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15. April 2019, 06:00

Keine Panik!

Dreitausend vermisste Kinder, die sich verlaufen hatten oder verschleppt oder entführt worden waren und über Wochen, Monate oder Jahre von ihren Familien getrennt gewesen waren, wurden vergangenes Jahr in Indien innerhalb weniger Tage wiedergefunden – dank einer neuen Gesichtserkennungssoftware. Dabei wurden Fotos von 60.000 vermissten Kindern, die in der staatlichen Datenbank namens Trackchild gespeichert waren, mit 45.000 Fotos unbekannter Waisenkinder in indischen Heimen abgeglichen. Der Oberste Gerichtshof gab grünes Licht für die Testphase – und der Erfolg war überwältigend.

Familienzusammenführungen zählen zu den spektakulärsten Anwendungen von Gesichtserkennung. In der Regel wird sie millionenfach für wesentlich banalere Dinge eingesetzt: Um Smartphones zu entsperren etwa – mittels der 30.000 Infrarotpunkte, die Apple zum Gesichtsabgleich nutzt. Das spart Zeit und ist viel sicherer als Codes aus Buchstaben und Zahlen. Und man muss sich im Winter dafür nicht die Handschuhe ausziehen.

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Apple speichert laut eigenen Angaben lediglich eine mathematische Interpretation des Gesichts.

Komfort trifft Sicherheit

Menschen auf der ganzen Welt schätzen diesen Komfort – vor allem dann, wenn er auch Sicherheit bringt. Das tut er – schließlich existiert kein Gesicht zweimal. Das weiß man auch bei Facebook, wo seit neun Jahren jedes Gesicht ("face") wie in einem Buch ("book") katalogisiert wird, um Freunde auf Bildern zu verlinken. Diese Technologie diene vor allem dazu, die persönliche Sicherheit zu erhöhen und die Privatsphäre zu schützen, sagt Facebook-Sprecher Klaus Gorny zum STANDARD. Auf diese Weise könne die Software User etwa warnen, wenn ein Bild von ihnen ohne Markierung hochgeladen wird. Unliebsame Schnappschüsse können leichter gelöscht und Menschen, die sich als jemand anderer ausgeben, rascher gemeldet werden. Wer nicht möchte, dass Facebook die Gesichtserkennung bei ihm einsetzt, kann sie übrigens in den Privatsphäreeinstellungen relativ einfach deaktivieren.

In China lassen sich in einigen Bankfilialen bereits per "facial recognition" Bankkonten eröffnen. In Asien kann man immer öfter auch bargeldlos mittels Gesichtserkennung bezahlen, was Taschendiebe weniger freuen dürfte. Und Fastfood-Ketten arbeiten bereits daran, Kunden bei der Bestellung am Automaten wiederzuerkennen. Das Lieblingsmenü ist so noch "faster" zusammengestellt.

Kein Glücksspiel auf der Couch

Der Gesundheit eher zuträglich sind jene Anwendungen von Gesichtserkennung, die Einschlafen am Steuer verhindern sollen – indem der Fahrerin oder dem Fahrer rechtzeitig kalte Luft ins Gesicht geblasen, das Radio lauter gedreht oder auf die nächste Raststätte verwiesen wird. Und Mediziner arbeiten aktuell daran, mithilfe von Gesichtsscans bestimmte Erstdiagnosen samt passender Therapie zu erstellen. Um Spielsucht einzudämmen und Spielsüchtige erst gar nicht mehr in Kasinos zu lassen, setzen asiatische Länder schon jetzt Spezialkameras ein. Die Technik könnte demnächst auf Smartphones ausgeweitet werden, um auch das "kleine Glücksspiel" auf der Couch für bestimmte Personengruppen zu unterbinden.

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An Gesichtserkennungssoftware an Flughäfen hat man sich mittlerweile schon fast gewöhnt.

Auch bei Fahndungen wird Software zur Gesichtserkennung erfolgreich eingesetzt. Der Bildabgleich mit Datenbanken geht heute rasend schnell. Auch in Österreich will man nach Abschluss des Feintunings im Spätherbst eine Gesichtserkennungssoftware ausrollen, bestätigt der Bundeskriminalamtssprecher Vincenz Kriegs-Au dem STANDARD. Die Software will man freilich nur nachgelagert bei akuten Verdachtsmomenten einsetzen.

In anderen Staaten könnten mögliche Attentäter in Zukunft bereits vor ihren Taten erkannt werden. Die dafür nötigen Kameras und Technologien sind bereits so fortgeschritten, dass sie kleinste Veränderungen der Pupillen und nervöse Bewegungen wahrnehmen, potenzielle "Gefährder" erfassen und für die Behörden kennzeichnen. Dieselbe – ebenfalls äußerst umstrittene – Technologie wird bereits an Grenzübergängen und Flughäfen eingesetzt, um Schmuggel zu verhindern und nach international gesuchten Verbrechern zu fahnden.


Mehr Panik!

