Unknown Pleasures #30: Ein Comeback in Strapsen – "My Beauty" von Kevin Rowland

    Blog9. April 2019, 07:00
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    Der Sänger der Dexys Midnight Runners kehrte 1999 mit einer wunderbaren Album wieder – angesichts seines Outfits wurde es ein Flop. Eine Richtigstellung

    Das erste Lied ist ein Manifest: "No matter what they say about me/ They can't take my personal dignity", singt er. Angesichts des Coverbilds herrschte in der Fangemeinde allerdings eine gewisse Skepsis, ob sich das mit der besungenen Würde ausgehen würde. Als Kevin Rowland im Herbst 1999 mit My Beauty nach elf Jahren Pause wieder ein Album veröffentlichte, kratzten sich viele hinterm Ohr: What t' fuck?

    Rowland war damals Ende 40 und sah keinen Tag jünger aus. Eine Dekade lang hatte er sich an Drogen verschwendet. Als er wiederkehrte, war er gealtert, das Haar dünner geworden – aber das war's nicht: Kevin Rowland inszenierte sich am Cover von My Beauty in Schminke und Frauenkleidern. Er trug Strapse, ein Währinger Halsband und hob sein großes Schwarzes auf Höhe des Nabels, damit alle sehen konnten, was er darunter trug. Das Outfit soll ihm im Traum erschienen sein, dann hat er es sich anfertigen lassen.

    Nationalheld in Drag

    Nun gilt Rock 'n' Roll zwar als Spielwiese der sexuellen Befreiung, wird Sexualität explizit thematisiert, gehen aber immer noch die Wellen hoch – selbst wenn es scheinbar nur um ein spätes Coming-out ging und nicht einmal um irgendeine sexistische Pöbelei. Dementsprechend war Rowlands Album vornehmlich wegen seines Covers ein Thema. Immerhin war es ein Nationalheld, der da plötzlich in Drag daherkam.

    Zum Helden wurde er Ende der 1970er mit den Dexys Midnight Runners. Mit denen machte er Weltkarriere und führte zu Hause auf der Insel mit Songs wie Come On Eileen oder Geno die Charts an. Die Band änderte für jedes Album ihr Erscheinungsbild: Vom coolen Northern-Soul-Look über die Fetzentandler mit inside-out getragenen Latzhosen bis zum Yuppie-Outfit am dritten und letzten Album Don't Stand Me Down (1985).

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    Geno – live mit den Dexy Midnight Runners 1980.

    Rowland war das Mastermind der Band. Er galt als Sturschädel mit einer Vergangenheit, die ihn nach den Stockhieben einer katholischer Pädagogik und Konflikten mit dem Gesetz in die Kriminalität geführt hätte, wäre er nicht von der Musik gerettet worden. Sie eröffnete dem sich immer als hässlich empfindenden Mann eine Welt, die Schönheit versprach. Er wurde ein Daydream Believer, dessen Tagtraum sich realisierte, als er erfolgreich wurde. Scheinbar. Denn natürlich konnte er damit nicht umgehen, mit der Erfolglosigkeit noch weniger.

    Therapien und Gottessuche

    Beides verstärkte seine unschönen Wesenszüge. Rowland war bekannt dafür, dass er andere Bands hasste, die Musikpresse sowieso, und Mitmusiker betrachtete er bloß als ein notwendiges Übel. Als Don't Stand Me Down floppte, verlor er sich in Drogen. Koks, Heroin, Privatkonkurs. Es folgte ein (erfolgloses) erstes Soloalbum, daraufhin der Abstieg, der eher ein freier Fall war. Er schlug in der Verlorenheit auf, in Armut und Abhängigkeit. Es folgten Therapien und Gottessuche – das volle Programm. Dann, 1996, unterzeichnete er bei Creation einen Vertrag für ein Album, an das selbst dort niemand geglaubt haben soll.

    Mit den Dexys Midnight Runners hatte Rowland Sixties-Musik mit der Energie von Punk vermengt. Heraus kam etwas, das man Celtic Soul nannte. Ein wenig davon ist auf dem reinen Coveralbum My Beauty noch zu hören. Das Album war ein Akt persönlicher Katharsis.

    In den Linernotes schreibt Rowland dass es diese Songs waren, die wieder Schönheit in sein Leben brachten, während er dabei war, sich zu vernichten. "These songs showed me my definition of beauty, my beauty. I realised I needed to record them before I could do anything else." Bei den Aufnahmen soll er immer wieder in Tränen ausgebrochen sein, ohne sie deshalb zu unterbrechen.

    Hymnische Momente

    Rowlands Kompromisslosigkeit schlug sich nicht nur in erwähnter Äußerlichkeit nieder. Er nahm sich ein Dutzend Songs vor, veränderte manche ihrer Texte in Richtung seiner Biografie und schmetterte sie in einer Inbrunst der Welt entgegen, wie man sie aus den hymnischen Momenten der Dexys Midnight Runners kannte.

