Million-Dollar-Radl: Was ein Fahrrad kosten kann

    11. Mai 2019, 12:00
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    Von Gold bis Diamanten: Längst ist auch das Fahrrad im Luxussegment angekommen. Wir haben nachgefragt, was ein Fahrrad kosten soll. Oder kann

    Eine Million also. Das dürfte die Obergrenze sein. Jedenfalls spuckt das Netz kein teureres Fahrrad aus als die Fatbikes, die das "House of Solid Gold" 2012 von der in Los Angeles beheimateten Bike-Boutique Veloworx anfertigen ließ. Die 13 Mountainbikes sind mit 24-karätigem Gold überzogen. Im "HSG"-Emblem sind 600 schwarze Diamanten und 500 Saphire verarbeitet. Die Sättel sind aus Alligatorenleder.

    Wie sich das Rad mit seinen eher schlichten, aber teilvergoldeten Shimano-XT-Komponenten fährt? Uninteressant. Darüber finden sich keine Berichte: Was zählt, ist der Preis. Die fette Zahl: eine Million. Ob das Dollar oder Euro sind, spielt keine Rolle (es sind Dollar). "Es gibt immer wieder Räder, die von Luxuslabels in Auftrag gegeben werden. Die tauchen kurz in Lifestylemagazinen auf – und dann nie wieder", schmunzelt Martin Granadia.

    indian drives

    Granadia ist Radblogger. Sein 169k-net, ein Radblog zählt zum Kompetentesten, was man im deutschsprachigen Raum zum Thema Rad finden kann. Granadia schreibt meist über Rennräder, Funktion und Bike-Style: Billig ist weder, was er trägt, noch was er fährt.

    "Dienstlich" fährt er mitunter im (niedrigen) fünfstelligen Preissegment, privat nicht: "Bis zu einem Preis von etwa 15.000 Euro sind die Preise nachvollzieh-, erklär- oder argumentierbar – aber auch da bewegen wir uns im Freakbereich."

    Das hat einen Grund: "Ab etwa 4.500 Euro werden Fahrräder selten wirklich besser, sondern nur noch teurer", erklärt Karl Schöpf. Schöpf ist das fahrradtechnische Mastermind beim Wiener "Mountainbiker": "Es ist wie bei Uhren: Die Zeit zeigt auch eine an, die nur zehn Euro kostet. Der Rest ist Spielerei."

    Ein Rad teuer zu machen, sagt er, sei keine Kunst: Rahmen um 8.000 Euro findet man mit zwei Mausklicks. Mit der Kombination von Laufrädern, Schaltung und Bremsen in fünfstellige Bereiche vorzustoßen ist ein Kinderspiel. Wattmessystempedale, Radcomputer und Co sind dann noch einmal satt vierstellig.

    Dann kommt das Kleinzeugs: Achsen, Lager, Lenkervorbau. Teile, bei denen jedes Gramm weniger etliche hundert Euro mehr kostet – aber nur den allerwenigsten wirklich nutzt. Das teuerste Rad, das Schöpf einem "Normalo" je verkaufte, kostete 15.000 Euro. Nur: "Die meisten Leute nehmen am Rad die falsche Haltung ein. Und da rede ich nicht nur von Rennrädern: Da ist es wurscht, wie viel Geld sie investieren, sie werden weder schnell noch genussvoll fahren."

    foto: hermès, graben 22, 1010 wien, www.jonak.at
    Gute 10.000 Euro kostet das "Velo Sportif" von Hermès.

    Nette Summe

    Am Geldausgeben beim Wettrüsten hindert das niemanden. Die Spitze des Eisbergs lässt sich jedes Jahr beim Ironman Austria, Anfang Juli in Klagenfurt, erblicken. Rund 4.000 Hobby-Triathleten bilden den größten Rennradparkplatz Österreichs. Der Rekord für die 180 Radkilometer beim Ironman liegt bei vier Stunden und zwölf Minuten.

    Normalos fahren aber meist über sechs Stunden. Doch an den Rädern lässt sich kaum erkennen, wer aufsteigen wird: Profi oder "Hobette" (das Wort wird geschlechtsneutral auf Männer wie Frauen angewandt). Mehr als die Hälfte der Räder liegt in der Über-12.000-Euro-Kategorie. 4.000 mal 12.000: eine nette Summe. Der "Parkplatz" wird in der Nacht von Securities und scharfen Hunden strengstens bewacht.

