Wie "Game of Thrones" das Fernsehen verändert hat

    6. April 2019, 10:00
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    Keiner soll sagen, es ist nur eine Serie. Hauptdarsteller abmurksen, Kinder mit Vornamen Khaleesi, merkwürdiges Fanverhalten: Das gibt es erst seit "Game of Thrones"

    2011 lernten die Serienbilder laufen. Episches Erzählen in Fernsehbildern kam in Schwung und verließ die Nische. Der Mainstream wartete und freute sich auf neue Folgen. Es war das Jahr, in dem Homeland, Suits und Shameless ebenso starteten wie American Horror Story, The Bridge und Hell on Wheels. Und Game of Thrones.

    Sopranos in Mittelerde

    Das hatte die Welt noch nicht gesehen. "Sopranos in Mittelerde" wird genannt, was sich seit 17. April 2011 ereignet. Die Herkunft bestimmt den Charakter, und dieser ist selten ohne Tadel. In Game of Thrones ist kein Mensch von Grund auf gut, und ist er es, hat er einen guten Grund. Edle Naturen findet man nur sehr vereinzelt, falls doch, sind sie sehr bald tot. Mafiöse Strukturen in einem fantastischen Reich, geformt von George R. R. Martin, umgesetzt von David Benioff and D. B. Weiss: Das war und ist in vielerlei Hinsicht unerreicht.

    gameofthrones

    Und wenn es zu Beginn auch nicht so aussah: TV ist heute nicht mehr dasselbe wie vor acht Jahren. In der Nacht auf 15. April startet die letzte Staffel von Game of Thrones auf Sky. Viel passiert. Ein Ausschnitt, wie Game of Thrones das Fernsehen verändert hat:

    Episches Erzählen Die Kunst, Fortsetzungsgeschichten in Bilder umzusetzen, erfuhr einen Professionalisierungsschub. Showrunner sind begehrte Fachkräfte am Markt und bereiteten den Boden für die reiche Ernte. Schwer vorstellbar, dass ohne Game of Thrones Serien wie Westworld oder Vikings möglich wären.

    Hauptcharaktere abmurksen Nur wer noch gar keine Folge von Game of Thrones gesehen hat, sollte folgende Sätze nicht lesen: Eine Staffel lang ist Ned Stark eine Lichtgestalt unter Schurken. Und doch rollte am Ende der ersten Staffel sein Kopf. Das war neu und wurde in der Folge ein gern verwendetes Stilbruchelement, zu sehen etwa in House of Cards.

    History-Fantasy-Boom Mit Game of Thrones erfuhr das Mittelalter in Serien einen Aufschwung. Camelot, Borgia, Rome und Marco Polo strapazierten das Thema Burgfräulein und Ritter, brutal und geil und auf eskapistische Bedürfnisse des Publikums abzielend. Nichts währt ewig: 2019 ist TV mit dem Mittelalter durch.

    Plattformen Mehr als 500 Serien pro Jahr entstehen in den USA jährlich. Verantwortlich dafür sind Plattformen wie Netflix, die Serien als großes Geschäft und Kundenbindungsprogramm verstehen und investieren.

    Geldmaschine Serie Zehn Millionen Dollar kostet eine Folge von Game of Thrones und rangiert damit auf Platz vier der teuersten Fernsehserien hinter The Crown, Emergency Room und The Get Down.

    foto: hbo / sky

    Serielle Anziehungskraft Die verspürte nicht nur das Publikum, sondern auch die Schauspieler: Mit größeren Budgets und größerem Publikum wuchs die Bereitschaft, in Serien mitzuwirken. Heute stehen Kinostars Schlange, um in Fortsetzungen zu drehen.

    Wirtschaftsfaktor Die Produktion ist ein Arbeitgeber, die Setlocations sind ein begehrtes touristisches Ziel. In Irland drängen die Schaulustigen an die Drehlocations, ebensolcher Andrang herrscht in Dubrovnik. Diese Art von Tourismus ist ein eigener Zweig geworden: Kapstadt lockt mit Homeland-Touren, Toronto führt zu Wirkstätten von Suits, Highclere Castle besticht mit Downton-Abbey-Charme – Lunchpaket inklusive.

    Web rotiert Illegales Herunterladen der neuesten Folge gehört seit Game of Thrones fast zum guten Ton. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung wurden Folgen innerhalb eines Tages mehr als 60 Millionen Mal gekapert. HBO war eine Zeitlang genervt, gab die Verfolgung aber rasch auf. Weil Marketing alles ist.

    foto: reuters / sergio flores

    Fanverehrung Skurrile Gewohnheiten sind seit Game of Thrones zu beobachten, zum Beispiel "reaction videos" auf Youtube: Reaktionen von Menschen, die Game of Thrones schauen.

    Nachwuchs Bereits nach der ersten Staffel wurde 146 Neugeborenen in den USA von ihren Eltern der Namen Khaleesi gegeben, nach dem Titel der stolzen Herrscherin Daenerys. In Großbritannien gibt es neuerdings sehr viele kleine Aryas, der Wildfang. Und seit 2017 wird ein Kind Oberyn gerufen, benannt nach Oberyn Martell.

    Und was kommt danach? Schwierig. Kennzeichen des sich defragmentierenden Marktes ist, dass Langzeiterfolge wie Game of Thrones nicht wiederholbar scheinen. Schnelle Hypes sind möglich, Stranger Things und 13 Reasons Why gehören dazu, ohne jemals den Bedeutungshorizont zu erreichen. So oder so: Das Ende ist nah. Oder, um es mit Eurer Niedertracht Cersei Lannister zu sagen: "Wenn man das Spiel der Throne spielt, gewinnt man, oder man stirbt. Dazwischen gibt es nichts." (Doris Priesching, 6.4.2019)

    Mehr zu "Game of Thrones" können Sie im neuen STANDARD-Podcast Serienreif hören. Anya Antonius, Michaela Kampl und Daniela Rom spekulieren über das Ende:

    Und verpassen Sie nicht unser Live-Viewing! Am 15. April schauen wir, wenn Sie mögen, mit Ihnen gemeinsam die erste Folge der achten Staffel – um Punkt 20 Uhr. Seien Sie live dabei!

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