ORF will Facebook und Youtube des Fernsehens werden

    10. April 2019, 14:29
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    Social-Plattform, User-Content und komplette ORF-Programme – aber nur gegen GIS

    Franz Manola hat ORF.at erfunden und lange geführt, Östereichs größte Informationsplattform im Netz. Er war ein Motor der eigenständigen Channel- Strategie für ORF 1 und ORF 2. Und er will den ORF digital neu erfinden – schon seit einem guten halben Jahrzehnt. Nun aber wirklich, verspricht auch ORF- General Alexander Wrabetz: Bis Jahresende soll das Publikum mit ersten Teilen des ORF- Players spielen können. Und wenn das von ÖVP und FPÖ geplante ORF- Gesetz auch jene Teile der großen Plattform erlaubt, die es dem ORF noch untersagt, dann sollte "Ende 2020 alles stehen". Also sprach Wrabetz am Mittwoch bei einem "Werkstattgespräch" über das Großprojekt ORF- Player.

    Was ist der ORF-Player?

    Was ist dieser ORF-Player? Oder besser: Was soll er sein, wenn der ORF das alles einmal darf? Eine digitale Gesamtstrategie und eine gemeinsame technische Plattform in vielen Erscheinungsformen für die ureigenen ORF-Medien Video und Audio in Echtzeit und auf Abruf, auf Handy oder weniger mobilen Endgeräten.

    Nur mit GIS

    Eine Plattform, die Programmmacher und ihr Publikum zusammenbringen will, die wesentlich auf Empfehlungs- , Bewertungs- und Kommentarfunktionen setzt, Inhalte des ORF mit solchen des Publikums kombiniert, Raum für Versuch und Irrtum des Programmmachens bietet, Genres wie etwa Kinder, Sport und Wissenschaft/Kultur/Religion bündelt, auch Information würde sich aufdrängen. Und eine Plattform, die nicht zuletzt die kompletten ORF-Programme live und auf Abruf auch mobil streamt. Jedenfalls für Menschen, die in Haushalten leben, die GIS zahlen.

    foto: orf
    Der "Kids Screen" im geplanten ORF-Player. Wie alle Visualisierungen hier ein "Werkstatt"-Entwurf.

    "Große soziale Plattform"

    Manola will nicht weniger als Plattformen wie Facebook, Instagram, Youtube und Co. "einen Teil des Social-Phänomens entreißen". Der Social- Programmguide ist gedacht als "große soziale Plattform". Manola: "Die Debatte über Dancing Stars soll dort stattfinden, wo sie ihren Ausgang nimmt. Wir wollen die große soziale Hitze zurück zum ORF holen."

    Fernsehen und was im Fernsehen gesagt wird, liefere für einen großen Teil der Social-Media- Debatten den Anstoß. Manola will diese Debatten auf eine eigene Plattform des Rundfunks holen: In dem Social- Program-Guide (Arbeitstitel) sollen die Sendungs- und Beitragsmacher ihre Inhalte selbst erklären und ankündigen. Die Beiträge oder Sendungen dort sind teilbar, können empfohlen und kommentiert werden. Und die Programmmacher sollen ebenfalls dort auf die Kritik oder Fragen reagieren.

    "Rosskur" und Redakteurs-Meinung

    "Wir setzen uns hier einer echten Rosskur aus, klar dass es da einen Konflikt geben wird. Eine Debatte ist etwas anderes als eine Sendung ex cathedra. Das wird ganz rough werden."

    Die ORF- Debatte und die Studie der ORF-Berater Fehr Advice führten gerade zur "Überprüfung des eigenen Standpunkts" im Umgang mit Social Media, sagt Manola. Seine Erwartung: "Eine Spur weniger eigene Meinung oder Gesinnung verbreiten und die Realität wieder genauer beschreiben."

    Einen Beitrag zu recherchieren und produzieren wird in Manolas Bild 50 Prozent einer ORF-Redakteurin oder eines ORF-Mitarbeiters ausmachen. Die andere Hälfte widmen sie dem Beschreiben und Benennen des Beitrags für das Web (und für Suchmaschinen) und der Kommunikation darüber.

