Raucher, Schrecken, Blasmusik: Der Marathon aus der Sicht der Schnellsten

    7. April 2019, 18:06
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    DER STANDARD verfolgte Nancy Kiprop bei ihrem Rekordlauf in Wien im Begleitauto und protokollierte, was sie verpasste

    Der Tag des Marathons ist der einzige Sonntag im Jahr, an dem die Wiener U-Bahnen um acht Uhr Früh gesteckt voll sind. Dass der gewöhnliche Hauptstädter um diese Zeit (laut Kanzler) noch schläft, wissen die fidelen Laufgruppen aus den fernen Ländern Ecuador, Kroatien und Vorarlberg freilich nicht.

    Nancy Kiprop musste als zweifache, nach dem Rennen dreifache Siegerin des Marathons (Link zum Rennbericht) nicht U-Bahn fahren. Sonntägliches Wachen um unheilige Frühzeiten ist die Kenianerin sowieso gewohnt, sie hat zwei eigene und fünf Adoptivkinder.

    foto: apa/afp/joe klamar
    Start.

    Also war sie maximal bereit, als die schnellsten Damen um Punkt neun Uhr mit dem ersten großen Block starteten. Ein paar Kilometer konnten Kiprops Landsfrau Angela Tanui, die Äthiopierin Rahma Tusa und einige Männer mithalten, dann lief sie mit Pacemaker Hillary Kibet ein zweisames, also einsames Rennen. Man könnte Kiprops Konzentration ihr Erfolgsgeheimnis nennen, das wäre aber falsch, denn sie macht kein Geheimnis daraus. Kiprop lief unbeirrt ihr Rennen, die Schritte gleichmäßig, die Augen geradeaus.

    So kam es, dass sie die zweite große Show an diesem Laufsonntag verpasste, und zwar die, die sich neben der Strecke abspielte. Sie sah nicht den verschlafenen Herrn, der am Fenster stehend an seiner Zigarette zog. Sie sah nicht die vier Eishockey-Profis von Red Bull Salzburg, die sich vor ihrem Semifinalspiel bei den Vienna Capitals eine Marathon-Matinee genehmigten.

    Sights and Sounds

    Sie drehte sich nicht nach den verschiedenen für Laufshops und Autofahrervereinigungen werbenden Cheerleader-Gruppen um; sie würdigte auch die brasilianische Karnevalstruppe vor der Staatsoper nur marginal. Ob die Trommler auf der Mariahilfer Straße oder das Blasmusiktrio bei Kilometer 40 auditiv ihren Weg in das Bewusstsein der Führungsläuferin fanden, ließ sich aus dem Verfolgerauto nicht feststellen. Es blieb der 39-Jährigen auch das Betrachten von unzähligen Spielarten des Klatschens und Lärmens erspart: die unbeholfene Handballenkollision, der geharnischte Handflächen-Echoklescher, der royale Minimalaufwandsapplaudierer. Manch einer lagerte die Klatscherei gleich an gesponserte Plastikhändchen aus, eine Zuseherin schlug mit Kochlöffel und -topf Radau.

    foto: apa/afp/joe klamar
    Marathon von oben.

    Was die meisten Klatscher in der ersten Stunde verband, war die schnelle Rückkehr der Hände in die wärmenden Jackentaschen. Es war kalt. Kiprop fröstelte natürlich nicht, wer einen Schnitt von unter 3:30 pro Kilometer läuft, der verträgt die Morgenfrische.

    Die Kenianerin legte das Rennen bewusst schnell an. "Die erste Hälfte ist schneller zu laufen, also wollte ich hier einen Vorsprung herausholen, um mein Ziel zu erreichen." Das gelang: Kiprop lag von Anfang an auf Streckenrekordkurs und unterbot die bisherige Bestmarke der im Februar verstorbenen Italienerin Maura Viceconte in 2:22:12 Stunden um eine Minute und 35 Sekunden.

    foto: apa/hans punz
    Souverän: Nancy Kiprop.

    Schrecksekunden gab es nur eineinhalb. Kurz vor der Teilung in Halbmarathon und Volldistanz verpassten Kiprop und Kibet den Stand mit ihren persönlichen Getränken. Der Pacemaker drehte um, die Spitzenläuferin nicht. So viel sei gesagt: Diese Frau einholen zu müssen ist auch für einen Klasseläufer wie Kibet kein Spaß. Auch kein Spaß war es, als Kiprop beim nächsten Trinkversuch auf Kilometer 25 ihre Flasche fallen ließ und ihren Rhythmus opferte, um sie aufzuheben. "Zehn Kilometer ohne mein Spezialgetränk hätten mir mental schaden können", sagte die Siegerin.

    Mehr Platz für mehr Schüler

    Der Druck sei ohnehin "schrecklich" gewesen. "Ich habe gewusst, dass alle auf mich schauen", sagte Kiprop nach ihrem dritten Wien-Erfolg. Das war zuvor keiner Frau gelungen. Sie war natürlich glücklich, habe an der Strecke gehört, wie Kinder "Nancy" riefen. In Kenia werden künftig noch mehr Kinder "Nancy" rufen, die Schuldirektorin Kiprop kassierte durch den Rekord 25.000 Euro extra – Geld, das sie in die von ihr gegründeten Nancy Cletius Academy in ihrem Heimatdorf Chesitek gut investieren wird. 125 Kinder besuchen die Schule bereits, nun wird ausgebaut. (Martin Schauhuber, 7.4.2019)

    • Alles im Flow: Es ist viel los bei einem Marathon, die Führenden tangiert das nicht.
      foto: apa/afp/joe klamar

      Alles im Flow: Es ist viel los bei einem Marathon, die Führenden tangiert das nicht.

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