Aus Holz oder Stahl: Fahrräder made in Austria

    29. April 2019, 14:00
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    Traun statt Taiwan, Kärnten statt Kambodscha: Es gibt sie noch, die Fahrräder, die hierzulande gefertigt werden

    Der Holzesel für Individualisten

    Was für die Skiproduktion taugt, ist für den Fahrradbau gerade gut genug. Zwei Oberösterreicher fräsen Bikes aus Holz, die auch für Weltrekorde taugen sollen.

    foto: hersteller

    Probleme sind zum Lösen da, lautet die Maxime des Architekten Christoph Fraundorfer (35). In seinem Fall war das die stattliche Körpergröße von 1,95 Metern. Als solcher Lackel fand der begeisterte Radler einfach kein für ihn passendes Bike. Immer zwickte oder zwackte es nach einer ausgedehnten Runde. Zusammen mit Heinz Mayrhofer (41), seines Zeichen ehemaliger Chefentwickler beim Skihersteller Fischer, entstand die Idee, selbst ein Rad zu bauen. Man beschloss, dabei auf den Werkstoff Holz zu setzen.

    "Es bringt die nötige Steifigkeit, vergleichbar mit Aluminium oder Carbon, dämpft aber zugleich Vibrationen ganz hervorragend", erklärt Fraundorfer. Für ihre Räder namens "My Esel" nutzen sie einen Leichtholzverbund, der um einen Holzkern aus Birke aufgebaut wird. Das dabei verwendete Harzklebesystem hat sich im Skisport über Jahrzehnte bewährt, sollte also auch für Fahrräder taugen.

    Auch als Rennrad

    Für die äußeren Holzschichten setzen die Radlkonstrukteure auf langlebige Kernesche oder Walnuss. Die Holzkonstruktion wird statisch optimiert und innen hohlgefräst. Das spart einerseits Gewicht und ermöglicht andererseits die Verlegung der Bremszüge im Rahmen selbst. Um den "My Esel", auf den es fünf Jahre Garantie gibt, vor Verwitterung zu schützen, kommt eine vierschichtige Lackkomposition zum Einsatz.

    Wer will, kann sich seinen Esel auf den Leib schneidern lassen. "Wir benötigen nur die Körper- sowie die Schuhgröße und die Länge des Unterschenkels. Den Rest berechnet die Software unter Berücksichtigung tausender Vergleichsdaten", erklärt Fraundorfer. Neben dem klassischen Tourenrad ab 1.900 Euro gibt es die Holzbikes auch als Crosscountry-Variante für 2.490 Euro oder sogar als E-Bikes ab 3.390 Euro.

    Besonders stolz sind die Firmenchefs auf ihr Holzrennrad, für das nun sogar zwei Teamfahrer angeheuert wurden. Die sollen zeigen, was in den Eseln steckt. Extremradler Stefan Wagner wird heuer einen Weltrekordversuch auf Holz starten. Es geht darum, bei 3.000 Runden auf der Bahn eine möglichst hohe Durchschnittsgeschwindigkeit zu erreichen. Und Teamradlerin Anke Heinicke wird mit dem Holzbike künftig bei offiziellen UCI-Wettkämpfen antreten.

    my-esel.com

    Heinz Mayrhofer (li.) und Christoph Fraundorfer schneidern einem das Bike auch auf den Leib.

    Konstrukteur aus Leidenschaft

    Vom Bambusbike bis zum Staubsaugerrad: In einem Innsbrucker Luftschutzbunker setzt Rainos Bikes schräge Ideen in fahrbare Praxis um.

    foto: hersteller

    Ursprünglich kommt Rainer Babinetz (51) vom Modellbau. Doch weil er zugleich auch passionierter Radler ist, hat er beide Leidenschaften irgendwann zu einem Hobby verbunden. Das erste Ergebnis dieser Verquickung steht noch heute im umfunktionierten Luftschutzbunker in der Reichenau: ein 30 Jahre altes selbstgebautes Carbonrennrad namens "Top Secret".

    "Leider ist mir irgendwann nach 1.000 Kilometern der Rahmen beim Tretlager gebrochen", zeigt er auf das Malheur. Derlei Misserfolge zählen zum Alltag des Konstrukteurs unkonventioneller Prototypen. Als er sein "Top Secret" baute, war der Werkstoff Carbon nur als Meterware in Modellbauläden erhältlich. Babinetz reizte die Idee, daraus ein Fahrrad zu erschaffen.

