Sasa Stanisics neues Buch: "Herkunft" als Zufall

    16. April 2019, 12:00
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    Sasa Stanisic hat mit "Herkunft" ein vielschichtiges Buch über Flucht, seinen Weg nach Deutschland und den Zauber der Literatur geschrieben

    "Ich bin ein Gemisch. Ich bin ein Halbhalb. Ich bin Jugoslawien – ich zerfalle also", schrieb Sasa Stanisic vor 13 Jahren in seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert, in dem sich ein bosnischer Flüchtlingsjunge in Deutschland seine ehemalige Heimat zusammenfabuliert.

    Es geht in dem in 30 Sprachen übersetzten Roman des 1978 geborenen Autors indes nicht nur um Flucht und Herkunft, sondern vor allem um das Trostpotenzial von Literatur und die Magie, die dem Erzählen von Geschichten innewohnt.

    Das Buch wurde zu einem Erfolg, auch durch Stanisics eigenen, zurückhaltenden Ton, der es ihm ermöglicht, auf federleichte Weise vom Tragischen zu sprechen. Diesem Ton ist der Autor treu geblieben. Auch in seinem zweiten Roman Vor dem Fest (2014), der in der ostdeutschen Provinz spielt. Es gibt darin einen markanten Satz, der von Ovid, einem Exilanten, stammt: "Dem Starken ist jeder Ort Heimat."

    Diese Behauptung hinterfragte Stanisic, der 1992 mit seinen Eltern aus dem von serbischen Truppen beschossenen Visegrad nach Deutschland floh, schon in Vor dem Fest. Nun, in seinem neuen Buch Herkunft, tut er es erst recht. Selten ist in dem in kurze, episodische Kapitel gegliederten Buch, man kann es als Essay ebenso lesen wie als eine (Lebens-)Erzählung, von Heimat die Rede.

    Differenzierte Betrachtung

    Und wenn Stanisic dieses Signalwort, das die Politik so gern verwendet, einmal erwähnt, dann ausschließlich im Zusammenhang mit Menschen. Mit Dr. Heimat zum Beispiel, einem Zahnarzt, dem der Junge in Heidelberg oft auf der Straße begegnete. Irgendwann entdeckte dieser Dr. Heimat die Apokalypse im Mund des Jungen und richtete ihm die Zähne, obwohl der Kleine über keine Krankenversicherung verfügte. Dr. Heimat behandelte übrigens auch somalische Karies, deutsche selbstverständlich auch.

    Und Herkunft? Sie ist nach Stanisic nur einer von vielen Zufällen, die das Leben bestimmten. Herkunft, so Stanisic, bleibt, wie man es auch dreht, "ein Konstrukt: eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das (...) Vorteile und Privilegien verschafft."

    Das Buch ist in keinerlei Weise darauf angelegt, den Begriffen "Heimat" oder "Herkunft" ihre Berechtigung abzusprechen, vielmehr werden sie einer differenzierten Betrachtung unterzogen. Stanisic geht es nicht darum, theoretische Reflexionen anzustellen, er misst die Begriffe am eigenen Leben und tut das, was er am besten kann. Er erzählt.

    Etwa von der muslimisch-bosniakischen Mutter und dem serbischstämmigen Vater, den Großeltern, vor allem aber von den Großmüttern Kristina und Nena Mejrema. Die eine wusste immer, was ihm fehlt, die andere verstand es, aus Nierenbohnen die Zukunft zu lesen. Auch das abgelegene Dorf, aus dem die "Drachenbrüder Stanisic" stammen, besucht er.

    Die ersten 14 Jahre, und das ist nur einer der Kunstgriffe dieses Buches, die Stanisic in Visegrad verbrachte, spielen kaum eine Rolle. Und wenn, dann im Zusammenhang mit Sport. Mit Roter Stern Belgrad etwa, dem Lieblingsklub des Jungen. Auf der Flucht aus dem von Serben belagerten Visegrad wird er den Schal des serbischen Fußballklubs tragen.

    Wacher Nationalismus

    Der Hauptteil von Herkunft spielt nicht in Ex-Jugoslawien, einem Land, das Stanisic mit wenigen Sätze umreißt – "Der Sozialismus war müde, der Nationalismus wach. Fahnen, jeder eine eigene im Wind, und in den Köpfen die Frage: Was bist du?"-, sondern in Heidelberg.

    Dort besuchte Stanisic Integrationsklassen, lernte Deutsch, während die Eltern in prekären Jobs schufteten, der Vater als studierter Wirtschaftswissenschafter auf dem Bau, die Mutter in einer Wäscherei, was beide an die Ränder des "sozialen und körperlich ertragbaren Lebens" führte. Später werden ihre Aufenthaltsbewilligungen nicht verlängert, die des Jungen schon. Die Eltern wandern in die USA aus, er bleibt -und wird Schriftsteller.

    Einer der Anstöße zu dem Buch und der zeitweiligen Rückkehr in das Herkunftsland des Erzählers ist die Demenzerkrankung der Großmutter: "Als meine Großmutter Kristina Erinnerungen zu verlieren begann, begann ich, Erinnerungen zu sammeln."

    Erinnerung im literarischen Sinn ist Wertarbeit, im Gegensatz zum Gedächtnis, wählt sie aus, passt an, wertet. Zu trauen ist ihr daher nicht, das weiß auch Stanisic, der schreibt: "Ich habe das Betrügerische der Erinnerung satt und das Betrügerische der Fiktion auch."

    Nie ist Herkunft wehleidig oder plakativ, das Buch schönt indes auch nicht die Zustände in Ex-Jugoslawien oder Europa. Kurz nur blendet Stanisic nach Rostock, wo 1992, im Jahr seiner Ankunft, ein Asylantenheim mit Molotowcocktails beworfen wurde.

    Der Junge wird im Atlas nachschauen, wo der Ort liegt. Als Kind liebte er die Choose Your Own Adventure-Jugendbücher, in denen man sich als Leser für verschiedene Handlungsabläufe entscheiden kann. Mit so einer Geschichte, die einem die Wahl der Entscheidung lässt, endet Herkunft. Es geht in ihr um eine Großmutter, die ihren Mann sucht, um das Abenteuer des Lebens und den feuerspeienden Drachen der Erinnerung. Stanisic hält ihn mit seinen Büchern am Leben. (Stefan Gmünder, ALBUM, 13.4.2019)

    cover: luchterhand

    Sasa Stanisic, "Herkunft". 22,70 Euro / 355 Seiten. Luchterhand-Verlag, München 2019

    • Herkunft als der erste von vielen Zufällen, die das Leben bestimmen: Sasa Stanisic.
      foto: imago / future image / christoph hardt

      Herkunft als der erste von vielen Zufällen, die das Leben bestimmen: Sasa Stanisic.

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