EU als Vision Hitlers für Europa: Warum gemeinsamer Kampf gegen Desinformation nötig ist

8. April 2019, 13:09
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Alexandre Alaphilippe, Executive Director des EUDisinfoLabs: "Niemand ist immun gegen Desinformation."

Das EUDisinfoLab, eine kleine Non-Governmental-Organisation mit Sitz in Brüssel, bekämpft Desinformation auf mehreren Ebenen. Sie hat sich auf die Entwicklung von Fact-Checking Tools spezialisiert und unterstützt Projekte in diesem Bereich. Gleichzeitig soll das EUDisinfoLab auch als Dialogplattform für Journalisten, Fact-Checker, Forscher und die Justiz dienen. Denn: "Als Zivilgesellschaft ist es unsere Aufgabe sicherzustellen, dass wir uns alle vertrauen und zusammenarbeiten im Kampf gegen Desinformation", meint Alexandre Alaphilippe, einer der Gründer des EUDisinfoLab. Beim International Journalism Festival in Perugia 2019 sprach er unter anderem über den Einfluss von Desinformation auf Menschenrechte.

foto: emil biller
Alexandre Alaphilippe, einer der Gründer des EUDisinfoLab.

Was ist Desinformation?

Unter Desinformation versteht man die bewusste und willentliche Verbreitung falscher Informationen über unterschiedliche Kommunikationswege. Solche Kampagnen verfolgen ein ganz bestimmtes Ziel. Sie sollen die Gesellschaft wirtschaftlich, sozial oder auch politisch in irgendeiner Weise beeinflussen.

Fake News und politische Einflussnahme

Spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen 2016 und dem Brexit-Referendum ist die Diskussion über Wahlbeeinflussung durch "Fake News" aufgeflammt. Russische Hacker sollen in beiden Fällen mit Bots und gezielter Falschinformation den Wahlausgang wesentlich beeinflusst haben. Auch bei den italienischen Wahlen 2018 gab es im Vorfeld einige Fälle von falschen Nachrichten, die über das Internet verbreitet wurden. Bei all diesen Volksentscheidungen haben Parteien des rechten Rands Gewinne eingefahren.

Ist Desinformation also mitverantwortlich für den weltweiten Aufstieg rechter Bewegungen? Dass rechte und rechtspopulistische Parteien hauptsächlich aufgrund von Desinformationskampagnen Zuspruch erhalten, kann Alaphilippe nicht bestätigen. Allerdings glaubt er, dass Desinformation einen Rahmen für populistische Aussagen und Handlungen von Politikern schafft.

Auch in Frankreich gab es während des Bernalla-Falls politische Einflussnahme. Personen aus dem Umfeld des Präsidenten Emmanuel Macron haben über einen anonymen Twitter-Account ein falsches Video geteilt, erzählt Alaphilippe. Seine große Sorge: Dass sich Desinformation als Teil von politischen Kampagnen etabliert und auch akzeptiert wird. Desinformation führt dazu, dass Menschen an andere Realitäten glauben.

Theorie über die Europäische Union

Desinformation wird oft über soziale Medien verbreitet, aber auch abseits vom Internet gibt es Verbreitungskanäle. Philippe de Velliers, ein französischer Politiker und ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments, schreibt in seinem neuen Aufdeckungsbuch "Ich habe am Faden der Lüge gezogen und alles ist gekommen" (franz. "J'ai tiré sur le fil du mensonge et tout est venu") über seine Sicht der EU und ihrer Entstehung.

Der amerikanische Geheimdienst CIA habe die Europäische Union kreiert, der erste EU-Kommissionspräsident sei ein Nazi gewesen, und die Europäische Union sei eigentlich eine Vision Hitlers für Europa – das sind nur einige der Thesen, die de Villiers aufstellt. Binnen eines Monats ist dieses Buch mit über 35.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller geworden – das drittmeistverkaufte Buch in Frankreich im Moment.

Der Einfluss auf die im Mai stattfindenden EU-Wahlen lässt sich, laut Alaphilippe, schwer einschätzen. Französische Historiker bewerteten den Wahrheitsgehalt dieses Buchs als sehr gering. De Villiers wiederum entgegnet, dass doch etwas Wahres dahinter sein muss, sonst würden sich die Wissenschaftler nicht mit seiner Theorie beschäftigen. Gegner von de Villiers werfen ihm vor, ein Verschwörungstheoretiker zu sein, der vom russischen Präsidenten Vladimir Putin manipuliert werde. "Wer oder was wirklich dahintersteckt, weiß man nicht, zumindest jetzt noch nicht!", sagt Alaphilippe.

