"Die Community ist noch breiter geworden"

    Interview8. April 2019, 06:00
    440 Postings

    Vor 20 Jahren haben Alexander Mitteräcker und Gerlinde Hinterleitner das STANDARD-Forum gegründet. Im Gespräch mit Chefredakteur Martin Kotynek blicken sie auf die Anfangszeit zurück, sprechen über den "Foromat", die Moderation und über Zukunftspläne

    Das STANDARD-Forum ist heute die aktivste Community eines deutschsprachigen Mediums. Vor 20 Jahren hat alles mit einer Idee von Alexander Mitteräcker, heute STANDARD-Vorstand, und Gerlinde Hinterleitner, heute Online-Verlagsleiterin, begonnen. Hier erzählen die beiden im Gespräch mit Chefredakteur Martin Kotynek von den Anfangstagen des Forums, beantworten häufige Fragen über die "Zensur", die Moderation oder die Software "Foromat" und geben einen Ausblick auf die nächsten Pläne für das Forum.

    Wie seid Ihr damals überhaupt auf die Idee gekommen, ein Forum zu eröffnen? Vor 20 Jahren gab es ja kein Vorbild für das STANDARD-Forum.

    Hinterleitner: Jeder Erfolg beginnt mit einer Niederlage. Als wir 1999 das erste Mal versucht haben, ein Online-Forum aufzubauen, haben wir uns gedacht: Wir schaffen ein zentrales Message-Board, bei dem wir die Themen vorgeben, und dann kommen die Menschen dorthin und diskutieren darüber. Das hat nicht so richtig funktioniert. Dann hast Du, Alexander, uns gefragt: "Warum sollen wir uns jeden Tag etwas ausdenken, worüber die User diskutieren sollen, wenn wir doch ohnehin so viele Artikel publizieren, wo die Themen vorgegeben sind? Sollten wir nicht neben oder unter jedem Artikel ein Forum eröffnen?" Ich behaupte, wir waren weltweit das erste Medium, welches das gemacht hat.

    foto: standard, corn
    STANDARD-Chefredakteur Martin Kotynek (rechts) im Gespräch mit Vorstand Alexander Mitteräcker und Gerlinde Hinterleitner, Online-Verlagsleiterin und "User Generated Content"-Verantwortliche.

    Und wie wurde das damals angenommen?

    Mitteräcker: Im Jahr 2000 hatten wir 498 Postings pro Tag. Wir fanden, das ist ein Erfolg.

    Hinterleitner: Heute sind wir bei 28.400 Postings am Tag, an manchen Tagen sind es bis zu 40.000.

    War das Forum damals schon moderiert?

    Hinterleitner: Anfangs haben wir für mehrere Wochen das Forum ohne Betreuung laufen lassen. Da haben wir schnell bemerkt: Das geht so nicht.

    Mitteräcker: Zunächst waren die Redakteure dafür zuständig, die Kommentare in ihrem Ressort freizuschalten. Da kam bei jedem Posting eine E-Mail. Ich weiß noch, als das erste Posting reingekommen ist, da gab es einen wilden Aufschrei! Eine Mitarbeiterin hat gesagt: "Also … es kommt einfach noch mehr Arbeit auf uns zu!"

    Hinterleitner: Später haben wir Moderatoren eingesetzt, was aber auch nicht lange gutgegangen ist, weil es immer mehr Postings wurden und wir damals jedes einzelne Posting händisch moderiert haben. Seit 2003 haben wir automatisierte Unterstützung: den Foromat.

    In Beschwerdemails an die Chefredaktion lese ich bisweilen: "Der Foromat lässt mein Posting nicht durch." Wann passiert das?

    Hinterleitner: Der Foromat ist eine Software mit künstlicher Intelligenz. Wir haben ihm anfangs 100.000 Postings samt den Entscheidungen der Moderatoren zum Lernen gegeben. Die wendet er nun auf jedes Posting an, das hereinkommt. Es durchläuft eine komplexe Analyse mit einem Entscheidungsbaum, an dessen Ende das Posting entweder freigeschaltet wird oder zur genaueren Prüfung an einen Moderator geht.

    Also entscheidet nicht der Foromat, dass etwas nicht erscheint?

    Hinterleitner: Der Foromat kann nur freischalten, nicht löschen. Gut 75 Prozent der Postings schaltet der Foromat frei. Um den Rest kümmern sich die Moderatoren.

    Mitteräcker: Dass ein Posting erscheint, entscheidet die Maschine. Dass ein Posting nicht erscheint, entscheidet ein Mensch.

