Stefan Petzner bei "Dancing Stars": Jeder Schritt ein Tritt

    12. April 2019, 17:25
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    Er hat weder Rhythmus noch Takt, kann nicht tanzen und ist sehr vielen sehr suspekt. Und welcher böse Bub in seine Tanzstiefel schlüpfen könnte

    Um zu verstehen, was mit den Österreichern los ist, wenn sie Stefan Petzner beim Tanzen sehen, sollte man vielleicht Mediziner befragen. Oder noch besser: die Hirnforscher. Denn irgendwas muss los sein mit diesem Land und seinen Fernsehzuschauern, man muss jetzt gar nicht Karina Sarkissova sein, um sich zu fragen, was es da hat.

    Also: Wenn Petzner auftritt, dann ist das laut Hirnforschung ein Fall für den cingulären Cortex, einen kleinen Teil der Vorderhirnrinde. Von dort, direkt hinter den Augen, werden dann kleine elektrische Signale ans Mittelhirn gesendet. Das gefällt uns, denn gleich daneben, im Nucleus accumbens, dem Belohnungszentrum des Hirns, hat mit den ersten Tönen ebenfalls der Partybetrieb begonnen. In einer Tour wird Dopamin ausgeschüttet, ein überaus anregender Neurotransmitter. Dopamin sorgt dafür, dass uns etwas gefällt, es hat nur eine Schwäche: Es macht uns süchtig, ähnlich wie Glücksspiel oder Kokain. Und das bedeutet: Wir können fast nicht anders als zum Telefon zu greifen und das Drama in die nächste Runde zu voten.

    Schadenfreude

    Würde Petzner wirklich tanzen können, die Sache wäre nicht einmal halb so lustig. Wir wollen die Peinlichkeit sehen, es ist ein bisschen so wie früher bei Ups! Die Pannenshow oder Hoppala oder wenn wir heute dem "Jerry of the Day" auf Instagram folgen, weil wir täglich sehen wollen, wie jemand beim Skifahren auf die Nase fällt. Petzner wird zum Dancing Star, weil wir so etwas wie Schadenfreude empfinden. Ihn beim Scheitern zuzusehen ist ein noch größerer Trigger des Trash-Fernsehens als der Ekel, der uns beim Dschungelcamp überfällt, oder die voyeuristischen Gefühle und das Fremdschämen bei The Bachelor. "Wenn man Menschen beim Scheitern zusieht, fühlt man sich nach dem Ausschalten besser. Für einen Moment sind die eigenen Probleme vergessen", sagt Katrin Döveling, Medienwissenschafterin an der Hochschule Darmstadt. Und ja, Petzner scheitert Woche für Woche so verlässlich und spektakulär, dass alles relativ wird.

    Was auch immer in unserem Leben los war, es war nicht schlimmer als die Rumba für Petzner. Und wir haben nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei, weil Petzner ja offensichtlich selbst Spaß daran hat. Es ist also eine gute, unschuldige Schadenfreude, für die man sich nicht genieren muss.

    Je mehr Ablehnung, desto größer ist die Freude

    Dass Petzner, der ehemalige Pressesprecher von Jörg Haider und Erfinder einiger übler Slogans wie "Kärnten wird Tschetschenen-frei", vor der Show für die meisten alles andere als ein Sympathieträger war, hilft ihm skurrilerweise. Denn laut den beiden Hirnforschern Tania Singer und Klaas Enno Stephan vom Max-Planck-Institut in München amüsiert uns nicht jedes Unglück, das anderen widerfährt, gleich. In ihrem Standardwerk Dem Gehirn bei der Arbeit zusehen geben sie an, dass es entscheidend ist, wie wir diese Person bewerten. Je mehr Ablehnung wir gegenüber den Leidtragenden empfinden, desto größer ist die Freude über das widerfahrene Unglück. Also: Wenn Ungustln gegen die Tür rennen oder beim Walzer über die eigenen Füße stolpern, dann lachen wir lauter. Wenn man so will, dann ist das der zweite Teil von Petzners Erfolg.

    Zumindest mittelfristig ist das allerdings gefährlich: Denn wenn jemand zu oft stolpert, dann bekommen wir irgendwann mal Mitleid mit ihm und wollen sein Martyrium beenden. Im Falle von Dancing Stars wird das für das Opfer vielleicht sogar schlecht. Aber die nächste Staffel kommt bestimmt.