    Derselbe Gedanke trieb ihn an, als er sein erstes Vollholzrad konstruierte. Er setzte dabei auf Buche. Er schnitt kurzerhand die Stahlrohre aus einem alten Rahmen und ersetzte sie durch Vollholzstäbe. Seine Maßanfertigungen sind nicht für den Verkauf bestimmt, sondern auf ihn selbst zugeschnitten. Dazu hat er sich eigens eine Rahmenlehre – erst aus Holz, später aus Alu – gebastelt, die das Herzstück seiner Bunkerwerkstatt bildet.

    Bambusrad

    Abgesehen von den Werkstoffen für die Rahmen experimentiert er auch mit Beschichtungen. So hat er Sandbikes geschaffen, die vollends mit einer rauen Sandschicht überzogen sind. Oder ein Hollandrad, das bis ins kleinste Detail mit Kuhfell beklebt ist. Besonderer Blickfang ist aber das Mountainbike mit schneeweißen Reifen im Jeans-Look.

    Einen langgehegten Wunsch erfüllte er sich mit dem Bambusrad. Im Unterschied zu anderen Herstellern konstruierte der Tiroler einen Prototyp, dessen Rahmen gänzlich ohne Metall auskommt. "Die Rohre sind aus Tigerbambus, die Ausfallenden aus naturfaserverstärktem Kunststoff. Für die Muffen habe ich Jute, Hanf und Kartoffelstärke verwendet."

    Sogar die Felgen des Rads, mit dem er ganzjährig durch Innsbruck fährt, sind aus Holz. Nur beim Antrieb musste Babinetz Abstriche in Kauf nehmen: "Ich wollte einen Riemenantrieb, um im Sinne der Nachhaltigkeit auch auf Schmiermittel verzichten zu können." Doch die dafür nötige Rahmenvorspannung über die Kettenstreben war nicht zu bewerkstelligen.

    Nach dem Projekt Bambus arbeitet Babinetz, der sein Geld in einem Elektro-Ersatzteilladen verdient, schon am nächsten Prototyp. Es wird ein Fahrrad aus alten Staubsaugerrohren, die an seinem Arbeitsplatz oft als Müll anfallen: "Die sind aus Stahl und sehr leicht." Der erste, fast fertige Rahmen steht schon im Bunker.

    rainosbikes.blogspot.com

    Rainer Babinetz schreckt bei seinen Radln auch vor Kuhfell nicht zurück.

    Wider den Wegwerfwahn

    Bei Reanimated Bikes in Wien-Neubau ist der Name Programm. Seit 2010 wird hier alten Mountainbikerahmen neues Leben eingehaucht.

    foto: hersteller

    Die Idee hinter seinem unkonventionellen Unternehmen erklärt Richard Zirkel mit einem Satz: "Räder dürfen keine Wegwerfprodukte sein." Seit 2010 rettet der Wiener zusammen mit seinem Kompagnon Peter Pluhar ausgemusterte Fahrräder vor dem Schrottplatz. Ihren Rohstoff finden die Radlreanimierer bei Kellerentrümpelungen oder der MA 48, die sie vor dem Verschrotten einen Blick auf die rostigen Leichen werfen lässt, die auf Wiens Straßen eingesammelt werden.

    Bei Reanimated Bikes werden hauptsächlich alte Mountainbikerahmen aus den 1990ern zu zeitgemäßen Citybikes wiederverwertet. Der Kooperationspartner Jugend am Werk zerlegt und prüft die Fundstücke auf Risse oder andere Mängel. Rahmen und Schaltwerk, wenn noch brauchbar, werden vom mittlerweile achtköpfigen Reanimated-Bikes-Team mit Neuteilen wiederaufgebaut. Um die ursprünglich als Bergräder konzipierten Radln an den städtischen Alltagsgebrauch anzupassen, kommt vorne zur neuen Gabel ein 28-Zoll-Laufrad, hinten bleibt das klassische 26er-Mountainbike-Maß. "Dadurch erreichen wir eine neue Geometrie mit einer aufrechteren Sitzposition, was im Stadtverkehr angenehmer zu fahren ist", erklärt Zirkel.

    Stadtrad im Vintage-Look

    Die Basisvariante dieses nach dem Heimatbezirk des Ladens benannten Neubau-Modells kostet 690 Euro. Der Kunde erhält dafür ein modernes Stadtrad im Vintage-Look. Und, wie Zirkel betont: "Jedes Rad ist ein Unikat!" Gegen Aufpreis sind auch eine Pulverbeschichtung und andere Extras, wie etwa höherwertige Komponenten, drinnen. Doch Ziel sei, vor allem leistbare Räder herzustellen, die auch täglich verwendet werden, um einen aktiven Beitrag zur Mobilitätswende in Wien zu leisten.