    Wer kommentiert eigentlich? Übelmeinende behaupten: vorwiegend Lehrer und Arbeitslose.

    Hinterleitner: Es sind zu wenig Lehrer, wir könnten ruhig ein paar mehr haben! Es sind Menschen aus allen Schichten mit allen Berufen. Wir haben ja schon mehrmals Poster-Treffen gemacht, da kommt wirklich jeder und jede – es ist ein schöner Querschnitt durch die gesamte Bevölkerung.

    Immer wieder schreiben mir User, dass es zuletzt mehr konservative Kommentierende zu geben scheint als früher. Hat sich da etwas geändert?

    Hinterleitner: Ja, die Community ist noch breiter geworden. Wir bekommen von den Rechten den Vorwurf, dass wir "zensurieren" – aber genauso von linksliberalen Menschen. Also glaube ich, machen wir es einigermaßen richtig.

    Auch zu dieser "Zensur" bekomme ich immer wieder E-Mails von Usern.

    Mitteräcker: Es gibt da zunächst die gefühlte Zensur. Das ist einfach der Umstand, dass das Posting in der Warteschleife hängt, sprich der Foromat hat entschieden, nicht direkt freizuschalten; dann wartet das Posting auf einen Moderator. Das kann tatsächlich für den Einzelnen unbefriedigend sein und ihm schon das Gefühl vermitteln, das Posting wurde nicht veröffentlicht, sondern "zensuriert". Es erscheint dann zeitverzögert. Außerdem gibt es noch die tatsächliche Zensur, das heißt, das Posting wird gar nicht veröffentlicht. Da muss man eingestehen, das ist angesichts der gut 10.000 Postings pro Tag, die wir lesen müssen, nicht immer objektivierbar.

    Hinterleitner: Wir sind auch dazu übergegangen, dass wir bei manchen Foren den Foromat abschalten und direkt im Forum mitdiskutieren, uns einmischen, die am besten argumentierten Postings voranstellen. Dann sorgen wir aktiv dafür, dass eine gute Debatte stattfindet.

    Man wirft dem STANDARD bisweilen vor, mit seiner Community Geld zu verdienen. Tun wir das eigentlich?

    Mitteräcker: Wenn man sich den Aufwand vergegenwärtigt, den wir betreiben, dann könnte man es wahrscheinlich so rechnen, dass es besser wäre, keine Community zu haben.

    Hast Du denn jemals gerechnet, ob sich die Community auszahlt?

    Mitteräcker: Man kann alles totrechnen.

    Ernsthaft: Lohnt es sich finanziell?

    Mitteräcker: Die Kerngröße, nach der wir uns online ausrichten, ist die Verweilzeit auf unserer Website. Und es ist sicher kein Zufall, dass wir als einziges Medium verlegerischen Ursprungs auf eine Verweilzeit von mehr als 3,5 Millionen Stunden im Monat kommen, während die meisten Mitbewerber unter einer Million Stunden liegen. Dieses enorme Ausmaß an Engagement kommt sicher nur zustande, wenn man über eine funktionierende Community verfügt. Und die inhaltliche Wechselwirkung aus Redaktion und Community macht dann sicher den Erfolg aus. Wenn man aber diese Wechselwirkung außer Acht lassen und die Community isoliert betrachten würde, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es finanziell eher keinen Sinn macht.

    foto: standard, corn
    Alexander Mitteräcker: "Facebook zeigt, dass Hasspostings häufig unter echtem Namen stattfinden. Außerdem würde eine solche Regelung nur weitere Möglichkeiten der Manipulation liefern."

    Habt Ihr Euch, als es immer aufwendiger wurde, die wachsende Community zu betreuen, überlegt, wozu sich der ganze Aufwand eigentlich lohnt?

    Mitteräcker: Also, ich bin der festen Überzeugung: Wenn man ein Online-Medium betreibt und den Rückkanal nicht als wesentlichen Bestandteil dieser Mediengattung sieht, dann nutzt man die Möglichkeiten des Internet nicht aus und verkennt die Mediengattung. Das ist jetzt abseits von jeder kommerziellen Überlegung, sondern schlichtweg unsere Ausrichtung, dass das zu einem Online-Medium dazugehört. Es war nie unsere Überlegung, einfach die gedruckte Zeitung online zu stellen. Uns war damals schon klar: Online ist etwas anderes. Und es ist erstaunlich, dass es 20 Jahre danach immer noch eine Diskussion in der Branche über die Sinnhaftigkeit von Online-Foren gibt.

    Inzwischen gibt es nicht mehr nur die STANDARD-Community, sondern auch Facebook, Youtube und andere. Warum wachsen wir trotzdem weiter?