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    Vorschlag: Böse Buben, die in Petzners Tanzstiefel schlüpfen könnten

    Ein ORF-Star, ein ehemaliger ÖSV-Athlet, eine Societygröße, ein Abgesandter der Hochkultur, der gegen ein paar Euro ins Unterhaltungsgenre wechselt (und dort meist früh rausfliegt): Die Zusammensetzung der Kandidaten von "Dancing Stars" folgt seit Jahren einem fixen Rezept. Relativ neu ist der Typus des bösen, polarisierenden Buben, dem man beim Scheitern zusehen kann.

    foto: der plankenauer

    MICHAEL JEANNÉE

    "Krone"-Journalist

    WARUM: Hat traditionellerweise einen hohen Hang zu Taktlosigkeit bei gleichzeitiger penetranter Selbstdarstellung – und er kommt auch gerne außer Tritt. Große Geschwindigkeiten sind allerdings nicht seines, deswegen empfiehlt sich zum Einstieg bei Dancing Stars ein (sehr) lang samer Walzer.

    SONG FÜR DIE 1. FOLGE: Heidschi bumbeidschi, Volksweise

    TANZ: langsamer Walzer

    WAHRSCHEINLICHKEIT: Vier von fünf Sterne

    foto: apa/georg hochmuth

    GERNOT BLÜMEL

    Medienminister

    WARUM: Hat mittlerweile mehr ORF-Auftritte als Peter Filzmaier, Thomas Hofer und Ex-Dancing-Star Claudia Reiterer, er kommt in den Infosendungen genauso vor wie in der Unterhaltung, Dancing-Stars wäre ein nettes Add-on. Und als ehemaliger Klosterschüler hat er ziemlich sicher eine ähnliche Körperspannung wie Stefan Petzner.

    SONG FÜR DIE 1. FOLGE: Ghetto Gospel, 2Pac

    TANZ: Foxtrott

    WAHRSCHEINLICHKEIT: Ein Stern von fünf

    foto: heribert corn

    STEFAN MAIERHOFER

    Ex-Nationalkicker

    WARUM: Hat gerade seine Fußballkarriere im Nationalteam beendet, in der er gut polarisiert und sich immer zur Hassfigur der gegnerischen Fans stilisiert hat. Dass der "Major" ein Bewegungstalent von Petzners Gnaden hat, beweist er in mehreren Youtube-Compilations (z. B. Maierhofer vs. Litauen). Und wenn er etwas als Fremdkörper erkannt hat, dann stößt er es meistens ab.

    SONG FÜR DIE 1. FOLGE: Ich Steine, du Steine, Peter Fox

    TANZ: Blues

    WAHRSCHEINLICHKEIT: Fünf von fünf Sterne

    foto: apa/hans punz

    PETER GOLDGRUBER

    Oberster Polizist

    WARUM: Der Generalsekretär des Innenministeriums hat ein Faible für Pailletten, Glitzer und fantasiereiche Bekleidungen. Eine weitere Qualifikation für den Ballroom: Er führt gerne. Manko:_Manchmal verheddert er sich dabei.

    SONG FÜR DIE 1. FOLGE: Steh auf, wenn du auf Zwerge stehst, Otto Waalkes

    TANZ: Quickstepp

    WAHRSCHEINLICHKEIT: Zwei von fünf Sterne

    foto: apa/hans klaus techt

    RENÉ BENKO

    Investor

    WARUM: Man weiß nie genau, was Benko als Nächstes kauft, und nach dem geplanten Einstieg bei Krone und Kurier wäre eigentlich der ORF der nächste logische Schritt. Anders als die meisten Investoren kommt Benko aber traditionellerweise zunächst als Freund. Hier also in den Ballroom.

    SONG FÜR DIE 1. FOLGE: Als gewiefter Stratege hat er immer zwei Optionen offen, deswegen: Troublemaker, Akon

    TANZ: Cha-Cha-Cha

    ALTERNATIV-SONG: My Way, Frank Sinatra

    TANZ: Rumba

    WAHRSCHEINLICHKEIT: Ein Stern von fünf

    foto: reuters/lisi niesner

    MARTIN SELLNER

    Student

    WARUM: Imagewerte wie Stefan Petzner zu seiner schlimmsten Zeit, in Videos manchmal genauso nah am Wasser gebaut wie dieser am 12. Oktober 2008 – und man weiß nicht, wozu er wirklich fähig ist. Solange er für Dancing Stars trainiert, kann er aber immerhin rund um die Uhr überwacht werden.

    SONG FÜR DIE 1. FOLGE: Folsom Prison Blues, Johnny Cash

    TANZ: Blues

    WAHRSCHEINLICHKEIT: Kommt auf die Zusammensetzung der nächsten ORF-Führung an. (Markus Huber, 12.4.2019)

    • ORF-Tanzpaar: Roswitha Wieland und Stefan Petzner.
      foto: orf/roman zach-kiesling

      ORF-Tanzpaar: Roswitha Wieland und Stefan Petzner.

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