    Bei "klassischen" Radrennen oder Mountainbike-Bewerben, aber auch im sportlich-radfahrenden Alltag ist das Preisgefüge der Hobbyathleten-Boliden nur geringfügig anders. Doch den ehrfurchtgebietenden Blick auf tausende sündteure Spaß-Bikes gibt es nur rund um Wechselzonen großer Triathlonevents.

    Aus der Nähe kann man sie da halt nicht ansehen. Angreifen schon gar nicht. Und: Sie sind meist Stangenware, die dann eben "gepimpt" wurde. Exklusiv, also nach Maß, geht es aber auch. Etwa bei Kurt Stefans Veletage. Stefan zeichnete für die Shop- und Markenauftritte von Brands wie Diesel, Adidas oder Peak Performance in Österreich verantwortlich, beschloss aber vor fünf Jahren, sich aufs Fahrrad und da auf das Segment der kleinen, aber dafür superexquisiten Ware zu konzentrieren: auf hochfunktionale Radmode, die sowohl glocknerhochalpenstraßen- als auch (o.k.: beinahe) haubenlokalkompatibel ist, zum einen.

    Und eben auch auf Räder nach Maß. Weniger als 6.000 Euro legt da kaum ein Kunde hin, zehn- bis 15-mal im Jahr verlässt ein Rad, das nur knapp unter 20.000 Euro kostet, seinen Laden. "Unsere Kunden fahren aber auch mit diesen Rädern", weiß Stefan. Sie haben Radträume – und warten bis zu einem halben Jahr auf deren Erfüllung.

    Mythos Rad

    Denn für derart hochwertige Bikes werden die Titanrahmen in Bergamo nach Maß angefertigt. Marco Bertoletti sucht die Rohrquerschnitte und -formen passend zu Traum und Kunde aus. Bertoletti ist ein Superstar des Fahrradrahmenschmiedens: Die großen Namen der Profiradszene fuhren über Jahrzehnte seine Kreationen – allerdings meist ohne Kennzeichnung.

    Die großen Marken, die die Radteams sponsern und ausstatten, lackierten lange ihre Farben und Logos auf Bertolettis Werke, stellten das aber dann doch ab. Heute sitzen die Profis auf korrekt etikettierten Böcken. Am Mythos ändert das freilich nichts.

    foto: hersteller
    Das Carbonrad "Scalatore" von Festka gibt's um 14.000 Euro.

    Titanrahmen, rechnet Stefan vor, gibt es ab 6.000 Euro. Bertoletti ist meist teurer. Brauchbare Hochquerschnitts-Karbonlaufradsätze gibt es ab 2.000. Eine schicke Campagnolo-Record-EPS-Schaltgruppe kommt noch einmal auf 4.000 Euro. Ein schöner Sattel auf 1000 Euro.

    Und so weiter: Naben, Kurbelgarnituren, Tretlager ... Doch auch der Veletage-Mann betont: "All das macht nicht schneller, aber es ist wie ein Maßanzug: Er stärkt das Selbstvertrauen. Das spürt man in der eigenen Performance." Das Veletage-Motto laute nicht von ungefähr "Fahret schön und schnell".

    Kunden, die solche Summen auch noch lächelnd hinlegen, gäbe es genug. Sie reisen auch eigens an. Nicht bloß aus Wiens Randbezirken, sondern aus der ganzen Welt. Etwa dem arabischen Raum. "Und dafür, dass mindestens 80 Prozent unserer Räder auch gefahren werden, lege ich meine Hand ins Feuer."

    Das unterscheidet die Rennrad- von der sonstigen Radszene. Drei Prozent aller in Österreich verkauften Räder sind Rennräder. Das Superteuersegment findet sich aber vor allem hier. Mountainbike-Käufer, die tatsächlich fahren, wissen um den höheren Verschleiß im Gelände: Ein "House-of-Gold"-Bike wird wohl nie über einen Singletrail geprügelt werden.

    Und weder das 46.000-Dollar-"Gold Collection"-Rad von Montante (11.000 Swarovski-Kristalle, vergoldet, Sattel und Rahmenpumpe mit Pythonhaut überzogen) noch den 12.000 Dollar teuren, lederüberzogenen "Flaneur" von Hermès wird man vor der Uni oder sonst wo an einem Radständer finden. Jedenfalls nicht lange. Und: Rennradfahrer schauen sehr genau auf andere Rennräder. Sie erkennen, was gut, teuer und superteuer ist. Und genau darauf kommt es an. (Thomas Rottenberg, 11.5.2019)

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