    Hinterleitner: Weil wir einen öffentlichen Diskurs führen, bei dem jeder und jede nicht nur mitlesen, sondern auch mitposten kann. Es gibt bei uns keine Meinungs-Bubbles und keine geschlossenen Gruppen, wo Dinge im Verborgenen besprochen werden. Das ist auch einer der Gründe, warum die Menschen auf unsere Website kommen: Sie wollen wissen, was die Gesellschaft über ein Thema denkt – und viele lassen sich dann auch animieren, selber mitzudiskutieren. Es ist einfach extrem notwendig für eine Gesellschaft, dass es einen Ort gibt, an dem man miteinander zivilisiert diskutieren kann.

    Nicht alle finden, dass es stets zivilisiert zugeht.

    Mitteräcker: Als wir die Community gestartet haben, hat es nur ein paar Tage gedauert, bis wir das Foto von einer Nackten in unserem Forum hatten. Es gehört zum Wesen eines öffentlichen Forums, dass manche versuchen werden, es zu manipulieren – die einen aus Jux und Tollerei, die anderen, weil sie ein Ziel verfolgen. Es wird immer irgendein Mitglied der Community versuchen, die Grenzen auszureizen. Da gibt es entweder die Möglichkeit, den Diskurs auszuschließen und damit die Vorteile der Mediengattung nicht zu nutzen – oder sich dem zu stellen und schlichtweg zu versuchen, permanent besser zu werden; genauso wie wir im Jahr 1999 schnell erkannt haben, was man herausfiltern muss, damit keine Nacktfotos auftauchen.

    Manche behaupten, eine Klarnamenpflicht würde die Diskussionskultur heben.

    Mitteräcker: Facebook zeigt, dass Hasspostings häufig unter echtem Namen stattfinden. Außerdem würde eine solche Regelung nur weitere Möglichkeiten der Manipulation liefern. In Südkorea gab es ein Klarnamengesetz, das dann vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben werden musste: Fremde Identitäten wurden angenommen, um unter deren Namen Inhalte zu posten.

    Was ist denn unsere Strategie gegen Hasspostings?

    Mitteräcker: Man wird Hasskommentare weder durch die Pflicht lösen, nur noch unter seinem echten Namen zu posten, noch durch Software allein. Es ist die Verbindung von Mensch und Technik, also: Moderation. Nach unserer Statistik haben wir um ein Vielfaches mehr Menschen in der Moderation pro generiertes Posting beschäftigt als Facebook.

    Und wenn Hasspostings doch einmal stehen bleiben und sich die Staatsanwaltschaft bei uns meldet?

    Hinterleitner: Die Staatsanwaltschaft meldet sich bei uns praktisch nie, weil bei uns so gut wie keine Hasspostings stattfinden. Aber es melden sich immer wieder User, die sich beleidigt fühlen. Dann prüfen wir das kritisierte Posting, und wenn der Einwand berechtigt ist, dann geben wir auch die Nutzerdaten heraus, die wir haben, also die E-Mail-Adresse und den Namen.

    Wie oft kommt das vor?

    Hinterleitner: Vielleicht ein- bis zweimal im Monat.

    Wie geht es nach dem Jubiläum nun mit der Community weiter, was sind die nächsten Projekte?

    Mitteräcker: Mich beschäftigt, die Qualität zu halten und zu erhöhen. Und: Wie schafft man es, diese vielen Postings so unter einen Filter zu legen, dass die interessantesten an die Oberfläche kommen?

    Hinterleitner: Einerseits arbeiten wir an Foren, bei denen die Postings zeitlich nur eine bestimmte Zeit sichtbar sind und dann verschwinden. Außerdem bereiten wir Spezialforen vor, bei denen man sich im Vorfeld fachlich qualifizieren muss, um mitdiskutieren zu können – auf diese Fachdebatten freue ich mich schon. (Martin Kotynek, 8.4.2019)

    Alexander Mitteräcker ist seit 1998 für den STANDARD tätig, seit 2000 Geschäftsführer und dann Vorstandsmitglied von derStandard.at und seit 2017 alleiniger Vorstand der STANDARD Medien AG.

    Gerlinde Hinterleitner ist seit 1991 für den STANDARD tätig und Mitbegründerin von derStandard.at. Seit 2013 ist sie Online-Verlagsleiterin und Bereichsleiterin Audience Development & User Generated Content.

    Martin Kotynek ist Chefredakteur des STANDARD und von derStandard.at. Zuvor war er stellvertretender Chefredakteur von "Zeit Online" in Berlin.

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