Sechs Dinge, die mehrsprachige Kinder hören sollten

Blog10. April 2019, 14:00
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Migrationsbedingte Bilingualität wird leider immer wieder infrage gestellt

In Bezug auf die lebensweltliche Mehrsprachigkeit von Kindern, also die Sprachkenntnisse, die sie auch in der Familie erwerben, weht wieder ein rauerer Wind. In der österreichischen Gesellschaft wird die Tatsache, dass ein Kind mit mehreren Sprachen groß wird, zunehmend als Problem gesehen – durch Deutschförderklassen, also durch die Trennung der Kinder in der Schule, durch Druck auf Elementarpädagogen und Eltern, der durch die Sprachtests beim Schuleintritt aufgebaut wird.

Viele Sprachen zu können ist etwas Gutes, aber nur, wenn es sich um die "richtigen" Sprachen handelt. Die englisch-deutschen bilingualen Bildungseinrichtungen boomen. Migrationsbedingte Bilingualität? Diese wird infrage gestellt. Leider nichts Neues.

Um dieser negativen Entwicklung etwas entgegenzuhalten, habe ich folgende Sätze zusammengefasst, die den Kindern guttun und die Sie als Pädagogen und Eltern dem Kind sagen können! Damit es sich angenommen fühlt, sich als richtig wahrnimmt – und letztendlich, damit es sich sprachlich gut entfalten kann, auch in Richtung Deutscherwerb.

Fördern Sie die Mehrsprachigkeit Ihres Kindes durch gezielte emotionale Unterstützung!

1. Es ist großartig, dass du so viele Sprachen sprichst!

Diesen Satz sollten mehrsprachige Kinder oft hören. Leider ist es ganz und gar nicht so, dass Mehrsprachigkeit immer als Mehrwert angesehen wird. Zu oft erleben Kinder das Gegenteil. Wir müssen den Kindern bewusstmachen, dass alle ihre Sprachen und auch die damit zusammenhängenden kulturellen Skills wertvoll sind. Und für die Kritiker, die wieder einmal auf die Deutschkenntnisse pochen: Ja, auch diese gehören zum Kind. Keine Angst sollte man vor den weiteren Sprachen haben, diese werden dem Deutscherwerb nicht im Wege stehen. Das belegen auch wissenschaftliche Studien. Wertschätzung kann nie falsch sein.

2. Erkläre es mir noch mal, ich möchte dich verstehen.

Wenn sich bilinguale Kinder mitten in der Sprachentwicklung befinden oder wenn sie gerade in eine für sie neuen Zweitsprache hineinwachsen, kann es sein, dass man als Erwachsener nicht alles sofort versteht. Gründe können sein, dass die Aussprache noch undeutlich ist, dass der Wortschatz noch sehr eingeschränkt ist oder dass das Kind in einer Sprache spricht, die man selbst nicht versteht. Anstatt zu insistieren und zu korrigieren, ist es besser, das Kind sprachlich zu begleiten und ihm Zeit zu geben. In einer entspannten Atmosphäre, in der es keinen Druck spürt, lernt es viel leichter und schneller.

3. Probiere es doch in einer anderen Sprache.

Wenn man merkt, dass das Kind nicht weiterkommt, kann man die Sprache wechseln. Wenn man selbst die Sprachen des Kindes beherrscht, ist es ein einfaches Unterfangen. Aber was, wenn nicht? Trotzdem kann der Sprachwechsel sinnvoll sein. Indem wir dem Kind die Möglichkeit einräumen, sich in einer Sprache auszudrücken, in der es sich sicherer fühlt, eröffnen wir den Zugang zu einem sprachübergreifenden Raum.

Bei bilingualen Menschen sind die Sprachen im Austausch und in Berührung. Öffnen wir eine Kommunikationstür, kann es dem Kind leichter fallen, uns zu erklären, was es meint. Manchmal fallen einem dann die Wörter von alleine zu. Oder aber wir verstehen mehr, als wir dachten, und die Sprache, die wir vermeintlich nicht sprechen, beinhaltet Vokabeln, die wir doch verstehen.

Wenn ich mit den Schülern kreativ texte, haben die Kinder, die sich in Deutsch unsicher sind, Hemmungen, mitzumachen. Wenn sie die ersten Sätze in ihrer Erstsprache verfassen und mir vorlesen dürfen, fallen die Hemmungen. Plötzlich sind sie in der Lage, vieles ins Deutsch zu übertragen, und fühlen sich nicht mehr so unsicher.

4. Zeige mir, was du erklären möchtest.

Und wenn die verbale Kommunikation gar nicht klappen mag, dann sollte man nicht vergessen, dass wir zu einem hohen Anteil nonverbal kommunizieren. Wer sich verständigen möchte und wer sich darauf einlässt, kann es auch ohne Worte. Kinder sind ganz besondere Meister darin. Mit unserem Input als Erwachsene können wir das Kind dann sprachlich unterstützen.

5. Ich höre dir zu.

Sprache – egal ob zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule – kann sich dann entfalten, wenn Kinder genug Input bekommen, aber auch, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen zugehört wird. Geben Sie dem Kind Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, auch wenn es nur für kurze Zeit ist. Diese Zeit ist sehr wertvoll. Sprechen Sie die vier Worte aus, und sehen Sie dem Kind dabei in die Augen. Das ist auch eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Kinder im Spracherwerb zu motivieren. Wenn Sie zuhören, werden Sie außerdem viel über das Kind erfahren.

6. Es gefällt mir, wenn ich dich ... sprechen höre.

Wir sollten immer alle Sprachen des Kindes bejahen. Bitte, sprechen Sie keine Verbote in Richtung einer der Sprachen des Kindes aus! Sie gehören alle zu ihm, so sind bilinguale Menschen. Diese zwei oder sogar mehr Sprachen machen das Kind aus, sind Teil seiner Persönlichkeit und Identität. Es sind keine Rucksäcke voller Grammatik und Wortschatz, die man auf- und absetzen kann. Sie sind immer alle irgendwie präsent. Wollen Sie ein Kind animieren, in einer bestimmten Sprache zu sprechen, machen Sie es über positive Formulierungen und vor allem über positive Zugänge. (Zwetelina Ortega, 10.4.2019)

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin, Expertin für Mehrsprachigkeit und Gründerin des Beratungszentrums Linguamulti. Dort bietet sie Beratung und Workshops für mehrsprachige Erziehung im Bereich Bildung, Erziehung und Unternehmertum an. Sie ist Gründerin der LIMU-Academy, des Sprachinstituts zur Frühförderung der deutschen Sprache für Kinder zwischen zwei und zehn Jahren. Ortega ist dreisprachig mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte. 2012 erschien der Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie lehrt an der Universität Wien und leitet Fortbildungen an der Pädagogischen Hochschule Wien, am Landesinstitut für Schule in Bremen und für das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern.

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