Debatte um Migration

Auch im Diskurs über Migration spielt Desinformation eine große Rolle. Das Panel "Disinformation in covering migration" in Perugia beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Thema in Europa, den USA und Afrika.

Jacopo Ottaviani, ein italienischer Journalist und Chief Data Officer der Datenjournalismus-Initiative "Code for Africa" sieht den größten Handlungsbedarf bei "dataliteracy", also dem Verständnis von Daten und dem Umgang damit. Auch im Journalismus fehle es an Leuten, die sich wirklich gut mit Daten auskennen und sie auch kritisch hinterfragen. Es gebe große Unterschiede in der Berichterstattung über Migration. Oft würden beispielsweise absolute Zahlen von Migranten in Europa genannt, ohne sie in den Kontext der Gesamtbevölkerung zu setzen. Ebenso brauche es Aufklärung über wichtige Begriffe des Migrationsthemas, da viele Menschen den Unterschied zwischen Asylwerbern, Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten nicht verstünden. Ottaviani fordert von Journalisten einen rationalen, fakten- und datenbasierten Umgang mit diesem wichtigen Thema.

Ein Beispiel für Desinformation beim Thema Migration – Fans eines Pink Floyd-Konzerts werden als Flüchtlinge bezeichnet, die dabei sind, Europa von Libyen aus "zu überschwemmen".

Der Kampf gegen Desinformation

Wir sind alle anfällig für Falschinformationen. Auch Alexandre Alaphilippe erzählt, dass er schon Desinformation verbreitet hat, obwohl er sich persönlich sehr viel mit dieser Thematik beschäftigt. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir alle auf "Fake News" hereinfallen können. Deshalb müssten wir lernen, damit umzugehen.

Was jeder tun kann, um sich selbst vor der Verbreitung von Desinformation zu schützen: Vor dem Teilen eines Beitrags in den sozialen Netzwerken 30 Sekunden warten, den Inhalt anschauen und reflektieren, welchen Mehrwert die Weiterverbreitung überhaupt hat.

Um wirklich etwas zu erreichen im Kampf gegen Desinformation, müssen wir im eigenen Umfeld anfangen, erklärt Alaphilippe. Jeder bei sich, seiner Familie und seinen Bekannten. Wir müssen beginnen, wieder im echten Leben miteinander zu reden.

"Wir haben keinen Platz mehr für friedliche Diskussionen. Auf den Social-Media Plattformen wird nur gegeneinander geschrien, wir aber müssen miteinander freundlich diskutieren", sagt Alaphilippe. Das Vertrauen in einander und die Kommunikation miteinander sieht er als den einzigen Ausweg im Kampf gegen Desinformation. (Emil Biller, 8.4.2019)

foto: eudisinfolab
Studie des EUDisinfolab über Desinformation im Vorfeld der Wahlen in Italien 2018.

Weiterführende Infos:

Projekte des EUDisinfoLab:

  • WeVerify ist ein Tool, das unter Zusammenarbeit mehrere Nachrichtenorganisationen Europas (unter anderem AFP und Deutsche Welle) entsteht und die Fortsetzung des Tools InVID sein soll. InVID ist ein sehr gutes Tool, um Videos und Bilder auf Fakes und Bearbeitungen zu überprüfen. WeVerify soll dann in Zukunft auch dazu beitragen, Falschinformation daran zu hindern, sich weiter zu verbreiten und wo anders wiederaufzutauchen.
  • OpenYourEyes ist ein Erasmusprojekt von europäischen Universitäten, das sich mit der Entwicklung eines Toolkits zur Bekämpfung von Desinformation beschäftigt. Nebenbei geht es auch darum, älteren Menschen die kritische Betrachtung von Informationen näherzubringen.

Datenjournalismusinitative:

  • Code for Africa ist eine Initative zu Förderung von Projekten rund um Datenjournalismus und technischen Innovationen in Afrika.

Fact-Checking-Initative zu den EU-Wahlen 2019:

  • EuFact-Check ist eine Initative der European Journalism Training Center Association (EJTA), die sich darauf spezialisiert hat, Aussagen von Politikern und anderen Beteiligten im Vorfeld der EU-Wahlen 2019 zu überprüfen. Journalismusstudenten aus ganz Europa arbeiten zusammen, um den Lesern richtige Informationen zu geben.

Emil Biller (20) hat wie so viele KärntnerInnen den Weg nach Wien ins Exil eingeschlagen, um dort zu studieren. Neben dem FH-Studiengang Content-Produktion und digitales Medienmanagement studiert er Politikwissenschaften an der Universität Wien.

Zum Projekt: Vom Internationalen Journalismusfestival in Perugia berichten Studierende des Studienbereichs für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW. >>> Mehr hier im Schwerpunkt über Perugia.

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