Zur Vorgeschichte des Brexit: Das komplizierte Verhältnis zwischen Inselreich und Festlandeuropa

    7. April 2019, 08:00
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    Britisches Europa? Europäisches Großbritannien? Brendan Simms' Buch "Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation"

    Es ist kaum mehr als der Unterschied zwischen einem "und" und einem Apostroph. Und doch signalisiert das Umheben des Titels von Brendan Simms' 2016 erschienenen Buch Britain's Europe ins Deutsche als Die Briten und Europa schon einen anderen, einen kontinentaleuropäischen Blickwinkel. Geht der erste von den britischen Inseln in Richtung Festeuropa, so vermittelt der zweite eine scheinbar neutrale Äquidistanz.

    Dabei zeigt Brendan Simms, Sohn eines Iren und einer Deutschen aus Rostock sowie Professor für Geschichte der internationalen Beziehungen am Peterhouse College der University of Cambridge, eben auf, wie Großbritannien, als es noch lange nicht Großbritannien war und auch noch nicht das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland, sich zu Europa verhielt. Wie es auf Europa blickte. Wie es auf Vorgänge, politische Manöver, auf Machtverschiebungen und Einflussnahmen reagierte. Und das fast eintausend Jahre hindurch.

    Europa als Barriere

    Ein Befund lässt sich durchgehend festhalten: England war nie zur Gänze eine Insel. Auch wenn so, den Franzosen Jules Michelet zitierend, Simms einsetzt. Er widerlegt ihn. Stets war der Konflikt mit Festlandeuropa ein binnenländischer und innenpolitischer. Zwischen den Whigs und den Tories, im Sprachgebrauch von 2019 Europhile und Euroskeptiker.

    Die einen hegten in strategischen und politischen Debatten – und diese zeichnet Simms eindringlich und überzeugend nach – ein Verständnis von Europa, in dem es eine übergroße Macht und ein wider England gerichtetes Imperium einzuhegen galt, war dies nun durch die Jahrhunderte Spanien, Frankreich, Habsburg, später wieder Frankreich, dann Deutschland, nach 1945 die Sowjetunion. Die anderen sahen das englische Inselreich als globale maritime Macht.

    Wer die Meere beherrscht, der regiert die Welt, so ein Bonmot Sir Walter Raleighs. Deutlich wird das sich über Jahrhunderte hinweg aufrechterhaltene Axiom, dass es Barrieren in Westeuropa geben müsse, welche selbst die theoretische Möglichkeit einer Invasion unterbänden. Deutlich wird ebenfalls, dass es sehr oft das britische Inselreich war, das elementare Prinzipien des Rechts und der Humanität aufrechterhielt und wider Tyrannen ins Feld zog.

    Imperiale Eindämmungspolitik

    Klar und bis auf wenige Ausnahmen, an denen sich Simms und sein Übersetzer in zu langen Sätzen verhakeln, gut lesbar, wickelt Simms den roten Faden der imperialen Eindämmungspolitik Londons ab. Von Alfred dem Großen um das Jahr 1000 über die Tudors, Heinrich VIII., Religions- und Rosenkriege, den Hundertjährigen Krieg, den Dreißigjährigen Krieg, Louis XIV. und die Französische Revolution, Napoleon, Metternich und Bismarck bis zu Hitler, Churchill und Thatcher, Blair, Cameron und Theresa May.

    Er zeigt die Integrationen und Verflechtungen auf, die Kämpfe und Kriege, die Grenzziehungen und ideologischen Auf- wie Abschwünge. Pointiert ist seine Skizze der britischen Politik von den 1970er-Jahren bis zur Jahrtausendwende sowie des Empires, das für die Rolle in Europa benötigt wurde, und die Akzentuierung von Englands innerem Separatismus.

    Vertiefen lässt sich vieles, was Simms hie und da ob der offensichtlichen Umfassungsbeschränkung nur mit wenigen Strichen abhandeln kann, durch Robert Tombs' glanzvolles, bis heute nicht ins Deutsche übertragenes Opus The English and their History vertiefen. Auch bei diesem lässt sich ohne Wagnis mutmaßen, dass es nur die wenigsten Brüsseler Eurokraten gelesen haben dürften.

    Simms vertrat schon 2016 in dem mit Benjamin Zeeb verfassten Europa am Abgrund eine explizit britische Position. Einigermaßen befremdlich war das übergroße Lob, das er dem parlamentarischen System der britischen Inseln zollte. Die Vereinigten Staaten von Europa müssten nach Britanniens Vorbild angelegt sein. Oder sie würden gar nicht sein. So seine diskutierbare Argumentation, setzte es doch unübertragbare insulare Besonderheiten voraus.

    Die Briten als Vorbild

    Lesenswert ist Die Briten und Europa, das weit oberhalb populistischer Vorurteile und Ignoranz segelt, nicht nur hinsichtlich der hierzulande medial fahrlässig gering ge- wie beachteten Denk- und politischen Traditionen des Vereinigten Königreiches. Erhellend ist es, weil Simms im letzten, dem zehnten Kapitel, das er extra für die deutsche Ausgabe schrieb und das sich auf dem Stand Winter 2017 bewegt, nüchtern und ungetrübt von allen pseudointerkulturellen Sentimentalitäten aufzeigt, dass die Europäische Union schon seit längerem "kreuzlahm" ist, so Simms wörtlich, innen- wie sicherheitspolitisch naiv oder dilettantisch agiert und ökonomisch wie im binnenmoralischen Anspruch, siehe Ungarn, Polen oder Rumänien, mehr als lamentabel. Aufschlussreich ist es nicht zuletzt wegen Simms' Grundglaube an die von ihm aufgezeigte historische Resilienz der Briten und ihres Landes, vielfältige Krisen durch die Geschichte hindurch erfolgreich gemeistert zu haben. (Alexander Kluy, 6.4.2019)

    foto: dva

    Brendan Simms, "Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation". Übersetzt von Klaus Dieter Schmidt. 28,80 Euro / 400 Seiten. DVA, München 2019

    • "Die Briten und Europa"  segelt weit oberhalb von  Vorurteilen und Ignoranz.
      foto: ap / alastair grant

      "Die Briten und Europa" segelt weit oberhalb von Vorurteilen und Ignoranz.

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