Das Mantra im Silicon Valley lautet "Move fast and break things". Es lässt sich etwa so übersetzen: Handle schnell und riskiere, dass dabei etwas zu Bruch geht. Umso bemerkenswerter ist die Warnung, die Microsoft-Präsident Brad Smith in Bezug auf Gesichtserkennung ausspricht: "Wenn wir mit dieser Technologie zu schnell sind, könnte es sein, dass wir fundamentale Menschenrechte verletzen." Es muss schon etwas sehr Spezielles mit der Gesichtserkennung auf sich haben, wenn selbst führende Köpfe der Tech-Branche um die Menschenrechte bangen. Dabei hätte es jedem von Beginn an klar gewesen sein müssen, dass das Recht auf Privatsphäre durch die allgegenwärtige Auswertung von Gesichtern und Mimik gefährdet ist.

foto: apa/afp/nicolas asfouri
Das Sortiment ist groß, die Liste an Bestellungen lang.

Dass heute so laut nach mehr Regulierung im Bereich der Gesichtserkennung durch Tech-Giganten gerufen wird, liegt vor allem daran, dass auch Staaten die Technologie missbrauchen können. Als abschreckendstes Beispiel gilt heute China: Die Volksrepublik soll Schätzungen zufolge ihre Armada an Überwachungskameras in den nächsten Jahren auf mehr als 500 Millionen Stück verdreifachen. Für zusätzliche Spionagesoftware will das Land laut Staatsmedien künftig rund 30 Milliarden Dollar ausgeben. Das unausgesprochene Ziel der chinesischen Führung scheint klar: Verhaltenssteuerung durch totale Überwachung.

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Wer bei Rot über die Ampel geht, wird an den digitalen Pranger gestellt.

Als "Motivation" zur Gesetzestreue werden heute in manchen Städten Chinas etwa die Gesichter von Menschen, die soeben bei roter Ampel über die Straße gegangen sind, zum Zwecke des Anprangerns riesengroß auf LED-Leinwände projiziert. Im Westen des Landes werden unliebsame Bevölkerungsgruppen wie die muslimischen Uiguren buchstäblich rund um die Uhr überwacht – sogar beim Beten in der Moschee.

Gut versteckt ist nur die Einwilligung

Doch auch in Europa und den USA ist Dauerüberwachung des öffentlichen Raums im Kommen. Im letzten Jahr wollten Passagiere der Londoner U-Bahn nicht akzeptieren, gefilmt zu werden, und verdeckten ihre Gesichter. Sie wurden angehalten und behördlich befragt. Nicht jeder sei automatisch verdächtig, der sein Gesicht verbirgt, hieß es seitens der Londoner Polizei. Doch die Ordnungshüter seien angehalten, ihr "Gespür" einzusetzen. Im Klartext: Wer verdächtig erscheint, wird kontrolliert.

In Wiens U-Bahn-Netz gibt es derzeit rund 2500 Überwachungskameras. Gesichtserkennungssoftware werde nicht eingesetzt, sagt der Wiener-Linien-Sprecher Christoph Heshmatpour. Über digitale Unterstützung denke man zwar nach, konkret geplant sei bis auf weiteres allerdings nichts. Auch beim österreichischen Bundeskriminalamt betont man, dass die aktuelle Gesetzeslage den permanenten Einsatz von Gesichtserkennung im öffentlichen Raum derzeit gar nicht zulasse.

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China ist der Vorreiter auf dem Gebiet der "facial recognition".

In China fand die permanente Überwachung nach anfänglicher Skepsis erstaunlich schnell Anklang in der Bevölkerung – denn sie wurde mit einem Mehr an Sicherheit und Komfort beworben. Vor 30 Jahren hätten es wohl wenige von uns für möglich gehalten, dass wir irgendwann einer profitorientierten Firma permanent freiwillig Gesichtsscans übermitteln – um ein Telefon zu entsperren. Doch der lockere Umgang mit dem eigenen Antlitz und den persönlichen Daten ist heute auch deshalb bedenklich, weil Cyber- und Phishingattacken rasant zunehmen. Kriminellen reichen oft wenige Pixel, um ein vollständiges Bild einer Person für den Identitätsklau zu erzeugen. Böswillige Hacker dürften sich daher künftig verstärkt für Datenbanken für Gesichtserkennungssoftware interessieren.

Viele Menschen wissen gar nicht, wie oft ihr Gesicht heute gescannt wird. Auch dann nicht, wenn sie der Gesichtserkennung selbst zugestimmt haben – denn die Einwilligung dazu versteckt sich mitunter gut in den AGBs diverser Apps. Im Rennen ums Milliardengeschäft wollen Entwickler die beste Technologie und benötigen dafür ein möglichst breites Bild der Bevölkerung. Dafür brauchen sie millionenfach Bilder. Bisherige Anwendungen schwächelten noch beim Erkennen dunkelhäutiger Menschen. Derweil sagt die Freiheit leise Servus. (Fabian Sommavilla, 15.4.2019)

Titelfotocredit: Getty Images/iStockphoto

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