    Für Radler ab 1,40 Meter Körpergröße bieten Reanimated Bikes auch ein "mitwachsendes" Jugendrad namens SML, angelehnt an die Größen, an. Einmal gekauft, kann nach einem Wachstumsschub der Sprösslinge für 79 Euro ein neuer, größerer Rahmen erstanden werden. Die hauseigene Werkstatt ist für Zirkel Service und zugleich Teil der Firmenphilosophie: "Unsere Kunden sehen, dass ihr Rad hier lokal produziert wurde, das unterstreicht den Nachhaltigkeitsgedanken. Und sie haben auch stets eine Anlaufstelle in der Nähe, wenn eine Reparatur nötig ist."

    reanimated-bikes.com

    Richard Zirkel (li.) und Peter Pluhar leisten ihren Beitrag zur Mobilitätswende in Wien.

    Unikate aus Stahl

    Ein Kärntner verschweißt aus Mailänder Stahlrohren Träume auf zwei Rädern. Seine Rink Cycles sind hochwertige Unikate, von denen er sich selbst nur ungern trennt.

    foto: hersteller

    Die Handwerkskunst des Stahlrahmenbaus hat Rink-Cycles-Gründer Jürgen Putzi (44) in Zürich gelernt. Vor acht Jahren besuchte der Villacher dort den ersten Kurs beim Velobauer Robert "Röbi" Stolz. Seitdem verbindet die beiden eine Freundschaft, und der Schweizer wurde zu Putzis Mentor.

    Den Anstoß, sich selbst einen Rahmen zu bauen, lieferte die eigene Erfahrung beim Fahrradkauf, wie der Kärntner erzählt: "2011 wollte ich mir ein sündhaft teures Rennrad kaufen. Ich habe ewig auf die Auslieferung gewartet, und am Ende wurde mir klar, dass ich dort selbst für viel Geld nichts Besonderes bekomme." Putzi, der über den Triathlon zum Radfahren kam, wollte etwas "Eigenes, Personalisiertes" erschaffen.

    Der Rahmenbau begeisterte ihn sofort: "Das ist sehr befriedigend." Aus der Organisationsentwicklung im Halbleiterbereich kommend, empfand er das Handwerk als echte Bereicherung: "Am Ende der Woche hast du etwas geschaffen." Neben dem Handwerk ist es die Nachhaltigkeit, die ihn begeistert: "Solche Räder werden lange gefahren." Gerade baut er ein Reiserad für einen Kunden, der damit ab August einmal um die Welt radeln will.

    Alles abgestimmt

    Putzi setzt auf den Werkstoff Stahl und bezieht seine Rohre, die er zu hochwertigen Rennrädern, Urban oder GravelBikes verarbeitet, vom italienischen Hersteller Columbus. Ein fertiges Rink Cycle wiegt dank des hauchdünnen Mailänder Stahls nur rund 700 Gramm mehr als ein gleichwertiges Carbonmodell. "Aber Stahl ist immer reparierbar", beschreibt Putzi die Vorzüge.

    Heuer werden 15 neue Rink Cycles die Werkstatt verlassen. Putzi baut Rahmen noch im Nebenerwerb. In der Grundausstattung muss man mit 4.000 Euro rechnen. Je nach Komponenten ist die Spanne nach oben beliebig weit offen. Von der Vertragslegung bis zur Übergabe muss der Kunde mit drei bis vier Monaten Wartezeit rechnen.

    Doch in dieser Zeit ist er voll in den Entstehungsprozess eingebunden. Jedes Detail wird abgestimmt, persönlich oder via Skype. Der Moment der Übergabe ist für den Konstrukteur bis heute kein leichter: "Ich gebe die fertigen Räder nur ungern aus der Hand." Leichter wird es für ihn nur, wenn er sieht, dass Rad und Besitzer "zu 100 Prozent aufeinander abgestimmt sind".

    Während der Markt in Österreich noch überschaubar ist, erfreuen sich handgemachte Stahlrahmen in Großbritannien großer Beliebtheit. Daher wird Putzi heuer wieder Anfang Mai bei der "Bespoked", Europas größter Handmade-Bicycle-Show, vertreten sein.

    rinkcycles.com

    Im Moment zieht Jürgen Putzi Stahl dem Werkstoff Carbon vor.

    (Steffen Arora, RONDO, 29.4.2019)

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