichtung. Mit 750 Umdrehungen pro Minute zertrümmern die Hämmer, die aufgrund der großen Abnutzung regelmäßig ausgetauscht werden müssen, die Autos in handgroße Teile.

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    Knapp 12.000 Autos werden pro Jahr in der Anlagen von Müller-Guttenbrunn für die Wiederverwertung zerteilt.

    Das Schreddern selbst ist eigentlich erst ein späterer Schritt. Der Anfang vom Ende der Autos beginnt für MüGu-Kunden auf der Waage. Je nach Tagespreis – da will sich das Unternehmen nicht so genau festlegen – bekommen Kunden zwischen 30 und 50 Euro pro Tonne. Fehlen Motor oder Getriebe, erhalten die Noch-Autobesitzer entsprechend weniger Geld. "Früher musste man dafür zahlen", sagt Felber. In der Bevölkerung gebe es kaum Bewusstsein dafür, dass man Altautos zum Händler zurückbringen oder eben zerkleinern lassen kann. Das würde den Schwarzmarkt anfeuern, heißt es bei Müller-Guttenbrunn.

    Im nächsten Schritt werden Sessel und Flüssigkeiten aus dem Auto ausgebaut und abgesaugt. Dabei wird alles, was nicht geschreddert werden soll, aus dem Auto entfernt. Ob dabei auch Skurriles zutage kommt? Einmal hätte man einen Karton voller Katzenbabys am Rücksitz eines Autos entdeckt, sagt Felber.

    nora laufer
    Der Schrotthaufen ist das Ende, davor geht es an die Trockenlegung. Da kommt schon auch Merkwürdiges daher.

    Nach der "Trockenlegung" des Autos und nachdem die inneren Bestandteile entfernt wurden, beginnt der etwas martialische Prozess der Zerlegung. Ein Kran mit fünf Greifzangen schnappt sich das Fahrzeug, dreht es auf den Rücken und reißt den Tank aus der Karosserie heraus. Anschließend greift sich der Stahlarm das übrige Auto und drückt es noch ein wenig flach, bevor es in der Schreddermaschine landet.

    Geht es nach dem Verband österreichischer Versorgungsbetriebe, sollten im Idealfall alle Altautos so weiterverwertet werden, statt im Ausland zu "verschwinden", sagt Voeb-Niederösterreich-Vorstand Stefan Tollinger. "Da gehört mehr darauf geschaut." Der heimischen Industrie würden so Tonnen an Rohstoffen entgehen, die Autos früher oder später in afrikanischen Staaten verrosten.

    nora laufer
    Nicht mit allem hat man hier seine Freude. Denn Elektroschrott brennt "wie ein Christbaum".

    Bei Müller-Guttenbrunn steht jedenfalls nicht nur Fahrzeugen ein brutales Schicksal bevor. Viele Elektrokleingeräte landen im "Smasher". Dieser hebt Teile hoch und lässt sie aus gut drei Meter Höhe auf den Boden krachen. So löst sich die Hülle der Geräte, erklärt Felber. In dem Betrieb stapeln sich haushohe Berge an Staubsaugern, Waschmaschinen, Computern und Fernsehern. Der Elektroschrott wird mit dem Zug zur Anlage an der Westbahn gebracht, die Schienen verlaufen direkt in das Gelände. "Wer in Wien eine Waschmaschine wegschmeißt, kann sie hier wiederfinden", sagt Felber.

    Dennoch hat der Betrieb nicht mit allen Altgeräten eine Freude: Die immer häufiger eingesetzten Lithium-Ionen-Akkus bereiten den Anlagenbetreibern Kopfzerbrechen. Die Akkus können sich auch im entladenen Zustand selbst in Brand setzen, was vor allem dann gefährlich ist, wenn ein Brand im Inneren des Geräteberges entsteht: "Elektroschrott brennt wie ein Christbaum", sagt Felber. Das Unternehmen hat erst vor wenigen Tagen einen vollautomatischen Löschroboter installiert, der selbstständig Brände erkennen kann.

    Dass die Altwaren – egal ob Auto, elektrische Zahnbürste oder Herd – in Einzelteile zerlegt werden, ist wichtig. Nur so können die Komponenten recycelt werden, erklärt der MüGu-Mitarbeiter. Bei Autos betrage die Gesamtverwertungsquote etwa 95 Prozent, nur fünf Prozent landen auf der Deponie. Metalle werden entweder an Schmelzwerke oder Hütten geliefert, organische und mineralische Bestandteile werden zu Energie. Dazu zählten die Babykatzen nicht – sie wurden in letzter Sekunde gerettet. Ob es dem Qualitätsmanager manchmal um Autos leidtut? "Natürlich", sagt Felber und fügt hinzu: "Vor allem um Audis." Gerettet hat er aber noch keines: "Altauto bleibt Altauto." (Nora Laufer, 14.4.2019)

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