    Einen ersten Höhepunkt setzte er mit dem zweiten Lied. Rag Doll stammt von der aus New Jersey kommenden Band Frankie Valli and the Four Seasons. Das im Original nur etwas über zwei Minuten dauernde Lied ufert bei ihm ins Neunminütige aus. Mit einem herrlich krank klingenden Damenchor im Rücken entsteht so eine Liebeserklärung an den Song selbst.

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    Ein Intro wie bei Sergio Leone, aber das muss so sein, will man ins Epische: Rag Doll.

    Ein anderer Künstler aus New Jersey konnte mit Rowlands Aneignungen weniger anfangen. Bruce Springsteen untersagte ihm die Adaption von Thunder Road. Bisserl unlocker, der Boss. Rowland musste den Song wieder vom Album nehmen, auf den Promotion-Exemplaren war er noch drauf, weshalb er der Nachwelt via Youtube übermittelbar ist. Einen großen Verlust für das Album würde ich es nicht nennen.

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    An den Textänderungen von Thunder Road hat sich der Boss gestoßen – locker bleiben, Bruce.

    Besser klingt da ein weiterer Hit aus Rowlands Jugend: Concrete and Clay ist ein Cover der Boygroup Unit 4 + 2, die damit 1965 einen Nummer-eins-Hit hatte. Es war das einzige Video, das damals für das Album gedreht wurde.

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    Das Originalvideo ist "in Ihrem Land gesperrt" – es gibt auf Youtube ein Interview mit KR, bei dem das Originalvideo angespielt wird. Hier Kevin ohne weißes Kleid. Concrete and Clay.

    Die Briten konnten damit nicht viel anfangen. Es entstanden Gerüchte, es sei das am schlechtesten verkaufte Album des Creation-Labels gewesen, von nur knapp tausend verkauften Stück war die Rede. Stimmt natürlich nicht, doch mit nur etwas über 20.000 Kopien krepierte es weit unter den Erwartungen. Auf der folgenden Tour im Königreich wurde er ausgebuht und stellenweise mit Flaschen beworfen.

    Kevin Rowland live. Angesichts seines Outfits flogen die Flaschen.

    Viele Lieder klingen wie Liebeserklärungen an sich selbst. So als müsste er sich Mut machen, wieder an sich zu glauben. Eine Version von The Long And Winding Road mag autobiografisch gerechtfertigt sein, zählt aber eher zu den Füllern. Großes gelingt ihm, wenn mit großer Geste einen Dreiminüter ins Epische verlängert und sich vom Chor und den Streichern in Richtung Klimax tragen lässt.

    Der Rest sind Grenzgänge zwischen Herz und Schmerz. Die Interpretationen offenbaren die Verletzlichkeit dieses Schöngeists mit der Dramatik eines alten Hollywood-Schinkens. Rücksicht hat er dabei keine genommen. Nicht auf sich, nicht auf seinen Ruf, nicht auf sein Publikum, dem schon die Luft wegblieb, als es die Eröffnungsnummer hörte: Whitney Houstons The Greatest Love of All.

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    Kevin Rowland covert Whitney Houston: The Greates Love of All.

    Nach einer Dekade, die geprägt war von Brit-Pop und Clubmusik, konnte das Publikum mit der seltsamen Wiederkehr eines gefallenen Engels nichts anfangen; das Album wurde verräumt und nie wieder aufgelegt.

    Rückkehr mit den Dexys

    Über die Jahre erfuhr es aber eine zarte Rehabilitierung, zumindest taucht es immer wieder in Listen der besten Coverversionen-Alben auf. Doch währen die meisten Coverversionen aus Bewunderung für das Original entstehen, was legitim ist, wirkt diese Platte wie ein Versuch, sich anhand dieser positiven Erinnerungen am eigenen Schopf aus dem Wasser zu ziehen. Zumindest die Hälfte dieses Werks ist reines Gold, zumindest für jenes Publikum, das ihm offenen Herzens begegnet.

    2012 kehrte er souverän als Dexys wieder. Angetan war er dieses Mal, als komme er eben vom Dreh der Serie Peaky Blinders – drei Alben sind mit dieser Inkarnation seiner Erfolgsband bisher erschienen, das letzte 2016 mit einer sehr alten, aber sehr verführerischen Formel: Dexys Do Irish And Country Soul. Hoffentlich kehrt er bald wieder. (Karl Fluch, 9.4.2019)

    • Kevin Rowland 1999 am Cover seines Albums My Beauty. Seine Fans reagierten verstört und unwirsch – dabei ist das Album zumindest zur Hälfte pures Gold.
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      Kevin Rowland 1999 am Cover seines Albums My Beauty. Seine Fans reagierten verstört und unwirsch – dabei ist das Album zumindest zur Hälfte pures Gold.

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