    Private in den Guide führen

    In diesem "Hybrid zwischen Fernsehen und sozialem Medium" liegt für Manola auch wahlweise die Hürde, die Herausforderung oder die Revolution des ORF-Players. "Die Latte ist, dass eine gewisse kritische Masse, eine soziale Öffentlichkeit nicht auf den globalen amerikanischen Servern läuft, sondern auf unseren. Dass alle Österreicher das Gefühl haben, sie reden im ORF, mit dem ORF, sie reden durch ihn mit allen anderen. Das ist eine Relevanzfrage."

    Dieser Social-Program- Guide ist nach ORF-Ansicht ohne Gesetzesänderung und ohne Angebotsprüfung umsetzbar.

    Manolas "Lieblingsvorstellung" wäre, alle österreichische Privatsender in den Programguide zu holen, von Servus TV bis Puls 4.

    Wrabetz sieht den ORF-Player auch aus Modell für europäische Social-Plattformen.

    foto: orf
    "Topos": Kultur/Wissenschaft/Religion als ein Modul des ORF-Players.

    ORF-Tube und Kids Screen

    Zu Manolas "Hausaufgaben" beim Player gehört, die ORF- Fernsehprogramme komplett live zu streamen und auf Abruf bereitzuhalten. Bisher finden sich auf der TVthek nur zwölf Prozent des Programms von ORF 1 und 58 Prozent von ORF 2 – weil das Gesetz dort nur Eigen- und Coproduktionen erlaubt, da und dort dürften das auch an fehlenden Rechten liegen.

    Eine Sportplattform ("Sport Screen") im Player ließe sich ohne Vorprüfung durch die Medienbehörde umsetzen, glaubt der ORF. Österreichische Vereine und Ligen aller Sportarten abseits von Premium (Fußball, Ski, Formel 1) sollen sich dort mit ihrem Videomaterial wiederfinden – oder etwa auch Rennen der Formel E(- Auto).

    Eine Prüfung dürfte indes das Feuilleton- Projekt "Topos" mit Bewegtbild aus Kultur, Wissenschaft und Religion brauchen.

    Für eine Kinderplattform werde es die Behörde brauchen. Sie soll eine "sichere Umgebung" für Kinder und Eltern sein, werbefrei, und zuerst online ausprobieren, was wie ankommt, um es auch im Fernsehen abzubilden. Chefin laut Manola: TV-Entwicklerin Dodo Gradištanac.

    Eine Experimentierfläche für Programmmacher soll der "Open Space" auf dem Player bieten. Zugleich will der ORF dort österreichische Produzenten, aber Youtuber und andere Anbieter einladen, Content einzubringen. Ähnliches hat die Audio- Plattform auf dem Player mit Podcasts vor; auch Radiomacher des ORF sollen allein für online produzieren können. Bisher verbietet das das ORF- Gesetz. ORF- Chef Wrabetz wünscht sich eine Art General- Auftrag für eine Plattform wie den Player im neuen Gesetz.

    foto: orf
    Die Module des ORF-Players im Überblick.

    Volles Programm nur mit GIS

    Das gesamte Angebot des ORF- Players soll es nur mit Login geben – und auf Sicht mit Nachweis der GIS.

    Damit würde der ORF – ganz ohne Gesetzesänderung – sein Streamingproblem lösen. 2015 stellte der Verwaltungsgericht klar, dass Streaming auch von Radio- und Fernsehinhalten nicht Rundfunk ist – aber nur Rundfunk gebührenpflichtig.

    2021 will die Regierung aber auf ohnehin wieder über eine Abschaffung der GIS und die Budgetfinanzierung des ORF sprechen. Dann würden auch alle den ORF zahlen. (Harald Fidler, 10.4.2019)

    Dieser Beitrag wurde nach der Präsentation am Mittwoch aktualisiert und überarbeitet.

    • Werkstattentwurf für den Social Program Guide des ORF auf dem Handy.
      foto: orf

      Werkstattentwurf für den Social Program Guide des ORF auf dem Handy.

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