Retrospektive "Filmkontinent Australien": Traumpfade nach Down Under

    Video10. April 2019, 12:00
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    Das Wiener Filmmuseum gibt einen umfassenden Überblick über das Filmschaffen am Kontinent

    Den Mount Diogenes im australischen Bundesstaat Victoria kennt man besser unter seinem geläufigen Namen Hanging Rock. Von Melbourne aus sind es nicht einmal hundert Kilometer bis in die Gegend, man kann also nicht unbedingt von einem entlegenen Ort sprechen – und Australien hat nun wirklich einige entlegene Orte.

    Der Hanging Rock ist bekannt vor allem wegen der Geschichte mit den Mädchen, die zuerst in einem Buch von Joan Lindsay und dann in einem Film von Peter Weir erzählt wurde. Picknick am Valentingstag, im Original Picnic at Hanging Rock, erzählt von einem Ausflug, den eine Klasse aus einem Mädcheninternat im Jahr 1900 in die Natur unternimmt. Eine kleine Gruppe entfernt sich ein wenig zu weit, und am Ende des Tages gibt es drei Vermisste: die junge Lehrerin Miss McCraw und zwei Schülerinnen.

    national film and sound archive of australia (nfsa)

    Die junge Nation Australien war im Jahr 1900 noch eine britische Kolonie. Picknick am Valentinstag, herausgekommen 1975, enthält allerdings so etwas wie eine rückwirkende, heimliche Unabhängigkeitserklärung: Denn mit dem Verschwinden der drei jungen Frauen endet auch im Grunde das viktorianische Zeitalter.

    Erotisierte Kulturlandschaft

    An seine Stelle tritt aber nicht sofort eine Moderne, sondern ein Naturmythos: Der Hanging Rock ist bei Peter Weit eine erotisierte Kulturlandschaft wie sonst nur noch die Landschaftsspalten von Karl May für Arno Schmidt. Zur Musik der Panflöte (!) von George Zamfir kann man sich eine heidnische (europäische) Ursprünglichkeit denken. Dahinter bleibt eine Leerstelle, die das australische Kino danach erst allmählich füllte: Denn es gab ja Ureinwohner. Für sie musste aber erst ein Bewusstsein geschaffen werden.

    Für viele Filmhistoriker beginnt das australische Nationalkino mit Picnic at Hanging Rock. Nicht in dem Sinn, dass es der erste Film gewesen wäre. Aber er brachte den Kontinent auf die internationale kulturelle Landkarte. Und folgerichtig nimmt Peter Weirs Klassiker nun auch eine zentrale Position in dem Programm Filmkontinent Australien ein, mit dem das Österreichische Filmmuseum einen umfassenden Überblick über das australische Filmschaffen zu geben versucht.

    Mythisches Erbe und "normale" Nation

    Peter Weir selbst hat danach mit The Last Wave (1977) einen bedeutenden Schritt zu einer Begegnung mit indigenen Weltverständnissen gemacht – der Mann in der Hauptrolle, Richard Chamberlain, ist allerdings heute kaum noch von seinem Welterfolg mit Dornenvögel abzulösen.

    umbrella entertainment

    In der zwischenstaatlichen oder menschheitsdiplomatischen kulturellen Wahrnehmung sind Klischees die Währung, deren Wechselkurs ständig neu auszuhandeln ist. Eines dieser Klischees über Australien sind die Traumpfade, die Bruce Chatwin mit seinem höchst erfolgreichen Buch 1987 über den Kontinent legte.

    Das australische Kino bewegte sich seit den Siebzigerjahren zumeist in der Spannung zwischen dem mythischen Erbe der Aborigines und dem Versuch, als "normale" Nation mit bürgerlichen, nachkolonialen Themen durchzugehen. George Millers Mad Max fährt über diese Spannung einfach drüber und zieht gleichzeitig seine eigenen Traumpfade durch einen Gegen-Outback: apokalyptisch und umweltgiftig.

    Gegenbewegung folgt demnächst

    Vielleicht nicht ganz zufällig gibt es im australischen Kino an zentraler Stelle immer wieder Geschichten vom Heranwachsen. Ein Pendant zu Picnic at Hanging Rock stellt etwa Fred Schepisis The Devil's Playground dar, auch eine Internatsgeschichte, auch ein Versuch, eine repressive Vergangenheit aufzuarbeiten.

    criterioncollection

    Walkabout, in dem zwei Kinder in der Wüste stellvertretend für die weißen Herren in die übermächtige Natur initiiert werden, lief schon in dem Programm über Nicolas Roeg und bildet nun zu Filmkontinent Australien so etwas wie eine Matrize.

    Das Filmmuseum hat bereits einen zweiten Teil angekündigt: Zu all den Aufbrüchen vorwiegend weißer Filmemacher (zu denen auch Jane Campion zu zählen ist, die 1989 mit Sweetie die Szene betrat) gab es schließlich eine Gegen- und Erneuerungsbewegung, in der das indigene Australien allmählich von sich selbst zu sprechen begann – und die Traumpfade der westlichen Zivilisationsromantiker neu gezogen werden. (Bert Rebhandl, 10.4.2019)

    Bis 4.6.

    Filmmuseum

    • Repressive Vergangenheit: "Devil's Playground".
      foto: filmmuseum

      Repressive Vergangenheit: "Devil's Playground".

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